Zum Inhalt springen

Big-Wing-Kontroverse

aus Wikipedia, der freien EnzyklopÀdie

Als Big-Wing-Kontroverse wird eine Meinungsverschiedenheit zwischen zwei rivalisierenden britischen Kommandeuren wĂ€hrend der Luftschlacht um England bezeichnet. Hintergrund war die zentrale Frage, ob die deutschen VerbĂ€nde mit einzelnen Staffeln oder grĂ¶ĂŸeren VerbĂ€nden (Big Wings) von AbfangjĂ€gern anzugreifen seien.

Keith Park, 1940

Am 30. August 1940 griffen Flugzeuge der Staffel unter der FĂŒhrung von Douglas Bader einen deutschen Verband aus Bombern und Jagdflugzeugen an. Bei der Nachbesprechung bemerkte Bader, dass der Erfolg noch weit grĂ¶ĂŸer gewesen wĂ€re, hĂ€tten sie mit einer grĂ¶ĂŸeren Anzahl an Flugzeugen angreifen können. In dieser Phase der Luftschlacht um England wurde aber eine Strategie verfolgt, die VerbĂ€nde von der StĂ€rke einer Squadron, also von 12 Flugzeugen, als grĂ¶ĂŸte gemeinsam gefĂŒhrte Angriffseinheit bei den Jagdflugzeugen vorgab.[1]

Dies war in der Sorge begrĂŒndet, dass ein grĂ¶ĂŸerer Verband zu unflexibel sei und das Risiko in sich barg, zu viele Reserven auf einmal zu opfern. Wichtiger Vertreter dieser Auffassung war der Kommandeur der 11. Fighter Group Air Vice Marshal Keith Park, welche die Hauptlast der Verteidigung SĂŒdenglands in der kritischen Phase trug. Dessen Methodik bedeutete zwar oft die zahlenmĂ€ĂŸige Unterlegenheit in der Luft, ermöglichte aber kurze Reaktionszeiten und stetige Angriffe auf die Bomberformationen (Hit-and-Run).[2]

Bader war jedoch mit seiner Staffel der 12. Fighter Group unterstellt, die von Air Vice Marshal Trafford Leigh-Mallory gefĂŒhrt wurde. Leigh-Mallory unterstĂŒtzte Baders Vorschlag und fĂŒhrte erst drei, dann fĂŒnf Squadrons zu einem „Fighter Wing“ zusammen, was zahlenmĂ€ĂŸig in etwa der Gruppe eines Jagdgeschwaders der Luftwaffe entsprach. Der Verband wurde als „Duxford Wing“ bekannt und von Douglas Bader in den Kampf gefĂŒhrt. Gegen Ende des Jahres 1940 meldete der Duxford Wing ĂŒber 150 AbschĂŒsse bei eigenem Verlust von 30 Piloten. Diese Zahlen wurden als Argument fĂŒr die Überlegenheit der Taktik genutzt, stellten sich jedoch in der Nachkriegsanalyse als drastisch ĂŒberhöht heraus.[3]

Hugh Dowding als Vermittler

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Hugh Dowding als zustĂ€ndiger Vorgesetzter ĂŒberließ es weitgehend seinen Kommandeuren, die gestellte Aufgabe nach ihrer EinschĂ€tzung zu meistern. Er geriet dadurch unter Kritik seitens des Luftfahrtministeriums, das eine aggressivere KriegsfĂŒhrung forderte, und auch seitens der ungeduldig auf den Einsatz wartenden Piloten der 12. Gruppe um Bader und Leigh-Mallory.

Außerdem verfĂŒgte Dowding ĂŒber Informationen aus Geheimdienstquellen, die aus entschlĂŒsselten FunksprĂŒchen gewonnen wurden, den ultra intercepts. Darin wurde deutlich, dass die Luftwaffe hoffte, die RAF zu einem Großeinsatz herausfordern zu können, bei dem auch die Reserven in den Kampf geworfen und dezimiert werden wĂŒrden. Dowding hatte nicht vor, dem nachzukommen, und teilte somit Parks Strategie der Ressourcenschonung.[4]

Die Art und Weise, wie diese Meinungsverschiedenheit auch politisch ausgetragen wurde, fĂŒhrte dazu, dass das Luftfahrtministerium das Vertrauen in Dowding verlor. Im November 1940 wurde er nach einem GesprĂ€ch mit dem Minister fĂŒr Luftfahrt, Sir Archibald Sinclair, von seinem Kommando abberufen. Historiker werten dies heute oft als Ergebnis einer Intrige, bei der die Big-Wing-Kontroverse als Vorwand diente.[5]

Zu diesem Zeitpunkt wurden Keith Park und Hugh Dowding abgelöst. Trafford Leigh-Mallory ĂŒbernahm zunĂ€chst die 11. Gruppe von Keith Park. 1942 folgte er Sholto Douglas als Oberbefehlshaber des Fighter Command nach.

