Futtermittelanalytik
Die Futtermittelanalytik umfasst alle Untersuchungen, die erforderlich sind, um den NĂ€hrwert und den Schadstoffgehalt eines Futtermittels anzugeben.
FĂŒr die Nutztierhaltung hat der Energiegehalt der Futtermittel heute die ĂŒberragende Bedeutung, wĂ€hrend bis in die 1970er Jahre oft die Proteinversorgung als limitierend angesehen wurde. Der Energiegehalt wird mittels EnergieschĂ€tzformeln aus den RohnĂ€hrstoffen gemÀà der Weender Analyse bzw. den Faserfraktionen nach van Soest oder aus in vitro-Analysen berechnet.[1]
Die klassische âWeender Futtermittelanalyseâ zur Bestimmung der RohnĂ€hrstoff-Fraktionen wurde im 19. Jahrhundert begrĂŒndet. Die FĂŒtterungslehre weltweit baut auf dem System der Weender Futtermittelanalyse auf. Neuere Verfahren oder neue Futtermittel-Analysesysteme ergĂ€nzen heute die Weender Analyse.[2] Seit Mitte des 20. Jahrhunderts entwickelte Methoden (z. B. die Faser-Fraktionierung nach Peter J. van Soest) haben heute ebenfalls praktische Bedeutung.[3]
Die Methoden der Futtermittelanalytik sind im Methodenbuch Band III. âDie chemische Untersuchung von Futtermittelnâ des VDLUFA[4] zusammengestellt.
Weender Futtermittelanalyse
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Allgemeines
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Weender Futtermittelanalyse (auch Konventionsanalyse genannt) ist das Standardverfahren zur Ermittlung der Inhaltsstoffe von Futtermitteln. Die Inhaltsstoffe werden eingeteilt in: Rohasche (CA oder XA), Rohfaser (CF oder XF), Rohprotein (CP oder XP), Rohfett (CL oder XL) und Stickstoff freie Extraktstoffen (NfE); die Angaben sind meistens auf die Trockenmasse, seltener auf die Frischmasse bezogen.
100 = Wasser + Rohasche + Rohfaser + Rohprotein + Rohfett + Stickstoff freie Extraktstoffe
Entwickelt wurde dieses System 1860 von Wilhelm Henneberg und Friedrich Stohmann an der landwirtschaftlichen Versuchsstation in Weende, Stadtteil von Göttingen[5], daher der Begriff Weender Analyse bzw. Weender Futter(mittel)analyse. Henneberg und Stohmann optimierten und vereinheitlichten insbesondere die Rohfaser-Methode und machten aus den einzelnen Methoden das System Weender Futtermittelanalyse. Die einzelnen Methoden zur Bestimmung der anderen Parameter waren damals schon vereinheitlicht: Rohprotein-Bestimmung nach Kjeldahl, Rohfett-Bestimmung nach Soxhlet.
Analytik
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]An dieser Stelle werden keine exakten Beschreibungen zur Analyse der einzelnen Inhaltsstoffe geliefert. Diese Aufstellung soll nur einen allgemeinen Ăberblick geben. Alle dargestellten Methoden sind Konventionsmethoden, d. h. das Ergebnis der Methode wird definiert als der Gehalt des Parameters. Ein abweichendes Vorgehen kann und teilweise wird zu anderen Ergebnissen fĂŒhren, wĂ€re dann aber nicht mehr der Gehalt des Parameters.
Trockenmasse
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Ein Teil der Probe wird bis zur Gewichtskonstanz bei einer bestimmten Temperatur getrocknet. Die Dauer und die Temperatur (~103â105 °C) sind dabei abhĂ€ngig vom Futtermittel. Durch diesen Prozess wird der Probe das Rohwasser entzogen (aber auch flĂŒchtige organische Verbindungen: Ammoniak, Alkohole, EssigsĂ€uren). Der RĂŒckstand ist definiert als der Gehalt an Trockenmasse in der Probe. In dieser Trockenmasse befinden sich die essenziell verwertbaren Nahrungsbestandteile wie EiweiĂe, Fette etc.
Rohasche
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Zur Ermittlung des Rohaschegehaltes wird die Probe in einem Muffelofen bis zur Gewichtskonstanz auf 550 °C erhitzt.[6] Dadurch werden alle organischen Bestandteile vermuffelt (verbrannt) und der RĂŒckstand ist der Gehalt an Rohasche. Das sind abhĂ€ngig von der Probe v. a. Mineralstoffe und Sand. Der Wert Gesamtmasse des Futtermittels abzĂŒglich des Werts der Rohasche ist die organische Masse (OM). Die organische Masse setzt sich aus Rohprotein, Rohfaser, Rohfett und NfE zusammen.
