Haspel
Die Haspel[1], oft Weife genannt, ist ein technisches Hilfsmittel zum Auf- und Abwickeln von langgestreckten, biegsamen Materialien wie SchlÀuchen, Rohren, Garnen, Seilen, DrÀhten und BÀndern.
Im Vergleich zu einer Seilwinde oder anderen haspelÀhnlichen GerÀten steht das Auf- und Abwickeln im Vordergrund. Mit einer Seilwinde wird hingegen das unter hoher Zugkraft stehende Seil auf- oder auch abgewickelt.
Eine Haspel wird zu dem Zweck verwendet, linienförmiges Material in eine handhabbare, kompakte Form zu bringen, sie vor dem Verwirren und Verknoten zu sichern und sie bis zum weiteren Gebrauch in dieser Form zu lagern.
Manche Haspeln könnten auch als Spule, Rolle oder Walze bezeichnet werden. Im Unterschied zu diesen bestehen viele Haspeln am Umfang aber nicht aus einem geschlossen zylindrischen Körper, sondern aus einem aus StĂ€ben zusammengesetzten Korb oder Kreuz mit QuerstĂ€ben, um das aufgewickelte Material abzustĂŒtzen.
Der Begriff Haspel kann auch ein GerĂ€t oder eine Vorrichtung bezeichnen, die aus dem eigentlichen StĂŒtzkörper fĂŒr das aufgewickelte Material sowie einem Drehlager an dessen Mittelachse, einem Halter oder StĂ€nder und gegebenenfalls einer Kurbel oder einem anderen Antrieb besteht. Manche Haspeln besitzen Mess- und Anzeigevorrichtungen fĂŒr die aufgewickelte LĂ€nge des Materials.
Daneben gibt es Vorrichtungen, deren Bezeichnung zwar von der Gestalt der Haspel abgeleitet sind, die aber eine andere Funktion haben.
Textiltechnik
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Drehhaspeln
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In der Spinnerei dient die Haspel dazu, Garn in die Form eines Stranges zu bringen, der durch Waschen, Bleichen oder FĂ€rben weiterverarbeitet werden kann oder in dieser Form gehandelt wird. Drehhaspeln haben mindestens vier Arme, aber auch fĂŒnf- bis achtarmige Exemplare existieren; sehr ĂŒblich sind Haspeln mit sechs Armen. Sie können frei stehen oder an einen Tisch angeschraubt werden. Jede Haspel besitzt eine Hilfseinrichtung zum Drehen: einen Drehknauf oder eine Kurbel, die in der NĂ€he der Achse angebracht ist. Abgehaspelt wird von einem Garnvorrat, der ĂŒblicherweise auf einer Spule vorliegt und ohne Gegenzug ablaufen kann. Die Haspel wird in kreisförmige, vertikale Bewegung versetzt und der Faden ĂŒber die Querholme auf den Haspelarmen gefĂŒhrt.
Viele Haspeln besitzen darĂŒber hinaus ein ZĂ€hlwerk, das meist durch hölzerne ZahnrĂ€der angetrieben wird. Der Umfang einer Haspel und damit die StranglĂ€nge ist seit dem 17. Jahrhundert durch regionale Verordnungen genau festgelegt und musste durch Eichung nachgewiesen werden.