Historische Bewertung

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die moderne militÀrhistorische Forschung bewertet die Big-Wing-Strategie heute weitgehend kritisch und bestÀtigt die damalige Skepsis von Keith Park.

Zeitfaktor und FlexibilitÀt

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Das Hauptproblem des „Big Wing“ war die Zeit, die benötigt wurde, um drei bis fĂŒnf Staffeln in der Luft zu sammeln (Formierung) und gemeinsam auf Angriffshöhe zu bringen. Dies dauerte oft zu lang, um schnell einfliegende deutsche BomberverbĂ€nde noch vor dem Bombenabwurf abzufangen. WĂ€hrend Parks Einheiten der 11. Gruppe den Feind frĂŒh attackierten, traf der Big Wing der 12. Gruppe hĂ€ufig erst ein, als die deutschen VerbĂ€nde bereits auf dem RĂŒckflug waren oder ihre Ziele bereits bombardiert hatten.[6]

Overclaiming (Übertreibung der Abschusszahlen)

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]

Die von Leigh-Mallory und Bader ins Feld gefĂŒhrte Abschussbilanz gilt heute als statistisch unhaltbar. Analysen der Nachkriegszeit, die britische Meldungen mit den tatsĂ€chlichen deutschen Verlustlisten verglichen, zeigten, dass der „Big Wing“ seine AbschĂŒsse massiv ĂŒberbewertete.

  • WĂ€hrend die Einheiten der 11. Gruppe (Park) ihre AbschĂŒsse oft um den Faktor 1,5 bis 2 ĂŒbertrieben (was im Luftkrieg als normal gilt), lag der Faktor beim Big Wing oft bei 5 bis 7.[7]
  • Als Beispiel gilt der 15. September 1940: Dem Big Wing wurden 52 AbschĂŒsse gutgeschrieben, die tatsĂ€chlichen deutschen Verluste durch diesen Verband lagen jedoch weit niedriger (vermutlich unter 10).[8]

Damit entfiel das Hauptargument fĂŒr den Big Wing – die angeblich höhere Effizienz – bei genauerer Betrachtung. SpĂ€tere Analysen des Luftfahrtministeriums (oft als „Sandkastenspiele“ bezeichnet) bestĂ€tigten 1941 zwar theoretische Vorteile großer VerbĂ€nde, ließen jedoch die operativen Schwierigkeiten des Jahres 1940 außer Acht.

  • Stephen Bungay: The Most Dangerous Enemy: A History of the Battle of Britain. Aurum Press, London 2000, ISBN 1-85410-721-6.
  • Len Deighton: Fighter: The True Story of the Battle of Britain. Pimlico, London 2008, ISBN 978-1845951061.
  • Richard Hough, Denis Richards: The Battle of Britain: The Greatest Air Battle of World War II. W.W. Norton, New York 1989, ISBN 978-0-393-02766-2.
  • John Ray: The Battle of Britain: Dowding and the First Victory 1940. Cassell, London 2001, ISBN 978-0-304-35677-5.
  • Dilip Sarkar: Bader's Big Wing Controversy: Duxford 1940. Air World (Pen & Sword Books), Yorkshire 2022, ISBN 978-1-3990-1715-2.

Einzelnachweise

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
  1. ↑ Len Deighton: Fighter: The True Story of the Battle of Britain. Pimlico, London 2008, S. 262.
  2. ↑ Richard Hough, Denis Richards: The Battle of Britain: The Greatest Air Battle of World War II. W.W. Norton, New York 1989, S. 280 ff.
  3. ↑ Stephen Bungay: The Most Dangerous Enemy: A History of the Battle of Britain. Aurum Press, London 2000, S. 358–359.
  4. ↑ Stephen Bungay: The Most Dangerous Enemy. S. 370.
  5. ↑ John Ray: The Battle of Britain: Dowding and the First Victory 1940. Cassell, London 2001, S. 160–165.
  6. ↑ Richard Hough, Denis Richards: The Battle of Britain. S. 282.
  7. ↑ Stephen Bungay: The Most Dangerous Enemy. S. 359.
  8. ↑ Alfred Price: The Battle of Britain Day. Sidgwick and Jackson, London 1990, S. 140 ff. (Detaillierte Analyse der Verlustlisten des 15. September).