Annedore Leber

Annedore Leber (geborene Rosenthal; * 18. MĂ€rz 1904 in Wilmersdorf bei Berlin; â 28. Oktober 1968 in Berlin) war eine deutsche Publizistin, Verlegerin und SPD-Politikerin. Sie war die Witwe des von Nationalsozialisten ermordeten Reichstagsabgeordneten und WiderstandskĂ€mpfers Julius Leber.
Biografie bis zum Ende der Nazi-Diktatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Annedore Leber war die Tochter von Auguste Bauch und Georg Rosenthal, einem Oberstudienrat. 1914 zog die Familie nach FĂŒrstenwalde, nachdem ihrem Vater dort die Leitung des Gymnasiums ĂŒbertragen worden war. Ihre Erziehung war eher konservativ und streng. 1918 zog die Familie nach LĂŒbeck, wo ihr Vater zum Direktor des humanistischen Gymnasiums Katharineum zu LĂŒbeck berufen worden war. Durch ihren Vater erhielt sie Privatunterricht und legte ein sogenanntes externes Abitur ab. AnschlieĂend begann sie ein Jurastudium in MĂŒnchen, welches sie jedoch im fĂŒnften Semester abbrach. Stattdessen entschied sie sich fĂŒr eine Lehre als Schneiderin in Berlin â dies sollte sich spĂ€ter auch fĂŒr ihre Familie auszahlen â und bestand dort auch ihre MeisterprĂŒfung.
Im November 1927 schloss Annedore die Ehe mit dem Chefredakteur der sozialdemokratischen Tageszeitung LĂŒbecker Volksbote, Julius Leber â anfĂ€nglich gegen den Willen der Eltern. Sie war dem SPD-Reichstagsabgeordneten Leber, den sie schon aus LĂŒbeck kannte, zufĂ€llig in Berlin wieder begegnet. 1929 wurde Tochter Katharina[1] geboren; 1931 folgte Sohn Matthias. Nach der nationalsozialistischen Machtergreifung 1933 zeigte sich ihr Vater zunehmend beeindruckt von der standhaften politischen Haltung seines Schwiegersohnes, dem von da an eine lange Zeit der Verfolgung und Inhaftierungen in verschiedenen Konzentrationslagern bevorstand. Rosenthal war selbst gerade als Direktor des Katharineums von den Nazis abgesetzt worden. Er starb, schwer deprimiert, im MĂ€rz 1934. WĂ€hrend Annedore Leber sich bei den allerhöchsten Dienststellen in Berlin um die Freilassung ihres Mannes bemĂŒhte, kĂŒmmerte sich ihre Mutter um die beiden Kinder.
Im Oktober 1935 zog Annedore Leber wieder nach Berlin. Sie arbeitete, wie seit 1933 schon in LĂŒbeck, als Schneidermeisterin, eröffnete auch ein kleines GeschĂ€ft und konnte so den Unterhalt fĂŒr sich und ihre Kinder aufbringen. Hier hatten die Lebers auch viele Freunde aus dem politischen Widerstand, auf deren Hilfe sie hoffen konnte. Anfang 1936 starb ihr ebenfalls in Berlin lebender Ă€lterer Bruder Helmuth Rosenthal, der ihr immer eine groĂe Hilfe gewesen war. Nach vielen Bittbriefen an die obersten NS-FĂŒhrerpersönlichkeiten und mehrfachem Vorsprechen bei der Gestapo sowie dem Inspekteur der Konzentrationslager, Theodor Eicke und insbesondere nach dem unermĂŒdlichen Einsatz des katholischen OsnabrĂŒcker Bischofs Berning, gelang es ihr schlieĂlich, dass Julius Leber aus dem KZ Sachsenhausen entlassen wurde. Dieser konnte, durch Vermittlung von Gustav Dahrendorf, als Mitarbeiter der Berliner Kohlenhandlung Bruno Meyer Nachf. getarnt, zusammen mit Ludwig Schwamb, Ernst von Harnack und weiteren gleichgesinnten Freunden, Kontakte zu sozialdemokratischen und bĂŒrgerlich-zivilen Widerstandsgruppen wie dem Kreisauer Kreis aufbauen.
