FlĂŒgelbein
Das FlĂŒgelbein (Os pterygoideum), in der Zoologie meist Pterygoid genannt, ist ein Knochen der hinteren Gaumenregion der Osteognathostomata. Er steht stets in mehr oder weniger enger anatomischer Beziehung mit dem HirnschĂ€del und dient bei den Amnioten als Ansatzstelle fĂŒr die Kiefermuskulatur.
Fischartige Osteognathostomen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Das Pterygoid ist ein paariger Deckknochen der Gaumenregion und tritt bereits im Grundbauplan der Osteognathostomata auf. Bei den fischartigen Osteognathostomen wird es Entopterygoid genannt und von einem stets eng mit ihm assoziierten Ectopterygoid unterschieden. Sowohl Ento- als auch Ectopterygoid sind bezahnt, und ihre ZÀhne bilden zusammen mit denen auf weiteren Dermalknochen des Gaumens (Dermopalatina) die sogenannte innere Zahnarkade. Daneben weisen sowohl Fleischflosser (Sarcopterygii) als auch Strahlenflosser (Actinopterygii) an der Unterseite des Craniums ein Knochenelement auf, das Metapterygoid genannt wird. Dieses ist aber kein Dermalknochen, sondern eine Verknöcherung des Palatoquadratums (Ersatzknochen), hat folglich evolutionÀr einen anderen Ursprung als Ento- und Ectopterygoid.
Bei den modernen Knochenfischen (Teleostei) sind Ectopterygoid, Entopterygoid und Metapterygoid Bestandteile des Suspensoriums. Alle drei können bezahnt sein, d. h., auch das Metapterygoid muss hier Deckknochenanteile enthalten.
Landwirbeltiere
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Landwirbeltiere
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Bei den Tetrapoden wird das Homologon des Entopterygoids der fischartigen Osteognathostomen traditionell nur als Pterygoid bezeichnet. Bei den basalen Landwirbeltieren ist es ein flaches und oft flĂ€chiges Element des hinteren Gaumendaches und steht nach innen (medial) mit dem unteren Teil der Hirnkapsel, dem Basicranium (speziell dem Basisphenoid und/oder dem Parasphenoid) mehr oder weniger eng in Verbindung. Nach vorn (rostral) hat es oft Kontakt mit verschiedenen vorderen Gaumenknochen, meist mit dem Palatinum, nach auĂen (lateral) in der Regel mit dem Ectopterygoid. Nach hinten (caudal) steht es faktisch immer mit dem Quadratum in Verbindung. Zudem trĂ€gt es, wie die anderen dermalen Gaumenknochen auch, oft kleine ZĂ€hne, bei den modernen Amphibien hingegen nicht. Bei diesen ist auch das Ectopterygoid komplett reduziert. Bei den BlindwĂŒhlen ist das Pterygoid mit dem Quadratum zum Pterygoquadratum verschmolzen.
Amnioten
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C: Die anatomische Position des Pterygoids (rot markiert) in Nachbarschaft von Quadratum und Hirnkapsel im als Schattenriss dargestellten SchĂ€del ist exemplarisch fĂŒr viele andere âEchsenâ.
Auch bei den Amnioten vollzieht sich im Laufe ihrer Evolution eine allgemeine Reduktion der Gaumenbezahnung und so ist bei nahezu allen rezenten Amnioten das Pterygoid unbezahnt. Eine Ausnahme machen die Schlangen.
Bei den ausgestorbenen basalen Sauropsiden bzw. Eureptilien und Synapsiden (âPelycosaurierâ) Ă€hnelt das Pterygoid noch relativ stark dem der basalen Tetrapoden. Es ist ein flacher, dreistrahliger Knochen, der gegliedert ist in:
- einen langgestreckten vorderen (rostralen) Fortsatz, der nach auĂen (lateral) dem Palatinum (Gaumenbein) und vorn (rostral) dem Vomer (Pflugscharbein) anliegt und einen GroĂteil des inneren (medialen) Randes des vorderen Gaumendaches (in Gestalt der Mittelnaht oder der Ă€uĂeren Umrandung des Interpterygoidalraumes, auch Interpterygoidalspalt genannt) bildet,
- einen eher flÀchigen, lateral gerichteten Transversalfortsatz, der in die Subtemporalfossa hineinragt,
- und einen wiederum langgestreckten hinteren (caudalen), oft stab- oder leistenartigen Fortsatz, der mit dem Quadratum (Quadratbein) in Kontakt steht.

