Kajakhandschuh
Ein Kajakhandschuh (grönl.: Qajartormermik aaqqatit oder qajartuutit) ist ein Fausthandschuh mit zwei Daumen an den jeweils gegenĂŒberliegenden Seiten, der beim Kajakfahren getragen wird. Aus der Ferne wirkt der Handschuh mit dem âĂŒberflĂŒssigenâ Daumen, als ob er falsch herum angezogen wurde.
Bezeichnung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In der grönlĂ€ndischen Sprache werden Kajakhandschuhe als âQajartormermik aaqqatitâ [] bezeichnet, was so viel wie âHandschuhe zum Fahren mit dem Kajakâ bedeutet (grönlĂ€ndisch: aaqqat = Handschuh; Plural: aaqqatit). Eine andere Bezeichnung ist âQajartuutitâ [], was âWerkzeuge (AusrĂŒstung) zum Fahren mit dem Kajakâ bedeutet. Weitere anzutreffende Begriffe fĂŒr Kajakhandschuhe sind âmaattaalitâ und âmatĂątâ, die wahrscheinlich aus einer ostgrönlĂ€ndischen Sprachenform stammen. Bei den Yupik-Eskimos werden Kajakhandschuhe als âarilluukâ bezeichnet.
Verwendung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In Grönland waren Kajakhandschuhe ein unerlĂ€sslicher Teil der KajakausrĂŒstung, da viele grönlĂ€ndische Inuit KajakjĂ€ger waren. AuĂer den Kajakhandschuhen (aaqqatit, engl. kayak mittens) gab es spezielle Kajak-Ărmel (aaqqat, engl. kayak sleeves).
Bei stundenlangen Kajakreisen kann die Hand so von Zeit zu Zeit im Handschuh umgedreht werden, wenn er an der HandflĂ€che durchnĂ€sst ist und von Wasser oder Eis rutschig wird. So kann die trockenere HandrĂŒckenseite des Handschuhs zur HandflĂ€chenseite gemacht werden. Wenn der nasse Handschuh gedreht wird, befindet sich die nasse FlĂ€che oben. Das Wasser gefriert zwar zu einer dĂŒnnen Eisschicht, diese kann aber abgeklopft werden. Nicht nur die nasse HandflĂ€che am Handschuh wird zum Problem beim Benutzen des Paddels und der Harpune, sondern besonders der nasse Daumen â deshalb ist der Handschuhdaumen doppelt vorhanden. Auch nutzen sich die FĂ€ustlinge wegen des Wechselns der Seiten nicht so schnell ab. Zumindest das hier abgebildete Paar ist so geschnitten, dass man die Handschuhe nicht von einer auf die andere Hand wechseln, sondern nur in sich drehen kann. Da die Handschuhe relativ groĂ sind, kann man mit ihnen notfalls auch eine Eskimorolle ohne ein Paddel machen.
Materialien und Herstellung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der Kajakhandschuh ist weit geschnitten, da er zusammen mit einem Innenhandschuh angezogen wird. Als Innenhandschuh verwendeten die Eskimos frĂŒher entweder Baumwollhandschuhe oder HolzhobelspĂ€ne zur zusĂ€tzlichen WĂ€rmedĂ€mmung. Traditionelle Materialien fĂŒr die Herstellung von Kajakhandschuhe waren Lachshaut, Robbenfell (identisch mit Seehundfell) oder Wolle. Robbenfell fĂŒr Kajakhandschuhe wurde oft auf spezielle Art hergestellt. Die Haare wurden nicht ausgezupft, so wie fĂŒr andere Teile der Kajakbekleidung der Eskimos, sondern abrasiert. So blieb das Fell griffiger, auch wenn es feucht wurde. ZusĂ€tzlich wurde die Innenseite des Robbenfells mit Blut behandelt, damit es noch besser wasserdicht wird und auch noch geschmeidiger. Kajakhandschuhe wurden auch aus enthaartem Sattelrobben-Fell hergestellt. GenĂ€ht wurden sie mit Seehundspeiseröhre. Diese ist sehr gut geeignet, da sie sich im feuchten Zustand ausdehnt und deshalb die durch die NĂ€hnadel entstandenen Löcher vollstĂ€ndig und wasserdicht ausfĂŒllt. Heute verwendet man dafĂŒr Kunstfasergarne, da fast kein Faden aus Seehundspeiseröhre mehr hergestellt wird.
Traditionelle Kajakhandschuhe wurden fĂŒr den Eigenbedarf angefertigt. Sie sind heute in Grönland nicht im Handel erhĂ€ltlich.
In grönlĂ€ndischen Kajakklubs werden traditionelle Kajakhandschuhe fast nur noch bei Meisterschaften getragen, ansonsten werden Handschuhe aus Neopren vorgezogen, die wĂ€rmer und weniger steif sind und auĂerdem weniger Pflege bedĂŒrfen. Diese modernen Neoprenhandschuhe sind so geformt, dass sie der starken KrĂŒmmung der Finger folgen, die das Kajakpaddel halten.
- Kajakhandschuhe aus Wolle â wahrscheinlich handelt es sich hier um Innenhandschuhe, ĂŒber die wasserabweisende Kajakhandschuhe gezogen wurden oder auch nur um ein Anschauungsmodell zur Form der Kajakhandschuhe
- Kajak-Handschuhe aus Robbenleder, Grönland 1894 (im Linden-Museum, Stuttgart)
- Eskimo beim Fischen â mit Kajakhandschuhen; auch die Kajak-Ărmel (aaqqat, engl. kayak sleeves) sind gut zu erkennen
Quelle
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Birgitta Huse (Hrsg.): Von Kopf bis FuĂ. Ein Handbuch rund um Körper, Kleidung und Schmuck fĂŒr die interkulturelle Unterrichtspraxis (= Gegenbilder 4). Waxmann-Verlag, MĂŒnster u. a. 2004, ISBN 3-8309-1421-0, S. 210.
- Keld Hansen: Nuussuarmiut â Hunting Families on the Big Headland. Demography, Subsistence and Material Culture in Nuussuaq, Upernavik, Northwest Greenland (= Meddelelser om GrĂžnland. Man & society 35). Commission for Scientific Research in Greenland, Kopenhagen 2008, ISBN 978-87-635-1084-4, S. 138.