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Imputation (Statistik)

aus Wikipedia, der freien EnzyklopÀdie

Unter dem Begriff Imputation (anhörenⓘ/?) werden in der Mathematischen Statistik Verfahren zusammengefasst, mit denen fehlende Daten in statistischen Erhebungen – die sogenannten AntwortausfĂ€lle – in der Datenmatrix vervollstĂ€ndigt werden. Die Schweigeverzerrung, die durch die AntwortausfĂ€lle entsteht, wird dadurch verringert.

Die Imputation gehört zu den sogenannten Missing-Data-Techniken, also Verfahren, die bei Auswertung unvollstÀndiger StichprobendatensÀtze angewendet werden. Dieses Problem tritt in Umfragen und anderen Erhebungen relativ hÀufig auf, beispielsweise wenn einige befragte Personen aufgrund mangelnden Wissens oder unzureichender Antwortmotivation auf bestimmte Fragen bewusst keine Antwort geben, denkbar sind aber auch unvollstÀndige DatensÀtze aufgrund technischer Pannen oder eines Datenverlustes.

Neben Imputation zĂ€hlen vor allem die sogenannten Eliminierungsverfahren (auch: Complete-case analysis) zu den gĂ€ngigen Missing-Data-Techniken. Dabei werden sĂ€mtliche DatensĂ€tze, bei denen eines oder mehrere Erhebungsmerkmale fehlende Werte aufweisen, aus der Datenmatrix gestrichen, so dass im Endeffekt eine vollstĂ€ndige Datenmatrix fĂŒr Auswertungszwecke verbleibt. Dieses Verfahren ist zwar sehr einfach, hat aber erhebliche Nachteile: Insbesondere bei einer grĂ¶ĂŸeren Anzahl von Item non responses (Fehlen einzelner Werte) hat es einen erheblichen Informationsverlust zur Folge. Ferner kann diese Technik zu einer VerfĂ€lschung der verbleibenden Stichprobe fĂŒhren, wenn die Systematik des Datenausfalls von den AusprĂ€gungen des unvollstĂ€ndig erhobenen Merkmals abhĂ€ngt. Als hĂ€ufiges Beispiel gelten Umfragen bezĂŒglich des Einkommens, bei denen es durchaus vorkommen kann, dass gerade Personen mit einem relativ hohen Einkommen dieses ungern angeben und es daher in solchen FĂ€llen tendenziell zu Missing Data kommt. Um dieses Problem möglichst in den Griff zu bekommen, wurden Imputationsverfahren entwickelt, bei denen versucht wird, fehlende Daten nicht einfach zu ignorieren, sondern stattdessen durch plausible Werte zu ersetzen, die unter anderem mit Hilfe der beobachteten Werte des gleichen Datensatzes geschĂ€tzt werden können.

AusgewÀhlte Imputationsverfahren

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Es existiert eine Vielzahl von Verfahren, mit denen fehlende Werte vervollstĂ€ndigt werden. Dabei unterscheidet man grob zwischen der singulĂ€ren und der multiplen Imputation. Bei der ersteren wird ein jeder fehlender Wert durch jeweils einen bestimmten SchĂ€tzwert ersetzt, wĂ€hrend bei der multiplen Imputation fĂŒr jedes Item non response gleich mehrere Werte geschĂ€tzt werden, in der Regel mittels einer Simulation unter Zugrundelegung eines oder mehrerer Verteilungsmodelle.

SingulÀre Imputation

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Substitution durch Lagemaße

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Eines der einfachsten Imputationsverfahren besteht darin, sĂ€mtliche fehlenden AusprĂ€gungen eines Erhebungsmerkmals durch das empirische Lagemaß der beobachteten AusprĂ€gungen – meist also den Mittelwert, bzw. bei nichtquantitativen Merkmalen Median oder Modus – zu ersetzen. Dieses Verfahren hat jedoch zum Nachteil, dass dabei – Ă€hnlich wie bei einem Eliminierungsverfahren – Verzerrungen auftreten, sofern der Datenausfall von der AusprĂ€gung des betreffenden Merkmals abhĂ€ngt. Ferner weist die resultierende Stichprobe eine systematisch unterschĂ€tzte Standardabweichung auf, da die imputierten Werte konstant sind und daher unter sich keine Streuung aufweisen. Diese Probleme können teilweise entschĂ€rft werden, wenn das Verfahren nicht einheitlich fĂŒr die gesamte Stichprobe, sondern getrennt nach bestimmten Merkmalsklassen angewendet wird, in welche die DatensĂ€tze gemĂ€ĂŸ den AusprĂ€gungen eines bestimmten, vollstĂ€ndig erhobenen Merkmals eingeteilt werden. Demnach kann fĂŒr jede dieser Klassen separat ein Klassenmittel errechnet werden, durch den Missing Values innerhalb der Klasse ersetzt werden.