Der Transversalfortsatz gilt als eines der wichtigsten neu erworbenen Merkmale in der Evolution der Amnioten. Er dient als Ansatzstelle fĂŒr den Musculus pterygoideus, den gröĂten Adduktor des Unterkiefers.[2] Nahe dem Ursprung des caudalen Fortsatzes besitzt das Pterygoid der basalen Amnioten dorsal eine Fassung, in die ein seitlicher Auswuchs der rostralen Partie des Basisphenoids greift. Diese bewegliche Verbindung wird Basipterygoidgelenk genannt. Es gewĂ€hrleistet eine gewisse Beweglichkeit und FlexibilitĂ€t des SchĂ€dels (siehe SchĂ€delkinetik). Ein Basipterygoidgelenk bzw. Entsprechungen desselben sind auch bei den âhöherenâ Diapsiden vorhanden, und zwar sowohl bei den rezenten âEchsenâ (Lacertilia) und BrĂŒckenechsen als auch bei den ausgestorbenen Nicht-Vogel-Dinosauriern. Sie werden auch unter dem Oberbegriff synoviales Basalgelenk (engl. synovial basal joint) zusammengefasst.[3] Bei vielen âEchsenâ ist das Pterygoid Teil eines âSchubstangensystemsâ, durch das beim Absenken des Unterkiefers ĂŒber das nach vorn schwingende Quadratum das Pterygoid gegen den hinteren Gaumen gedrĂŒckt wird und so den Oberkiefer leicht anhebt. Krokodile (Crocodylia) haben zwar, wie einige Dinosaurier, sehr krĂ€ftig entwickelte TransversalfortsĂ€tze (unter Beteiligung des Ectopterygoids), jedoch kein Basalgelenk. Ihr SchĂ€del ist weitgehend akinetisch. Von der SchĂ€delkinetik unabhĂ€ngig erfolgt in der Sauropsidenlinie allgemein eine Reduktion des rostralen Fortsatzes des Pterygoids. Eine Ausnahme bilden wiederum die Schlangen sowie die BrĂŒckenechsen. Insbesondere bei den letztgenannten Ă€hnelt das Pterygoid noch sehr dem der basalen Eureptilien.
Die Vögel (Aves) haben, im Gegensatz zu ihrer rezenten Schwestergruppe, den Krokodilen, einen kinetischen SchĂ€del und besitzen auch ein Basipterygoidgelenk. Bei den HĂŒhner- und Entenvögeln (Galloanserae) ist dieses als sogenanntes Rostropterygoidgelenk[4] ausgebildet. Der Name bezieht sich auf die vorgerĂŒckte Position des Kontaktes zwischen Pterygoid und Basicranium, sodass dieser nicht am Basisphenoid, sondern am Parasphenoid erfolgt.

