Charles Edenshaw

Charles Edenshaw, bei den Haida IdÉšnsaw, (* um 1839 in Skidegate auf Haida Gwaii (Queen Charlotte Islands); â 1920, wahrscheinlich am 12. September, in Masset, British Columbia) war ein HĂ€uptling der Haida und gilt als ihr bedeutendster SchnitzkĂŒnstler.[1] Er war zudem das wichtigste Vorbild von Bill Reid, aber auch von John Marks, Isaac (Ben) Chapman und Daniel Stanley (Skilgoldzo), dem Enkel von Simeon Stiltla, einem auf Haida Gwaii berĂŒhmten KĂŒnstler. Sein Werk kreist um die Mythen der Haida, wie den Raben.
Die kanadische Regierung, vertreten durch den fĂŒr das Historic Sites and Monuments Board of Canada zustĂ€ndigen Minister, ehrte Edenshaw am 27. Mai 1971 fĂŒr sein Wirken sowie sein Werk und erklĂ€rte ihn zu einer âPerson von nationaler historischer Bedeutungâ.[2]
Leben
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IdÉšnsaw entstammte den Haida und wurde in eine traditionelle Familie geboren, die eine Reihe von ErbhĂ€uptlingen hervorgebracht hatte. Die Haida setzen sich aus zwei Moietys zusammen. Nur zwischen ihnen durfte geheiratet werden, nicht innerhalb der Moietys. Die beiden Moietys wiederum zerfielen in 22 bzw. 23 Lineages. Die Kinder blieben bei der mĂŒtterlichen Lineage. IdÉšnsaws Vater hieĂ K'Ćajangk'una und gehörte zur NikwÉn Qiwe Lineage der Raben-Moiety, seine Mutter QawkĂșna von der SdÉĆdĂĄs Lineage zur Adler-Moiety. Sie war die einzige Schwester von HĂ€uptling Albert Edward Edenshaw. Seine ersten Jahre verbrachte Charles in Kiusta an der NordkĂŒste von Graham Island im Nordwesten der Queen Charlotte Islands. Wohl von seinem Vater lernte er, Kanus zu schnitzen. Um 1853 zogen sie etwas ostwĂ€rts in das Dorf Kung, wo die Familie bis etwa 1880 blieb. Er ĂŒberlebte die katastrophale Pockenepidemie von 1862.

Mit etwa 14 Jahren, als er krank war, begann IdÉšnsaw Argillit und Silber zu bearbeiten. Argillit wurde spĂ€testens seit den 1820er Jahren bei den Haida beschnitzt, z. B. um Tabakpfeifen herzustellen. Nach Auskunft des anglikanischen Priesters Charles Harrison, der in Masset diente, war er der erste, der Edelmetalle bearbeitete. Von diesen frĂŒhen Werken ist nichts erhalten, oder kann ihm zumindest nicht zugewiesen werden.[3] Von den sechs TotempfĂ€hlen, die ihm frĂŒher zugewiesen wurden, sind nur vier von ihm, zwei stammen von seinem Onkel Edaânsa.
In den 1870er Jahren schnitzte er zwei PfĂ€hle fĂŒr Chief Skidegate, einer davon war ein Hauspfahl, der andere entstand 1879â80 fĂŒr eine der verstorbenen Frauen des HĂ€uptlings. Zwischen 1878 und 1881 schnitzte Charles einen Gedenk-Totempfahl fĂŒr Qwa'Kuna, den John Robson aufrichten lieĂ. Vor dem Verbot des Potlatch (1885) nahm er mindestens zehnmal an einer solchen Verschenkfeierlichkeit mit strengen Ritualen teil, der zeremonielle Name â NÂżngkwigetklaĆs (Sie gaben zehn Potlatch-Feiern fĂŒr ihn) â, den er anlĂ€sslich des letzten Potlatchs seiner Eltern erhielt, deutet jedenfalls darauf hin. Bei dieser Gelegenheit wurde er an Brust und RĂŒcken, HĂ€nden, Armen und Beinen tĂ€towiert. Dargestellt wurden Frosch, Seewolf und Adler, erinnert sich seine Tochter Florence Edenshaw Davidson.