Folgende regional begrĂŒndete UmfĂ€nge[2] sind belegt:
- HunsrĂŒck: 1,90Â Meter
- Hessen: 2,19Â Meter oder 4 Ellen
- Leinengarn in Lippe als âlange Haspelâ: 2,02Â Meter
- Wolle in Lippe als âkurze Haspelâ: 1,30Â Meter
Mit dem ZĂ€hlwerk, das die Anzahl der Umdrehungen misst, und dem festgesetzten Umfang konnte eine genau definierte LĂ€nge Garn gehaspelt und in den Handel gebracht werden. AuĂerdem ist es dadurch möglich, das Gewicht pro LĂ€nge, die Garnfeinheit, zu bestimmen. Durch Unterschreiten des Haspelumfangs oder der Umdrehungsanzahl konnte beim Garnpreis betrogen werden, weswegen die Einhaltung der Vorschriften behördlich streng kontrolliert wurde. So wurden allein in der Grafschaft Ravensberg in den Jahren 1712, 1743, 1744, 1762, 1765, 1777 und 1803 immer wieder Edikte gegen die âBetrĂŒglichkeit des Garnsâ erlassen.[3]
- ZĂ€hlmechanismen
- Uhrenhaspel: Das Zahnradgetriebe bewegt einen Zeiger auf einem Zifferblatt, angezeigt wird die Zahl der Umdrehungen.
- Klopfhaspel: Beim Erreichen der vorgeschriebenen Zahl der Umdrehungen fÀllt ein hölzerner Hammer auf eine Platte und gibt so ein akustisches Signal zum Aufhören. Der Hammer wird durch einen Splint am Zahnradgetriebe gehoben.
- Klickhaspel oder Schneller: Eine schmale Leiste (Blattfeder) aus Holz oder Metall wird durch einen Splint am Zahnradgetriebe angehoben. Beim Erreichen der vorgeschriebenen Zahl der Umdrehungen schnellt diese âZungeâ zurĂŒck und erzeugt einen schnarrenden Warnton.
Diese Mechanismen können kombiniert werden, etwa als Klopfhaspel mit zusÀtzlichem Zifferblatt.
- Garnhaspeln
Garnhaspeln dienen weder dem Aufbewahren noch dem Abwickeln von FĂ€den. Der Strang wird direkt nach dem Haspeln abgezogen. Um zu verhindern, dass FĂ€den wĂ€hrend des Haspelvorgangs von den Enden der Holme abrutschen, sind diese Querholme meistens durch seitliche Erhöhungen gesichert. Damit der unter Spannung stehende Strang dennoch ohne SchĂ€den gelöst werden kann, sind verschiedene Konstruktionen ĂŒblich:
- An einem Querholm fehlt die seitliche Erhöhung (vergleiche die Abbildung einer Kreuzhaspel).
- Ein Haspelarm kann nach Lösen eines Sicherungssplintes abgeklappt werden.
- Ein Holm ist drehbar, so dass die Erhöhung unter dem Garn weggleitet. Dieser von den anderen baulich abweichende Haspelarm wird der Fremde genannt.
- Garnwinden
Der abgezogene Strang besitzt einen etwas verkleinerten Umfang, weil das unter Spannung aufgewickelte Garn sich beim Abziehen mehr oder weniger stark zusammenzieht. Um einen Strang weiter zu verarbeiten, etwa durch Aufspulen, ist daher eine Garnwinde erforderlich. Garnwinden gleichen Haspeln auf den ersten Blick sehr, unterscheiden sich aber durch folgende Merkmale von ihnen:
- keinerlei Vorrichtung fĂŒr die Hand zum Drehen
- variabel einstellbarer Umfang
- niemals ein ZĂ€hlwerk
Kreuzhaspel
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Kreuzhaspel oder der Nicker ist ein von der Drehhaspel baulich völlig abweichendes Hilfsmittel, das demselben Zweck dient. Sie besteht aus einem Rundholz als Handgriff, an dessen Ende jeweils ein Querholm angebracht ist. Diese beiden Querholme stehen kreuzförmig ĂŒbereinander. Der Faden wird von Hand ĂŒber die Enden der Holme gelegt, wobei die Kreuzhaspel eine schwankende (ânickendeâ) Bewegung ausfĂŒhrt. Die nicht-mechanische Kreuzhaspel dĂŒrfte weit Ă€lter sein als die Drehhaspeln.