Anfang Juli 1944 wurde Julius Leber zusammen mit Dahrendorf von der Gestapo verhaftet und ein halbes Jahr spÀter (nach einem Schauprozess vor dem Volksgerichtshof) zum Tode verurteilt. Seine Frau Annedore wurde mit ihren Kindern von August bis Ende September 1944 in Sippenhaft genommen und in das UntersuchungsgefÀngnis Moabit eingeliefert; ihre Kinder kamen nach einigen Wochen Zwangsaufenthalt in Dessau wieder frei.
Politische AktivitÀten nach 1945
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die zwölf Jahre der stĂ€ndigen Verfolgung ihrer Familie durch die Nationalsozialisten blieben fĂŒr die nach eigenen Angaben 1945 zur katholischen Kirche konvertierte[2] Witwe Annedore Leber nicht ohne Folgen. Aus der frĂŒher eher unpolitischen Frau war im Verlauf dieser Zeit eine ĂŒberzeugte und kĂ€mpferische Sozialdemokratin geworden. Bereits ab Oktober 1945 wurde sie zur Leiterin des Frauensekretariats und in den Zentralausschuss der SPD gewĂ€hlt. Am 21. April 1946 kam es zu einer Zwangsvereinigung von SPD und KPD zur SED in der Sowjetischen Besatzungszone, woraufhin Annedore Leber ihren Austritt erklĂ€rte und in die von Kurt Schumacher wenig spĂ€ter neu gegrĂŒndete Westzonen-SPD wechselte. FĂŒr die neue Partei wurde sie in die Berliner Stadtverordnetenversammlung wĂ€hrend der ersten Legislaturperiode 1946 entsandt. Von nun an begann auch ihre publizistische TĂ€tigkeit: Arno Scholz konnte sie, zusammen mit dem ehemaligen ReichstagsprĂ€sidenten Paul Löbe, als LizenztrĂ€gerin fĂŒr die SPD-nahe Zeitung Telegraf gewinnen. Es erschienen einige Ausgaben der Frauenzeitschrift Mosaik in dessen Verlagsgruppe Arani. 1947 grĂŒndete sie in der ehemaligen Kohlenhandlung den Mosaik Verlag (1961 umbenannt in Verlag Annedore Leber), in dem vorwiegend politische und pĂ€dagogische BĂŒcher herausgegeben wurden. Mit ihren Veröffentlichungen machte sie den Widerstand in der NS-Zeit bekannt.
Als Berliner Stadtverordnete hielt Annedore Leber am 29. Juni 1948 eine eindrucksvolle Rede zur Lage Berlins wĂ€hrend der Blockade, mit der sie die Vereinten Nationen zur UnterstĂŒtzung bei der BewĂ€ltigung dieser Krise aufrief. Unter dem Titel Berliner Frauen appellieren an die Menschlichkeit wurde diese Rede zusammen mit DebattenbeitrĂ€gen der liberalen Stadtverordneten Ella Barowsky, der Christdemokratin Lucia KrĂŒger und einem Vorwort der Amtierenden OberbĂŒrgermeisterin Louise Schroeder als BroschĂŒre gedruckt.[3] 1950 verkaufte sie ihre Verlagsanteile an Scholz und gab auch die Lizenz zurĂŒck. Der erste Band ihrer Sammlung von Widerstands-Biografien, die sie zusammen mit Willy Brandt und Karl Dietrich Bracher seit Kriegsende zusammengetragen hatte, erschien 1953 im Mosaik-Verlag. In diesen 64 Lebensbildern aus dem deutschen Widerstand 1933â1945 (spĂ€ter erweitert in dem Band Das Gewissen entscheidet) schilderte sie die Schicksale all derer, die einen Ă€hnlichen Lebensweg wie ihre eigene Familie durchgemacht hatten. Ihre frĂŒhe Verbundenheit zu Willy Brandt war sicher nicht zufĂ€llig; der zurĂŒckgekehrte Exilant hatte bereits als SchĂŒler unter seinem Geburtsnamen Herbert Frahm fĂŒr den LĂŒbecker Volksboten geschrieben.