Organische Masse
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Rohfett
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der Rohfettgehalt ist der Teil des Futtermittels, der sich in Fettlösungsmitteln, wie beispielsweise Petrolether, löst. Die Bestimmung erfolgt nach Soxhlet. Aktuell wird die Methode nach Weibull/Stoldt angewandt und seit etwa 2012 bevorzugt mit Hexan statt Petrolether extrahiert.[4]
Rohprotein
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Ist die Summe aller Verbindungen, die Stickstoff enthalten. Meistens wird zur Bestimmung des Anteils zunĂ€chst der Stickstoffgehalt der Probe ermittelt (z. B. durch Kjeldahlsche Stickstoffbestimmung). AnschlieĂend wird das Ergebnis mit einem Faktor multipliziert, der den reziproken Wert des typischen N-Gehaltes von Rohprotein darstellt. Es wird generell von einem N-Gehalt von 6,25 ausgegangen, auĂer er wird durch die Literatur oder Gesetzesvorgaben anders vorgegeben wie das z. B. fĂŒr Milch und Milchprodukte mit einem N-Gehalt von 6,38 der Fall ist.[7][8] Der Anteil des wirklich verwertbaren Rohproteins wird als verdauliches Rohprotein (vRP) bezeichnet.
Rohfaser
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Unter âRohfaserâ ist derjenige Anteil eines Futtermittels zu verstehen, der nach Behandlung mit verdĂŒnnten SĂ€uren und Laugen als âunverdaulicherâ Bestandteil zurĂŒckbleibt. Hauptbestandteil dieser Stoffklasse ist die Cellulose. Rohfaser darf nicht mit Ballaststoffen gleichgesetzt werden, da diese nur zu ca. einem Drittel aus Cellulose bestehen und noch viele andere unverdauliche Komponenten enthalten.
Stickstofffreie Extraktstoffe (NfE)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der NfE-Gehalt wird durch Berechnung bestimmt: Von der organischen Masse werden Rohfett, Rohprotein und Rohfaser abgezogen, der Rest ist NfE. Dies sind z. B. lösliche Zucker, StÀrke, Pektine und organische SÀuren. Auch das Lignin ist in der NfE enthalten, da Lignin sich in der Laugenlösung bei der Bestimmung der Rohfaser löst.
Kritik und moderne Messverfahren
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Weender Analyse ist ein einfaches, auch heute noch gebrÀuchliches Standardverfahren, weist aber SchwÀchen auf:
- Ein groĂes Problem ist die rechnerische Ermittlung des NfE-Gehaltes. Mögliche Analysenfehler beeinflussen diesen Wert entscheidend. Hier ist vor allem der Rohproteingehalt zu nennen, da mit einem mittleren Faktor fĂŒr den N-Gehalt gerechnet wird. Es werden pauschal 16 % N-Gehalt unterstellt, was aber nicht immer zutreffend ist.
- Es ist keine Unterteilung der enthaltenen Kohlenhydrate in StÀrke- und Nicht-StÀrke-Polysaccharide bzw. Struktur- und Nicht-Strukturkohlenhydrate möglich. Diese Unterteilung wird erst, wenn auch unsauber, durch eine erweiterte Futtermittelanalytik realisiert.
Die klassische Laboranalytik kann durch moderne spektroskopische Verfahren, wie die NIR-Analytik (Near Infrared, Nahes Infrarot) ersetzt werden. Sie wird in der Futtermittelanalytik vielerorts schon als Standardmethode im Labor eingesetzt. Eine kontinuierliche Analytik (Online-Analytik) ist mit NIR-Online-Spektrometern sehr gut möglich. Allerdings ist die NIR abhĂ€ngig von der zugrunde liegenden Referenzanalytik sowie von der PrĂ€paration der zu messenden Proben. Die Auswertung der NIR-Messung erfolgt durch eine mathematische SchĂ€tzung anhand einer Kalibrierung. In dieser Kalibrierung sollte eine gröĂere Menge an reprĂ€sentativen Proben vorhanden sein, deren aufgezeichnete Spektren den referenzanalytisch ermittelten Gehalten zugeordnet werden.
Erweiterte Weender Analyse
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die erweiterte Weender Analyse (auch Detergenzien-Analyse der Zellwandbestandteile[3]) stellt eine Erweiterung der Weender Futtermittelanalyse zur Untersuchung von Futtermitteln dar. Dieses amerikanische Analysesystem der Faserbewertung ersetzt in der Weender Analyse den Teil der unsauber definierten Fraktionen Rohfaser und NfE und nicht die gesamte Analyse. Vorgeschlagen von Peter J. van Soest u. a.[9] hat diese modifizierte Analyse mittlerweile eine âweite Verbreitungâ gefunden.[10]
In den Fraktionen Rohfaser und NfE sind vor allem Kohlenhydrate und einige assoziierte Substanzen (u. a. Lignin) enthalten. Die erweiterte Futtermittelanalyse lÀsst eine weitergehende Aufteilung der Fraktionen zu.
