Zum Inhalt springen

Lormen

aus Wikipedia, der freien EnzyklopÀdie
Übersicht: Lorm-Alphabet

Das Lormen oder Lorm-Alphabet dient der Kommunikation von Taubblinden mit nicht-taubblinden Menschen sowie von taubblinden Menschen untereinander. Der „Sprechende“ tastet dabei auf die HandinnenflĂ€che des „Lesenden“. Dabei sind einzelnen Fingern sowie bestimmten Handpartien bestimmte Buchstaben zugeordnet.

Das Lorm-Alphabet wurde im 19. Jahrhundert von Hieronymus Lorm (Pseudonym des Schriftstellers Heinrich Landesmann), der selbst taubblind war, fĂŒr den eigenen Gebrauch entwickelt, möglicherweise auf Grundlage eines Ă€hnlichen Systems des Philosophen George Dalgarno. Lorms Ehefrau Henriette und seine Tochter Marie beherrschten sein System und stellten ihm so die Verbindung zur Außenwelt her. Nach dem Tod Lorms 1902 drohte es jedoch in Vergessenheit zu geraten, da er nie Kontakt zu anderen Taubblinden gehabt hatte und immer bestrebt gewesen war, seine Art der Kommunikation möglichst geheim zu halten. Allerdings wussten Freunde und Bekannte von seiner „Fingersprache“ und erlernten sie zum Teil auch.[1]

H. v. Chlumecky, ebenfalls taubblind, ĂŒbernahm nach Kontakten mit Lorms Tochter Marie Landesmann das Lorm-System und sorgte – auch gegen anfĂ€ngliche WiderstĂ€nde von Blinden- und GehörlosenpĂ€dagogen – fĂŒr Bekanntheit und Verbreitung. Diese Form der VerstĂ€ndigung öffnete so taubblinden Menschen ein Tor zur Außenwelt und befreite sie aus der Isolation. Sie setzte sich in Deutschland wegen ihrer leichten Erlernbarkeit und Effizienz durch.

ABC fĂŒr Taubblinde nach Lorm (deutsch)

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
Lormalphabet-Zeichen fĂŒr die deutsche Sprache
Lormalphabet-Zeichen fĂŒr die tschechische Sprache (CH abweichend, SCH fehlend)
A= Punkt auf die Daumenspitze
B= Kurzer Abstrich auf dem Zeigefinger
C= Punkt auf das Handgelenk
D= Kurzer Abstrich auf dem Mittelfinger
E= Punkt auf die Zeigefingerspitze
F= Leichtes ZusammendrĂŒcken der Spitzen von Zeige- und Mittelfinger
G= Kurzer Abstrich auf dem Ringfinger
H= Kurzer Abstrich auf dem Kleinfinger
I= Punkt auf die Mittelfingerspitze
J= Zweimaliges Tippen auf der Mittelfingerspitze
K= Punkt mit vier Fingerspitzen auf den Handteller
L= Langer Abstrich von der Spitze des Mittelfingers zum Handgelenk
M= Punkt auf die Kleinfingerwurzel
N= Punkt auf die Zeigefingerwurzel
O= Punkt auf die Ringfingerspitze
P= Langer Aufstrich an der Außenseite des Zeigefingers
Q= Langer Aufstrich an der Außenseite der Hand (Kleinfingerseite)
R= Leichtes Trommeln der Finger auf den Handteller
S= Kreis auf den Handteller
T= Abstrich auf dem Daumen
U= Punkt auf die Kleinfingerspitze
V= Punkt auf den Daumenballen, etwas außen
W= Zweimaliges Tippen auf dem Daumenballen
X= Querstrich ĂŒber das Handgelenk
Y= Querstrich ĂŒber die Finger in der Mitte
Z= SchrÀger Strich vom Daumenballen zur Kleinfingerwurzel
Ä= Zweimaliges Tippen auf der Daumenspitze
Ö= Zweimaliges Tippen auf der Ringfingerspitze
Ü= Zweimaliges Tippen auf der Kleinfingerspitze
CH= SchrÀges Kreuz auf den Handteller
SCH= Leichtes Umfassen der Finger II–V
ST= Langer Aufstrich am Daumen, Außenseite

Gelormt wird in die linke oder rechte Hand des EmpfÀngers.[2]

Die einzelnen Buchstaben werden auf den Fingern und der HandflĂ€che mit BerĂŒhrungen dargestellt. GemĂ€ĂŸ dem vorgegebenen Lorm-Alphabet werden die jeweils betreffenden Punkte bzw. Orte der HandflĂ€che mit dem Finger des „Senders“ angetippt oder ĂŒberstrichen, fĂŒr die F- und SCH-Laute die entsprechenden Finger gemeinsam umfasst. Ein Abstrich, ob kurz oder lang, lĂ€uft immer in der Richtung Fingerspitze-Handwurzel, ein Aufstrich entgegengesetzt.