Walzen-, trommel- und spulenförmige Haspeln
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- In der Stahlindustrie werden sie zum Aufwickeln der gewalzten StahlbĂ€nder oder von Stahldraht zu einem Coil verwendet und zum Abwickeln zur weiteren Verarbeitung (Abwickel-Haspel). Die Haspeltemperatur (meist um 600 °C) beim Aufwickeln von warmgewalzten Stahlband hat dabei groĂen Einfluss auf die mechanischen Eigenschaften.
- Bei Drachen die Bezeichnung fĂŒr eine Spule, auf die die Drachenleine gewickelt wird.
- Bei der Feuerwehr die Schlauchhaspel, ein spulenförmiges Hilfsmittel zum zĂŒgigen Verlegen und spĂ€teren Wieder-Aufrollen von SchlĂ€uchen. Auch fĂŒr GartenschlĂ€uche gibt es Schlauchtrommeln, welche demselben Zweck dienen.
- Kabeltrommeln fĂŒr elektrische VerlĂ€ngerungskabel.
Bei diesen Haspelformen ist die Abgrenzung zur Spule bereits flieĂend.
Wortgebrauch
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Seit dem 18. Jahrhundert ist die Bezeichnung sich verhaspeln gebrĂ€uchlich, wenn eine Person sich verspricht oder in ihrer TĂ€tigkeit Fehler macht. Dieser Gebrauch des Wortes stammt nach einer Theorie aus dem Schaden, der entsteht, wenn beim Haspeln innerhalb einer Umdrehung ein Holm ĂŒbersprungen wird und so innerhalb eines Stranges ein einzelnes FadenstĂŒck kĂŒrzer ist als der Rest; dieser Strang ist unbrauchbar. Eine andere Theorie besagt, dass der Ausdruck aus dem Bergbau stammt, wo dem Haspelknecht durch akustische Zeichen mitgeteilt wurde, wie er den Haspel bedienen sollte. So konnte es passieren, dass er etwas falsch verstand und sich âverhaspelteâ. Fester Metalldraht neigt dazu, beim Abrollen schlaufenweise von der Haspel zu springen, wobei die Gefahr der Bildung eines schwer handhabbaren Drahtgewirrs besteht.
Siehe auch
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Wilhelm Hansen: Hauswesen und Tagewerk im alten Lippe. LĂ€ndliches Leben in vorindustrieller Zeit (= Schriften der Volkskundlichen Kommission fĂŒr Westfalen. Bd. 27). 3. Auflage. Aschendorff, MĂŒnster 1987, ISBN 3-402-05665-8.
- Hinrich Siuts: BĂ€uerliche und handwerkliche ArbeitsgerĂ€te in Westfalen. Die alten GerĂ€te der Landwirtschaft und des Landhandwerks. 1890â1930 (= Schriften der volkskundlichen Kommission fĂŒr Westfalen. Bd. 26). 3., bearbeitete Auflage. Aschendorff, MĂŒnster 2002, ISBN 3-402-04126-X.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Mittelalterliche Haspel (Rekonstruktion einer Kreuzhaspel zur Textilverarbeitung im Mittelalter)
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- â Auch maskulin gebraucht: Der Haspel.
- â Gaby Fischer: ââŠden wollen wir spinnen und weben gar fein!â Alter Flachs, neu durchgehechelt. Sachliches und Unsachliches rund ums Leinenhemd (= Schriftenreihe des Rhein-HunsrĂŒck-Kreises. Bd. 5, ZDB-ID 2238770-5). Eigenverlag, Simmern 1988, S. 154â156.
- â Heinz Potthoff: Das Ravensbergische Leinengewerbe im 17. und 18. Jahrhundert. In: Eduard Schoneweg: Das Leinengewerbe in der Grafschaft Ravensberg. Ein Beitrag zur niederdeutschen Volks- und Altertumskunde. Gundlach, Bielefeld 1923. 2. Auflage (Nachdruck der Ausgabe 1923) Wenner, OsnabrĂŒck 1985, S. 272 (stark erweiterte Fassung der Dissertation der UniversitĂ€t MĂŒnster, 1911).