Substitution durch VerhÀltnisschÀtzer

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Die Ersetzung durch einen VerhÀltnisschÀtzer ist ein relativ einfaches Verfahren, das bei der SchÀtzung der Imputationswerte einen eventuell bestehenden funktionalen Zusammenhang zwischen zwei Stichprobenmerkmalen auszunutzen versucht, von denen eines vollstÀndig beobachtet werden konnte. Seien X und Y zwei Zufallsvariablen, die in einer Stichprobe vom Umfang n erhoben werden, wobei X vollstÀndig erhoben werden konnte und bei nobs(X,Y) von n Untersuchungsobjekten auch der Y-Wert vorliegt. Jede der fehlenden Y-AusprÀgungen kann dann durch einen VerhÀltnisschÀtzer geschÀtzt werden:

ŷjRatio=y‟x‟⋅xj fĂŒr alle j∈{1,2,
,n}:{xj beobachtet,yj fehlend}

Dabei sind

x‟=1nobs(X,Y)⋅∑i:xi,yi beobachtetxi

und

y‟=1nobs(X,Y)⋅∑i:xi,yi beobachtetyi.

Zu beachten ist, dass dieser SchÀtzer nur in SpezialfÀllen sinnvoll anwendbar ist, in der Regel dann, wenn zwischen X und Y eine starke Korrelation angenommen werden kann.

Hot-Deck- und Cold-Deck-Techniken

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Die Verfahren, die als Hot Deck bzw. Cold Deck bezeichnet werden, haben allesamt die Besonderheit, dass hierbei fehlende Stichprobenwerte durch beobachtete AusprĂ€gungen desselben Merkmals ersetzt werden. Sie unterscheiden sich nur in Bezug auf das Verfahren, mit denen die Imputationswerte bestimmt werden. WĂ€hrend bei den Cold-Deck-Techniken die SchĂ€tzwerte aus anderen Erhebungen (beispielsweise aus historischen, „kalten“ Befragungen) verwendet werden, nutzen die deutlich gĂ€ngigeren Hot-Deck-Verfahren die aktuelle Datenmatrix. Üblicherweise werden Deck-Techniken innerhalb von Imputationsklassen angewandt, also Merkmalsklassen, in welche die DatensĂ€tze gemĂ€ĂŸ den AusprĂ€gungen eines vollstĂ€ndig erhobenen Merkmals eingeteilt werden können.

Ein bekanntes Hot-Deck-Verfahren ist das sogenannte sequentielle oder auch traditionelle Hot-Deck. Die Vorgehensweise ist hierbei die folgende: In der unvollstĂ€ndigen Datenmatrix wird zunĂ€chst innerhalb jeder Imputationsklasse fĂŒr jede unvollstĂ€ndig beobachtete Variable jeweils ein Imputationswert als Startwert festgelegt. Dabei unterscheiden sich die sequentiellen Verfahren darin, wie die Startwerte bestimmt werden; denkbar ist z. B. der Mittelwert der vorhandenen KlassenausprĂ€gungen, ein Zufallswert aus der jeweiligen Klasse, oder auch ein Cold-Deck-SchĂ€tzwert. Nachdem die Startwerte festgelegt sind, geht man nun alle Elemente der Datenmatrix durch. Ist bei einem Objekt die AusprĂ€gung vorhanden, wird sie zum neuen Imputationswert fĂŒr das jeweilige Merkmal in derselben Imputationsklasse, andernfalls wird an die Stelle der fehlenden AusprĂ€gung der fĂŒr dieses Merkmal jeweils aktuelle Imputationswert gesetzt. So wird mit allen Elementen der Datenmatrix verfahren, bis diese keine LĂŒcken mehr aufweist.

Regressionsverfahren

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Den Imputationsverfahren, die auf Regressionsanalyse basieren, ist allen gemein, dass sie bei der SchĂ€tzung der Missing Values etwaige funktionale ZusammenhĂ€nge zwischen zwei oder mehreren Stichprobenmerkmalen auszunutzen versuchen. Bei den oben beschriebenen Imputationen durch den Stichprobenmittelwert oder einen VerhĂ€ltnisschĂ€tzer handelt es sich ebenfalls um eine vereinfachte Form der Regressionsimputation. Im Allgemeinen kommen dabei sowohl verschiedene Anzahlen der einzubeziehenden Merkmale als auch verschiedene Regressionsverfahren in Frage. Bei quantitativen Merkmalen bedient man sich oft der linearen Regression nach der Methode der kleinsten Quadrate. Seien X und Y zwei Zufallsvariablen, die in einer Stichprobe vom Umfang n gemeinsam erhoben werden, und sei Y nur nobs(X,Y)-mal erhoben worden. Besteht zwischen den beiden Variablen annahmegemĂ€ĂŸ eine Korrelation, kann aus den beobachteten (x,y)-Wertepaaren eine Regressionsgleichung von Y auf X der folgenden Form errechnet werden:

ŷjReg=α̂YX+ÎČ̂YX⋅xj fĂŒr alle j∈{1,2,
,n}:{xjbeobachtet,yjfehlend}

Dabei sind Alpha und Beta die Regressionskoeffizienten, die aus den beobachteten (x,y)-Wertepaaren mittels ihrer KleinstquadrateschĂ€tzer α̂ und ÎČ̂ geschĂ€tzt werden:

α̂YX=y‟−ÎČ̂YX⋅x‟
ÎČ̂YX=∑i:xi,yibeobachtet(xi⋅yi)−nobs(X,Y)⋅x‟⋅y‟∑i:xi,yibeobachtet(xi2)−nobs(X,Y)⋅x‟2

Die RegressionsschĂ€tzung mit mehr als einem Regressormerkmal – die sogenannte multiple lineare Regression – wird analog durchgefĂŒhrt, ist allerdings durch die dann vorhandene grĂ¶ĂŸere Datenmenge rechenintensiver. Sie ist standardmĂ€ĂŸig in statistischen Softwarepaketen wie SPSS implementiert.

Ist ein unvollstĂ€ndig beobachtetes Merkmal nicht quantitativ, lĂ€sst sich mittels linearer Regression kein SchĂ€tzwert ausrechnen. FĂŒr bestimmte kategoriale Variablen existieren jedoch spezielle Regressionsverfahren, von denen die logistische Regression das wohl bekannteste ist.

Multiple Imputation

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Bei der multiplen Imputation handelt es sich um ein vergleichsweise anspruchsvolles Missing-Data-Verfahren[1]. Prinzipiell bedeutet „multiple“, dass dieses Verfahren fĂŒr jeden fehlenden Wert gleich mehrere SchĂ€tzwerte in mehreren Imputationsschritten liefert. Diese können anschließend zu einem SchĂ€tzwert gemittelt werden, oder es kann fĂŒr jeden Imputationsschritt jeweils eine neue vervollstĂ€ndigte Datenmatrix aufgestellt werden. Eine hĂ€ufige Vorgehensweise der SchĂ€tzwertbestimmung ist die Simulation aus einem als plausibel erachteten multivariaten Verteilungsmodell. Wenn beispielsweise die beiden Zufallsvariablen X und Y als gemeinsam normalverteilt mit festgelegten Parametern unterstellt werden, können bei Wertepaaren mit beobachtetem X-Wert und fehlendem Y-Wert jeweils die bedingte Verteilung von Y, gegeben den beobachteten X-Wert, hergeleitet werden – in diesem einfachen Fall eine univariate Normalverteilung. Anschließend besteht die Möglichkeit, fĂŒr jeden fehlenden Y-Wert die möglichen Imputationswerte im Zuge der mehrfachen Simulation aus der jeweiligen Verteilung zu generieren.

  • U. Bankhofer: UnvollstĂ€ndige Daten- und Distanzmatrizen in der Multivariaten Datenanalyse. Dissertation, UniversitĂ€t Augsburg, Verlag Josef Eul, Bergisch Gladbach 1995
  • O. LĂŒdtke, A. Robitzsch, U. Trautwein, O. Köller: Umgang mit fehlenden Werten in der psychologischen Forschung. Probleme und Lösungen. Psycholog. Rundschau 58 (2) 103-117 (2007). Dazu Kommentar und Replik:
    • J. Wuttke: Erhöhter Dokumentationsbedarf bei Imputation fehlender Daten. Psycholog. Rundschau 59 (3) 178-179 (2008).
    • O. LĂŒdtke et al.: Steht Transparenz einer adĂ€quaten Datenauswertung im Wege? ebda, 180-181 (2008).
  • J. L. Schafer: Analysis of Incomplete Multivariate Data. Chapman & Hall, London 1997, ISBN 0-412-04061-1
  • D. Schunk: A Markov Chain Monte Carlo Algorithm for Multiple Imputation in Large Surveys. Advances in Statistical Analysis, 92, 101-114 (2008).
  • C. FG Schendera, DatenqualitĂ€t mit SPSS, Oldenbourg Verlag, MĂŒnchen, 2007, S. 119–161

Einzelnachweise

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  1. ↑ Joost R. van Ginkel, Marielle Linting, Ralph C. A. Rippe, Anja van der Voort: Rebutting Existing Misconceptions About Multiple Imputation as a Method for Handling Missing Data. In: Journal of Personality Assessment. Band 102, Nr. 3, 18. Januar 2019, ISSN 0022-3891, S. 297–308, doi:10.1080/00223891.2018.1530680.