Insgesamt werden zwei groĂen Gruppen unterschieden:
- Zellinhaltsstoffe. Hierin sind enthalten:
- Rohprotein
- Rohasche
- Rohfett
- Anteile der Fraktion NfE: die Nicht-Strukturkohlenhydrate Zucker und StĂ€rke sowie eine RestgröĂe âOrganischer Restâ
- GerĂŒstsubstanzen. Diese Gruppe umfasst vor allem Strukturkohlenhydrate und assoziierte Substanzen; die Gruppe setzt sich aus der Fraktionen Rohfaser und einem Teil der Fraktion NfE der Weender Futtermittelanalyse zusammen;
- Neutral-Detergenz-Faser (NDF, neutral detergent fiber) ist die Summer aller GerĂŒstsubstanzen.
- SĂ€ure-Detergenz-Faser (ADF, acid detergent fiber) setzt sich zusammen aus NDF abzĂŒglich von Hemicellulosen.
- SĂ€ure-Detergenz-Lignin (ADL, acid detergent lignin) setzt sich zusammen aus ADF abzĂŒglich Cellulose[10] und umfasst per Definition vor allem Lignin.
Andere Bestimmungen im Rahmen der Futtermittelanalyse
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]FĂŒr die EnergieschĂ€tzung von WiederkĂ€uern haben In-vitro-Analysen eine groĂe Bedeutung. Bei In-vitro-Analysen wird die WiederkĂ€uerverdauung im Reagenzglas nachgeahmt, oft unter Zuhilfenahme von Pansensaft. Dazu zĂ€hlen z. B. die Methoden nach Tilly und Terry, der Hohenheimer Futterwerttest oder die Cellulase-Methode.
Neben den RohnĂ€hrstoffen und der Faserfraktionierung sind fĂŒr die FĂŒtterung die Mineralstoffanalysen (Kationen und Anionen) heute sehr wichtig. Im Einzelfall kann eine Analyse der Schadstoffe von Bedeutung sein, das betrifft am hĂ€ufigsten die Mykotoxinanalysen (ZEA und DON), die RĂŒckstandsanalytik fĂŒr Pflanzenschutzmittel oder die Bestimmung von verbotenen Inhaltsstoffen (z. B. Melamin, Gossypol).
Siehe auch
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- â Committee for Requirement Standards of the Society of Nutrition Physiology (Hrsg.): Proceedings of the Society of Nutrition Physiology: Berichte der Gesellschaft fĂŒr ErnĂ€hrungsphysiologie; 62. Tagung vom 1.-3.04.2008 in Göttingen; Ăbersichtsreferat (Review), Kurzfassungen der Originalmitteilungen (Abstracts), Workshop-BeitrĂ€ge, Mitteilungen des Ausschusses fĂŒr Bedarfsnormen. DLG-Verlag, Frankfurt am Main 2008, ISBN 978-3-7690-4101-9, Kapitel Prediction of Metabolisable Energy of compound feeds for pigs, S. 199â204.
- â M. KirchgeĂner u. a.: TierernĂ€hrung. 12., neu ĂŒberarbeitete Auflage. DLG-Verlag, Frankfurt am Main 2008, ISBN 978-3-7690-0703-9, S. 23.
- 1 2 Leonhard Gruber: Analyse Grund- und Kraftfutter nach Cornell Net Carbohydrate and Protein System und in-situ Methode. HBLFA Raumberg-Gumpenstein, abgerufen am 24. Juli 2017.
- 1 2 VDLUFA: Die chemische Untersuchung von Futtermitteln. Methodenbuch Band III. VDLUFA-Verlag, Darmstadt 2007.
- â W. Henneberg, F. Stohmann: BeitrĂ€ge zur BegrĂŒndung einer rationellen FĂŒtterung der WiederkĂ€uer. Heft 1, Braunschweig 1860 (Digitalisat).
- â M. KirchgeĂner u. a.: TierernĂ€hrung. 12., neu ĂŒberarbeitete Auflage. DLG-Verlag, Frankfurt am Main 2008, ISBN 978-3-7690-0703-9, S. 22.
- â TU Dresden, Institut fĂŒr Lebensmitteltechnologie, Praktikum Technologie 1 Bestimmung von Gesamtstickstoff- und Proteingehalt in Milch ( vom 14. August 2007 im Internet Archive)
- â spektrum.de Protein-Berechnungsfaktoren
- â P. J. Van Soest, J. B. Robertson, B. A. Lewis: Methods for dietary fibre, neutral detergent fibre and non starch polysaccharides in relation to animal nutrition. In: Journal of Dairy Science. 74, 1991, S. 3583â3597. PMID 1660498
- 1 2 M. KirchgeĂner u. a.: TierernĂ€hrung. 12., neu ĂŒberarbeitete Auflage. DLG-Verlag, Frankfurt am Main 2008, ISBN 978-3-7690-0703-9, S. 25.