Der akinetische SchĂ€del der SĂ€ugetiere (Mammalia) hat wiederum kein Basalgelenk. Ein dem Pterygoid der ĂŒbrigen Amnioten homologes SchĂ€delelement ist jedoch vorhanden.[5] Es ist allerdings deutlich in seiner GröĂe reduziert und liegt nicht horizontal, sondern ist eine mehr oder weniger vertikal stehende Platte (Lamina) in der knöchernen Umrandung der Nasopharynx, ohne nennenswerten Anteil an der Gaumenpartie. Zudem ist es bei vielen SĂ€ugern kein eigenstĂ€ndiger Knochen mehr,[6] sondern in den rostralen Teil des Basisphenoids (bei den SĂ€ugern auch Os sphenoidale, Sphenoid oder Keilbein genannt; der entsprechende rostrale Fortsatz heiĂt Processus pterygoideus) inkorporiert. Möglich wurde dieser bedeutende Umbau durch die VerĂ€nderungen im Bereich des Kiefergelenks bzw. die Modifikation des Quadratums zu einem Gehörknochen und insbesondere weil die wichtigsten Kieferadduktoren bei den SĂ€ugetieren, Musculus masseter und M. temporalis, an der hinteren SchĂ€delseitenwand (Tempora) und am Jochbogen (Arcus zygomaticus) ansitzen statt am hinteren Gaumen.[7] Pterygoid bzw. Processus pterygoideus dienen aber auch bei SĂ€ugern als Ansatz fĂŒr den M. pterygoideus. Bei den Vertretern einiger Gruppen, u. a. Primaten und Raubtieren, entspringt der Unterkante des Pterygoids ein kleiner, caudal gerichteter, hakenförmiger Fortsatz, der Hamulus pterygoideus.
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Robert Lynn Carroll: Vertebrate Paleontology and Evolution. W. H. Freeman and Co., New York 1988.
- Milton Hildebrand, George E. Goslow: Vergleichende und funktionelle Anatomie der Wirbeltiere. Springer, 2004, ISBN 3-540-00757-1.
- Gerhard Mickoleit: Phylogenetische Systematik der Wirbeltiere. Verlag Dr. Friedrich Pfeil, MĂŒnchen 2004, ISBN 3-89937-044-9.
- Franz-Viktor Salomon: Knöchernes Skelett. In: Franz-Viktor Salomon u. a. (Hrsg.): Anatomie fĂŒr die Tiermedizin. Enke-Verlag, Stuttgart 2004, S. 37â110. ISBN 3-8304-1007-7
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- â Rainer R. Schoch: Amphibian Evolution â The Life of Early Land Vertebrates. Wiley-Blackwell, Chichester (West Sussex) 2014, ISBN 978-0-470-67178-8, S. 22
- â Robert L. Carroll: The Origin of Reptiles. S. 331â353 in: Hans-Peter Schultze, Linda Trueb (Hrsg.): Origins of the Higher Groups of Tetrapods: Controversy and Consensus. Cornell University Press, Ithaca NY 1991, ISBN 0-8014-2497-6, S. 333.
- â Casey M. Holliday, Lawrence M. Witmer: Cranial kinesis in dinosaurs: intracranial joints, protractor muscles, and their significance for cranial evolution in diapsids. Journal of Vertebrate Paleontology. Bd. 28, Nr. 4, 2008, 1073â1088, doi:10.1671/0272-4634-28.4.1073 (alternativer Volltextzugriff auf der Autorenwebsite ( vom 28. September 2013 im Internet Archive)).
- â Begriff geprĂ€gt in: E. Weber: Zur Evolution basicranialer Gelenke bei Vögeln, insbesondere bei HĂŒhner- und Entenvögeln (Galloanseres). Zeitschrift fĂŒr zoologische Systematik und Evolutionsforschung. Bd. 31, Nr. 4, 1993, S. 300â317, doi:10.1111/j.1439-0469.1993.tb00198.x.
- â R. Presley, F. L. D. Steel: The pterygoid and ectopterygoid in mammals. Anatomy and Embryology. Bd. 154, Nr. 1, 1978, S. 95â110, doi:10.1007/BF00317957.
- â Michael Novacek: Patterns of Diversity in the Mammalian Skull. S. 438â546 in: James Hanken, Brian K. Hall (Hrsg.): The Skull. Volume 2: Patterns of Structural and Systematic Diversity. University of Chicago Press, Chicago·London 1993, ISBN 0-226-31570-3, S. 460 f.
- â Absatz bis dahin weitgehend nach Joy M. Richman, Marcela BuchtovĂĄ, Julia C. Boughner: Comparative Ontogeny and Phylogeny of the Upper Jaw Skeleton in Amniotes. Developmental Dynamics. Bd. 235, Nr. 5 (Craniofacial Development Special Issue), 2006, S. 1230â1243, doi:10.1002/dvdy.20716 (Open Access).