Wortenden können durch einen leichten Schlag in die HandflÀche signalisiert werden.
Eine Antwort „ja“ wird als doppelter Schlag in die HandflĂ€che signalisiert.
Eine Antwort „nein“ wird mit zwei gegenlĂ€ufigen Streichbewegungen in die HandflĂ€che gegeben.
Irrungen oder Korrekturen werden mit einer Wischbewegung auf der HandflÀche angezeigt.[2]
Das Fragezeichen kann durch ein doppelt ausgefĂŒhrtes 'K' angezeigt werden.

Das Lorm-Alphabet als VerstĂ€ndigungsmittel fĂŒr Taubblinde wird besonders im deutschsprachigen Raum, den Niederlanden und Tschechien angewendet.

Lormen ist fĂŒr schriftsprachkompetente Menschen relativ leicht erlernbar, denn es muss nicht eine neue Sprache, sondern nur ein Sprachsystem erlernt werden. Daher ist es vielen Menschen, die zum ersten Mal auf das Lorm-System stoßen, möglich, nach kurzen ErlĂ€uterungen sofort (langsam) mit der taubblinden Person zu kommunizieren. Es stellt jedoch hohe kognitive Anforderungen und ist dadurch als Kommunikationssystem nicht fĂŒr alle Personen mit Sinnesbehinderung geeignet. Vor allem fĂŒr spĂ€t erblindete Gehörlose oder bei spĂ€t erworbener Taubblindheit wird es erfolgreich verwendet.[3] FĂŒr die Kommunikation mit einer Gruppe von nicht sinnesbehinderten Menschen muss ein sprechender „Dolmetscher“ vorhanden sein, der das Lormen beherrscht. Die Muttersprache der Taubblinden ist meistens jedoch nicht das Lormen, sondern eine abgewandelte Form der GebĂ€rdensprache, die taktile GebĂ€rdensprache, bei der der Taubblinde die Gesten der GebĂ€rdensprache mit den HĂ€nden abtastet.[4]

Es existieren weitere Tastalphabete, so im englischen Sprachraum das Deafblind alphabet, eine Abwandlung des zweihÀndigen Fingeralphabets.

  • Eugen Isolani: Ein blinder Seher. Zu Hieronymus Lorm's fĂŒnfundsiebzigstem Geburtstage. In: Meraner Zeitung, Ausgabe vom 9. August 1896, S. 1–2 (Digitalisat).
  • H. v. Chlumecky: Ein Wort ĂŒber die Lormsche Handzeichensprache fĂŒr Taubblinde. In: Der Blindenfreund (Zeitschrift). 1908, S. 171–183.
  • Peter Hepp: Die Welt in meinen HĂ€nden. Ein Leben ohne Hören und Sehen. Verlag List, Berlin, ISBN 3-471-79534-0.
  • M. Landesmann: Die Dr. phil. Heinrich Landesmanns (Hieronymus Lorms) leicht faßliche und einfach ausfĂŒhrbare Finger-Zeichensprache fĂŒr Taubstumme, Taube, Taubblinde und Schwerhörige. BrĂŒnn 1908.
  • Christian Schnaus: LeistungsfĂ€higkeit von Handalphabeten als kommunikative Systeme fĂŒr taubblinde Menschen. Hausarbeit zur ersten StaatsprĂŒfung fĂŒr das Lehramt an Sonderschulen. Hamburg 1995.
  • J. Straub: Hieronymus Lorm. Dissertation, Freiburg im Breisgau 1959.

Einzelnachweise

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
  1. ↑ Eugen Isolani: „Hieronymus Lorm. Zum achtzigsten Geburtstage des Dichters, 9. August“. In: Innsbrucker Nachrichten, Nr. 180 vom 8. August 1901, S. 2. Siehe auch die Informationen zu Lorms Tast-Alphabet von Ina Niels im Neuen Wiener Journal, Nr. 13.833 vom 26. Mai 1932, S. 11 (ANNO)
  2. 1 2 Lorm-Alphabet, Taubblindenalphabet, Tastalphabet, Handalphabet / fakoo.de. Abgerufen am 14. November 2025.
  3. ↑ vgl. Der Tagesspiegel vom 5. Oktober 2013, S. 18
  4. ↑ Taktile GebĂ€rdensprache – BAT. In: Bundesarbeitsgemeinschaft der Taubblinden e. V. Abgerufen am 14. November 2025.