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Musikermedizin

aus Wikipedia, der freien EnzyklopÀdie

Die Musikermedizin befasst sich mit physischen und mentalen Erkrankungen und Beschwerden von Musikern (Musikerkrankheiten).

Gelegentlich wird die Musikermedizin auch mit dem mehrdeutigen Begriff Musikmedizin benannt, der aber auch fĂŒr verschiedene Formen der Musiktherapie verwendet wird. Der verwandte Forschungsbereich der Musikphysiologie befasst sich mit der Erforschung der physiologischen Grundlagen des Musizierens und der Prophylaxe von typischen Musikerkrankheiten. