Landser (Soldat)

Als Landser wurden vereinzelt im Ersten, verbreiteter im Zweiten Weltkrieg und gelegentlich noch in der Nachkriegszeit rangniedrige deutsche Heeressoldaten bezeichnet.
UngeklÀrte Etymologie
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Vor dem Ersten Weltkrieg finden sich vereinzelte Belege mit der Schreibung Lanzer. Nach Pfeifer ist der Begriff Ende des 19. Jahrhunderts âunter sĂ€chsischen Soldaten im Sinne von âLandsmannâ entstandenâ.[1] Das Handbuch der Soldatensprache von 1905 teilt mit: âBesonders die Sachsen nennen sich gegenseitig Lanzer (âGuten Tag, Lanzerâ) und werden daher allgemein von den PreuĂen so geheiĂen.â[2] 1907 wird Lanzer neben Kamerad fĂŒr Soldat angegeben.[3] 1910 nennt ein in Sachsen entstandenes Handbuch der PennĂ€lersprache Lanzer fĂŒr Soldat.[4]
Zur Herkunft des im Ersten Weltkrieg auĂerhalb der sĂ€chsischen Soldatensprache noch wenig verbreiteten Wortes finden sich von Anfang an unterschiedliche Angaben. Wie fĂŒr einen solchen Jargon-Ausdruck nicht ungewöhnlich, werden mannigfache volksetymologische ErklĂ€rungen angeboten. Die ErklĂ€rungen stimmen darin ĂŒberein, dass Landser eine VerkĂŒrzung eines lĂ€ngeren Wortes sei.
Kluge hĂ€lt einen Anschluss des Wortes an Lanz(t) in Lanzknecht fĂŒr möglich.[5] Duden online schlieĂt das Wort an âLanzâ an, eine Kurzform von âLanzknechtâ, dies wiederum eine frĂŒhneuhochdeutsche Schreibweise fĂŒr Landsknecht unter Anlehnung an Lanze oder Lanze (MilitĂ€rischer Verband).[6] Schon das Handwörterbuch der deutschen Sprache von Daniel Sanders (1912) fĂŒhrt Lanzener, Lanzer als Lanzenbewaffneter.[7] Die Leipziger Zeitung befasste sich mit der Verwendung des Wortes in der âPennĂ€lerspracheâ in Sachsen um 1900 und hielt es fĂŒr eine VerkĂŒrzung von âLandsmannâ.[8] Auch die sĂ€chsischen Soldaten sollen sich schon in den Einigungskriegen untereinander mit âLandserâ angeredet haben, âursprĂŒnglich wohl Landsknecht, dann aber wie Landsmann gebrauchtâ, weshalb sie (die Sachsen) von den PreuĂen ebenfalls so genannt wurden.[9] Der Hannoveraner Georg von Ompteda lernte das Wort im Ersten Weltkrieg bei den sĂ€chsischen Soldaten kennen und betont, Landser heiĂe âdoch nichts anderes als Landsmannâ.[10] Der Mannheimer Gustav Hochstetter nennt in seinem Soldatenwörterbuch Der Feldgraue BĂŒchmann von 1916 âLandserâ und âLandstrichâ als gĂ€ngige Benennungen fĂŒr einen Feldgrauen (also einen deutschen Soldaten).[11]
Der Neue Brockhaus schreibt 1941 unter Landser schlicht âSoldatensprache: Soldatâ.[12] 1945 wurde das Wort âLandserâ in den Monatsheften fĂŒr deutschen Unterricht der University of Wisconsin als das zu jener Zeit gebrĂ€uchliche fĂŒr Soldaten eingestuft.[13] Nach dem Bertelsmann Volkslexikon von 1956 steht das Wort Landser fĂŒr âLandsmannâ und âSoldatâ.[14]
Verwendung des Begriffs Landser in Medien
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Publizistische Verwendung
Eine Abfrage der digitalisierten Bilddatenbank mit derzeit 200.000 Bildern des Bundesarchivs mit dem Suchbegriff âLandserâ bringt trotz der zahlreichen Bilder von Propagandakompanien (PK), die oft mit Originalbildunterschriften ĂŒberliefert sind, nur 12 Funde von âLandserâ. Alle Bilder zeigen Wehrmachtssoldaten bei FreizeitaktivitĂ€ten.[15]
Eine Abfrage der Buchtitel der Deutschen Bibliothek nach âLandserâ beginnend mit dem Jahr 1917 ergibt 647 Funde. AuffĂ€llig ist von Beginn an der hohe Anteil von humorvollen BĂŒchern, etwa: Humor fĂŒr den fidelen Landser (1918) oder Peter Purzelbaum: Landser und Muschkoten (1929). Nur 8 Buchtitel stammen aus der Zeit vor dem Nationalsozialismus. Im Nationalsozialismus setzt die Buchproduktion mit dem Titelbestandteil Landser in der Bedeutung von Soldat erst 1940 ein. Hier sind ebenfalls humorvolle bzw. unterhaltende Titel vorherrschend. Beispiele: Peter Brömse: Nur fĂŒr Landser: fröhliche Lieder (1940) oder das von Alfred Schröter herausgegebene Landser lachen: Neuer deutscher Soldatenhumor. Die besten heiteren Kriegserlebnisse aus der Rundfunk-Sendung âSoldaten-Kameradenâ oder von Korbinian Lechner mit Zeichnungen von Franz Bleyer: Armleuchter bis Zielscheibe: Ebenso nĂŒtzliches wie vergnĂŒgliches, mit vielen passenden und manchen unpassenden Zitaten wohlausgerĂŒstetes und beinah vollstĂ€ndiges Landser-Lexikon, beide aus dem Jahr 1940. 1940/41 war das Lied "Wovon kann der Landser denn schon trĂ€umen" sehr erfolgreich. 1944 erscheint in der 11. Auflage Landser lachen: Fronthumor dieses Krieges von Werner Lass und Hans-Adolf Weber. Zwischen 1940 und 1945 erschienen also 44 Landser-Titel, die heute die Deutsche Bibliothek verwahrt.[16] Der âLandserhumorâ hatte in der NS-Kriegspropaganda einen festen Stellenwert mit einer definierten Aufgabe. Eines der Stilelemente, das Schriften wie âLandser lachenâ nutzten, waren fingierte Feldpostbriefe in Dialekt, die den âeinfachen Landserâ simulierten und so den Soldaten Muster fĂŒr die Deutung ihrer Kriegserlebnisse bereitstellten.[17] Die Reihe erschien in hoher Auflage.[18]
Die restlichen ĂŒber 500 Titel der Deutschen Bibliothek entstammen der Nachkriegsproduktion. Hier ist wiederum Landser lachen: Erlebtes und Erlauschtes zwischen Front und Etappe von Hans-JĂŒrgen Linden von 1954 die frĂŒhste Verwendung des Wortes Landser in einem Buchtitel nach 1945, bis 1957 die Groschenheftreihe Der Landser startet, die inklusive Nebenreihen das Gros der restlichen Titel stellt.[16] Klaus F. Geiger weist in seiner detaillierten Analyse der âLandserâ-Heftreihe auf die Funktion und Ăbernahme des âLandserhumorsâ als Motiv hin. Landserhumor ist neben komischen Szenen und Erotik eines der Grundelemente, die zu seinem Analyseraster gehören.[19]
1955 kam der Dokumentarfilm So war der deutsche Landser in die deutschen Kinos. Dieser Film war vor allem aus Filmmaterial von Wochenschauberichten zusammengeschnitten und mit einem neuen Text unterlegt. Als er der Freiwilligen Selbstkontrolle der Filmwirtschaft (FSK) vorgestellt wurde, bekam er starke Kritik und Forderungen zu Ănderungen. Die FSK kritisierte den Filmtext wegen âmilitaristischer, nationalistischer und nationalsozialistischer Tendenzenâ. 380 Meter des einst 2880 Meter langen Filmes wurden vor der Veröffentlichung herausgeschnitten, ganze Textpassagen weggelassen oder verĂ€ndert.[20]
2019 erschien das Buch So war der deutsche Landser... - Das populÀre Bild der Wehrmacht, welches sich in 18 BeitrÀgen verschiedener Historiker kritisch mit dem Blick der Deutschen bzw. der deutschen Medien auf die Wehrmacht und Waffen-SS nach dem Krieg befasste.[21]
Der Historiker Sönke Neitzel verwendete 2020 den Begriff Landser auch fĂŒr Soldaten der Bundeswehr in seinem Buch Deutsche Krieger: Vom Kaiserreich zur Berliner Republik â eine MilitĂ€rgeschichte.[22]
Siehe auch
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Doughboy: veraltete, umgangssprachliche Bezeichnung fĂŒr einen US-Soldaten
- GI: gĂ€ngige, umgangssprachliche Bezeichnung fĂŒr einen US-Soldaten
- Poilu: in Frankreich, umgangssprachliche Bezeichnung fĂŒr einen französischen Soldaten, wĂ€hrend des Ersten Weltkrieges
- Tommy: umgangssprachliche Bezeichnung fĂŒr einen britischen Soldaten
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Georg Heydemarck: Der Landser: Sachsens Soldatenlieder. Leipzig 1915, DNB 573791953.
- Georg Freiherr von Ompteda: Sachsen im Felde (Ostfront). Berlin 1916, S. 84ff: Vom Landser, DNB 1035344726.
- Heinz KĂŒpper: Am A⊠der Welt. Landserdeutsch 1939â1945. Hamburg 1970.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- â Wolfgang Pfeifer [Leitung]: Etymologisches Wörterbuch des Deutschen. 2. durchgesehene und erweiterte Auflage. Deutscher Taschenbuch Verlag, MĂŒnchen 1993, ISBN 3-423-03358-4., Stichwort âLandâ.
- â Paul Horn: Die deutsche Soldatensprache. 1905, S. 24 (Textauszug).
- â Robert Douffet: Deutsche Wortforschung und Wortkunde. 1907, S. 189 (Textauszug).
- â Rudolf Eilenberger: PennĂ€lersprache: Entwicklung, Wortschatz und Wörterbuch. 1910, S. 17, 18, 59 (TextauszĂŒge).
- â Friedrich Kluge, bearbeitet von Elmar Seebold: Etymologisches Wörterbuch der deutschen Sprache. 24., durchgesehene und erweiterte Auflage. Walter de Gruyter, Berlin / New York 2001, ISBN 3-11-017473-1. Stichwort: âLandsknechtâ, S. 556.
- â Duden online: Landser
- â Daniel Sanders: Handwörterbuch der deutschen Sprache. 8., neubearb. u. verm. Aufl. von Ernst WĂŒlfing. Leipzig/Wien 1912, S. 394.
- â Wissenschaftliche Beilage der Leipziger Zeitung, Nr. 28 vom 6. MĂ€rz 1900.
- â Wissenschaftliche Beihefte zur Zeitschrift des Deutschen Sprachvereins, Ausgaben 31â47 (1909), S. 310.
- â Georg Freiherr von Ompteda: Sachsen im Felde (Ostfront). Berlin 1916, S. 84 (Textauszug).
- â Der Feldgraue Buechmann: geflĂŒgelte Kraftworte aus der Soldatensprache. 1916, S. 27: Feldgrauer = Landser, Landstrich.
- â Der Neue Brockhaus. Dritter Band, Brockhaus, Leipzig 1941, S. 17.
- â Monatshefte FĂŒr Deutschen Unterricht, University of Wisconsin, 1945 (Textauszug).
- â Bertelsmann Lexikon-Redaktion: Bertelsmann Volkslexikon. C. Bertelsmann Verlag, GĂŒtersloh 1956, S. 1035.
- â http://www.bild.bundesarchiv.de/ abgefragt am 29. September 2015
- 1 2 https://portal.dnb.de/opac.htm?method=simpleSearch&query=%22landser%22+&cqlMode=true&sortOrderIndex=jhr_asc aufgerufen am 30. September 2015
- â Martina Kessel: Gewalt schreiben. âDeutscher Humorâ in beiden Weltkriegen. In: Wolfgang Hardtwig: Ordnungen in der Krise: Zur politischen Kulturgeschichte Deutschlands 1900â1933. MĂŒnchen 2007, S. 229â260, besonders S. 244.
- â Ernst Fischer, Reinhard Wittmann: Geschichte des deutschen Buchhandels im 19. und 20. Jahrhundert. Band 3: Drittes Reich, Teil 1. 2005 (online).
- â Klaus F. Geiger: Kriegsromanhefte in der BRD. Inhalte und Funktionen. TĂŒbingen 1974, S. 72â76.
- â So war die Wochenschau. In: Der Spiegel. 13/1955, S. 38f.
- â Buch: So war der deutsche Landser bei Perlentaucher
- â Sönke Neitzel: Deutsche Krieger: Vom Kaiserreich zur Berliner Republik â eine MilitĂ€rgeschichte. PropylĂ€en, Berlin 2020, ISBN 978-3-549-07647-7.