Annedore Leber blieb auch weiterhin politisch aktiv. Von 1954 bis 1962 war sie Bezirksverordnete von Berlin-Zehlendorf und von 1963 bis 1967 Mitglied des Abgeordnetenhauses von Berlin. Nach der GrĂŒndung der Bundeswehr 1955 wurde sie eines von 38 Mitgliedern des Personalgutachterausschusses fĂŒr die StreitkrĂ€fte. Sie war Vorstandsmitglied der Gesellschaft fĂŒr christlich-jĂŒdische Zusammenarbeit, Delegierte der Beratenden Versammlung des Europarates sowie Mitglied der Deutschen UNESCO-Kommission und des Kulturpolitischen Beirates des AuswĂ€rtigen Amtes.
Annedore Leber starb Ende Oktober 1968 im Alter von 64 Jahren in Berlin. Die Beisetzung erfolgte auf dem dortigen Waldfriedhof Zehlendorf, neben ihrem 1963 verstorbenen Sohn Matthias (Grablage: 059-785). Als Grabmarkierung dient ein schmiedeeisernes Kreuz, das auch an den an unbekanntem Ort ruhenden Julius Leber erinnert.[4] Auf Beschluss des Berliner Senats ist die letzte RuhestĂ€tte von Annedore Leber seit 1970 als Ehrengrab des Landes Berlin gewidmet. Die Widmung wurde zuletzt im Jahr 2021 um die inzwischen ĂŒbliche Frist von zwanzig Jahren verlĂ€ngert.[5]
Weitere Ehrungen
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Nach Annedore Leber wurden das Annedore-Leber-Berufsbildungswerk Berlin (ALBBW) in Berlin-Britz mit einer integrierten Sonderberufsschule sowie die Annedore-Leber-Grundschule in Berlin-Lichtenrade benannt.
Die ehemalige Kohlenhandlung, wo Annedore Leber spĂ€ter ihre BĂŒcher publizierte, existiert noch. Der Abriss der Baracke konnte verhindert werden. Ein Arbeitskreis, dem der Stadtteilladen Schöneberg, die Geschichtswerkstatt Berlin und weitere Anwohner angehören, setzt sich fĂŒr eine Gedenkstelle an diesem Ort ein.[6] Sie sprechen sich fĂŒr die Erhaltung der historischen Spuren und ihre Sichtbarmachung aus. Am Beispiel von Annedore und Julius Leber soll der Widerstand gegen den Nationalsozialismus erlebbar und nachvollziehbar werden.
Werke
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Rosa Luxemburg: Briefe aus dem GefÀngnis. Mit einem Geleitwort von Annedore Leber. Phönix - Verlag, Hamburg 1947. 62 S.
- (Hrsg.): Mosaik. Das Monatsblatt der Zeit. Mit Schnittbogen. Mosaik - Verlag, Berlin - Wilmersdorf 1947. 24 S.
- (Hrsg.): Der Weltgarten. Ein grosser Plan fĂŒr alle Kinder. Textgestaltung von Walter May u. Werner Hinz. Mosaik - Verlag, Berlin - Frankfurt/Main 1953. 30 S. (Vorlage fĂŒr die Illustrationen des Buches war der Film A garden we planted together der UNESCO).
- (Hrsg.): Das Gewissen steht auf. 64 Lebensbilder aus dem deutschen Widerstand 1933 - 1945 gesammelt und hrsg. in Zusammenarbeit mit Willy Brandt und Karl Dietrich Bracher. Mosaik - Verlag, Berlin - Frankfurt a. M. 1954. 237 S.
- (Hrsg.): Das Gewissen steht auf. Lebensbilder aus dem deutschen Widerstand 1933 - 1945 gesammelt und hrsg. in Zusammenarbeit mit Willy Brandt und Karl Dietrich Bracher. Neu herausgegeben von Karl Dietrich Bracher in Verbindung mit der Forschungsgemeinschaft 20. Juli e. V. EnthĂ€lt auĂerdem: Das Gewissen entscheidet. Hase & Koehler, Mainz 1984. XII, 455 S.
- (Hrsg.): Das Gewissen entscheidet. Bereiche des deutschen Widerstandes von 1933 - 1945 in Lebensbildern. Hrsg. in Zusammenarbeit mit Willy Brandt und Karl Dietrich Bracher. Fotografische Mitarbeit Ruth Wilhelmi. Mosaik - Verlag, Berlin - Frankfurt a. M. 1957. 303 S.
- Annedore Leber / Freya GrĂ€fin von Moltke: FĂŒr und wider. Entscheidungen in Deutschland 1918 - 1945. Mosaik - Verlag, Berlin - Frankfurt/Main 1961. 287 S.
- Doch das Zeugnis lebt fort. Der jĂŒdische Beitrag zu unserem Leben. Berlin - Frankfurt/M. 1965.
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Dorothea Beck: Julius Leber. Sozialdemokrat zwischen Reform und Widerstand, Siedler Verlag, Berlin 1983, ISBN 3-88680-091-1 (ursprĂŒnglich Dissertation an der Ruhr-UniversitĂ€t Bochum)
- Antje Dertinger: Frauen der ersten Stunde. Aus den GrĂŒnderjahren der Bundesrepublik, J.Latka Verlag, Bonn 1989, ISBN 3-925068-11-2, S. 60â68.
- Werner Breunig, Siegfried Heimann, Andreas Herbst: Biografisches Handbuch der Berliner Stadtverordneten und Abgeordneten 1946â1963 (= Schriftenreihe des Landesarchivs Berlin. Band 14). Landesarchiv Berlin, Berlin 2011, ISBN 978-3-9803303-4-3, S. 164.
- Ditmar Staffelt: Der Wiederaufbau der Berliner Sozialdemokratie 1945/46 und die Einheitsfrage â ein Beitrag zur Nachkriegsgeschichte der unteren und mittleren Organisationsgliederungen der SPD, Verlag Peter Lang 1986, ISBN 978-3-8204-9176-0, S. 431.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Literatur von und ĂŒber Annedore Leber im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Lern- und Gedenkort Annedore und Julius Leber, Berlin-Schöneberg
- berlin.de: âKiezspaziergang 2004â zum Geburtshaus in ihrem 100. Geburtsjahr (abgerufen am 10. August 2012)
- Eine Spiegel-Seite fĂŒr Annedore Leber âMĂ€nner des 20. Juliâ in Der Spiegel 29/1947
- Biografie in der GedenkstÀtte Deutscher Widerstand
- Nachlass BArch N 1732
- Jasmin Lörchner: Annedore Leber: WiderstandskĂ€mpferin und Publizistin, vom 11. MĂ€rz 2024, Podcast HerStory, Frauen und Queers in die GeschichtsbĂŒcher, Episode 89
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- â Katharina Christiansen-Leber (â 26. September 2008 in MĂŒnchen), deutsche Journalistin.
- â Clemens-August Recker: »Wem wollt ihr glauben?« Bischof Berning im Dritten Reich. Ferdinand Schöningh, Paderborn MĂŒnchen Wien ZĂŒrich 1998. Zu Annedore Leber mit Quellen: S. 370â375
- â Antje Dertinger: Frauen der ersten Stunde. J.Latka Verlag, Bonn 1989, S. 67. ISBN 3-925068-11-2.
- â Hans-JĂŒrgen Mende: Lexikon Berliner BegrĂ€bnisstĂ€tten. Pharus-Plan, Berlin 2018, ISBN 978-3-86514-206-1. S. 635.
- â EhrengrabstĂ€tten des Landes Berlin (Stand: August 2021) (PDF, 2,3 MB), S. 45. Auf: Webseite der Senatsverwaltung fĂŒr Umwelt, MobilitĂ€t, Verbraucher- und Klimaschutz. Abgerufen am 22. Juli 2022. Vorlage â zur Kenntnisnahme â Anerkennung, VerlĂ€ngerung und NichtverlĂ€ngerung von GrabstĂ€tten als EhrengrabstĂ€tten des Landes Berlin (PDF, 195 kB). Abgeordnetenhaus von Berlin, Drucksache 18/3959 vom 4. August 2021, S. 2, 4. Abgerufen am 22. Juli 2022.
- â Lern- und Gedenkort
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Leber, Annedore |
| ALTERNATIVNAMEN | Rosenthal, Annedore (Geburtsname) |
| KURZBESCHREIBUNG | deutsche Publizistin und Politikerin (SPD), MdA |
| GEBURTSDATUM | 18. MĂ€rz 1904 |
| GEBURTSORT | Wilmersdorf |
| STERBEDATUM | 28. Oktober 1968 |
| STERBEORT | Berlin |