Von seinem Onkel Edaânsa (Albert Edward Edenshaw) wurde er entsprechend der Tradition im Alter von 18 oder 19 Jahren zu sich geholt. Er war der ErbhĂ€uptling der Lineage von Charlesâ Mutter. Sein Onkel hatte 1865 zum zweiten Mal geheiratet und Charles heiratete spĂ€ter, um 1873, KâwoiyÂżng, die Cousine der neuen Frau. Mit KâwoiyÂżng lebte er abwechselnd in Kung, Yatza und Masset. Kurz nach 1880 erbte das Paar ein Haus in Masset von der Witwe eines anderen Onkels. Am 27. Dezember 1885 wurden die beiden in Masset getauft, wobei sie die Namen Charles und Isabella annahmen. Unmittelbar darauf wurden sie erneut, diesmal kirchlich verheiratet. Um diese Zeit war Charles Edenshaw bereits so erfolgreich, dass er nicht mehr fischen oder jagen musste. Seine produktivste Phase ĂŒberspannte die drei Jahrzehnte von 1880 bis 1910. Durch seine Abstammung stieg er 1885 zum HĂ€uptling auf (Chief Edaânsa). Trotz des Verbots zentraler Zeremonien, wie des Potlatch, durch die kanadische Regierung arbeitete Edenshaw an seinem Stil und wurde von Charles Frederick Newcombe 1902 als âder beste lebende SchnitzkĂŒnstler (carver) in Holz und Steinâ bezeichnet.
Das Paar reiste viel und verkaufte seine Kunstwerke in Port Essington, Fort Simpson, in Victoria und Juneau, Kasaan, Klinkwan und Ketchikan in Alaska. Charlesâ Frau Isabella stellte Körbe her und arbeitete zeitweise in einer Konservenfabrik. Nachdem die Kinder das Haus verlassen hatten, konnte er auch in ihrem Haus in Masset arbeiten. Zu seinen Werken zĂ€hlen neben Totem- und HauspfĂ€hlen Kisten, Schalen und Trommeln, aber auch Kanus, rituelle Masken und hölzerne StirnbĂ€nder. Diese Kunstwerke waren fĂŒr den Verkauf bestimmt. DarĂŒber hinaus bemalte er die Körbe und HĂŒte seiner Frau.[4] Sein Zeichen war ein Stern mit vier Spitzen, die jeweils zweifarbig sind.[5] Silber- und Goldschmuck fertigte er nur fĂŒr die Rituale der Haida; sie waren unverkĂ€uflich. Das Gleiche galt fĂŒr SitzbĂ€nke, Kinderwiegen und steinerne Grabmonumente. Bei anderen seiner Werke ist dies weniger klar, wie etwa bei beschnitzten Spazierstöcken.
Der Verkauf erfolgte ĂŒberwiegend ĂŒber den Laden von George Cunningham in Port Essington, wohin auch bekannte Sammler reisten, unter ihnen Charles Newcombe. Von den acht Kindern der beiden Edenshaws waren bis 1896 fĂŒnf verstorben. In diesem Jahr ertrank zudem ihr Sohn Robert, er war ein vielversprechender Schnitzer gewesen. Im nĂ€chsten Jahr wurde eine Tochter geboren und Florence getauft, doch die Eltern waren enttĂ€uscht, dass es kein Sohn war. Doch galt sie dem Vater als Wiedergeburt seiner Mutter. Zwei weitere Töchter kamen zur Welt, von denen eine allerdings frĂŒh starb.
1897 traf Edenshaw in Port Essington den Völkerkundler Franz Boas. Er gab ihm die Materialien und Zeichnungen, die Boas 1927 in seinem Werk Primitive art[6] veröffentlichte. Die EntwĂŒrfe von TĂ€towierungen, die er ihm ĂŒberlieĂ, veröffentlichte John Reed Swanton vom American Museum of Natural History in New York. FĂŒr ihn fertigte Edenshaw 1901 Modelle von acht TotempfĂ€hlen,[7] zwei Hausmodelle, sowie ein Kanu. Ăber seinen Cousin Henry Edenshaw erhielt Swanton 1901 eine Maske.
Charles Edenshaws Werke sind heute weit verstreut. Sie befinden sich ĂŒberwiegend im American Museum of Natural History, dem Field Museum of Natural History in Chicago, dem Burke Museum in Seattle,[8] dem Royal British Columbia Museum in Victoria, dem Museum of Anthropology in Vancouver, dem Canadian Museum of Civilization bei Ottawa und dem Pitt Rivers Museum im englischen Oxford.
Mit der Ausstellung von 1927 in der National Gallery of Canada in Ottawa, die spĂ€ter die Galerie nationale du Jeu de Paume in Paris zierte, erlangte Edenshaw verspĂ€tet Weltruhm. Der Anthropologe Marius Barbeau brachte seine Ausnahmestellung und die Schnitzkunst insgesamt durch sein Haida carvers and Haida myths von 1957 ins Bewusstsein der Ăffentlichkeit. 1967 war die Ausstellung Arts of the Raven in der Vancouver Art Gallery, mit 66 Objekten ausschlieĂlich Edenshaw gewidmet.
Die beste Untersuchung lieferte 1981 Bill Holm. Er stellte die kĂŒnstlerische Entwicklung Edenshaws heraus und grenzte sie gegenĂŒber der zeitgenössischen Kunst ab, wie etwa der seines Stiefvaters John Robson. Nach 1910 lieĂ das Augenlicht Edenshaws spĂŒrbar nach. Nach Aussage seines Urenkels Robert Charles Davidson soll er gesagt haben: âWenn ich zurĂŒckkomme, möchte ich nie wieder schnitzen.â
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Frank M. Appleton: The life and art of Charlie Edensaw. In: Canadian Geographical Journal 81 (1970) 20â25.
- Bill Holm: Will the real Charles Edensaw please stand up?: the problem of attribution in northwest coast Indian art. In: Donald N. Abbott, Wilson Duff, Marnie Duff (Hrsg.): The World is as Sharp as a Knife: an anthology in honour of Wilson Duff. Victoria 1981, S. 175â200.
- Alan L. Hoover: Charles Edensaw and the creation of human beings. In: American Indian Art Magazine 8 (1982â83) 62â67.
- Alan L. Hoover: Charles Edenshaw: his art and audience. In: American Indian Art Magazine 20 (1994â95) 44â53.
- John R. Swanton: Contributions to the ethnology of the Haida. Leiden / New York 1905, Nachdruck New York 1975.
- Susan Jane Davidson Thomas: The life and work of Charles Edenshaw: a study in innovation. Department of Anthropology and Sociology, University of British Columbia, Vancouver 1967.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Robin K. Wright: Edenshaw, Charles. In: Dictionary of Canadian Biography. Band 14: 1911â1920. University of Toronto Press, Toronto 1998, ISBN 0-8020-3476-4 (englisch, französisch).
- Carol Sheenan: Charles Edenshaw (Tahayren). In: The Canadian Encyclopedia. (englisch, französisch).
- Online Exhibition des Canadian Museum of Civilization
Anmerkungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- â Er gilt als âOne of the most talented and influential of all Northwest Coast artistsâ (Charles Edenshaw in American Museum of Natural History).
- â Tahayren (Edenshaw, Charles) â National Historic Person. In: Directory of Federal Heritage Designations. Parks Canada/Parcs Canada, abgerufen am 22. Juni 2022 (englisch).
- â Auch eine Kiste, die ihm lange zugewiesen wurde, stammt nicht von ihm, sondern von John Robson, seinem Stiefvater (vgl. Examples of Argillite Carving -- Clam Shell Box).
- â Casket und Hut von Isabel Edenshaw ( vom 20. November 2009 im Internet Archive)
- â Painted woven hats
- â Franz Boas: Primitive art. Cambridge, Massachusetts, 1927.
- â Eines dieser Modelle ist hier zu sehen, ein weiteres hier ( vom 20. November 2009 im Internet Archive)
- â Figural Group, Argillite
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Edenshaw, Charles |
| ALTERNATIVNAMEN | IdÉšnsaw, Daâąaxiigang; IdÉšnsaw, DahËĂ©gin; IdÉšnsaw, Tahayghen; IdÉšnsaw, Takayren; Skilâwxan jas; NângkwigetklaĆs |
| KURZBESCHREIBUNG | HĂ€uptling der Haida und SchnitzkĂŒnstler |
| GEBURTSDATUM | um 1839 |
| GEBURTSORT | Skidegate, Haida Gwaii, British Columbia, Kanada |
| STERBEDATUM | 1920 |
| STERBEORT | Masset (British Columbia), British Columbia, Kanada |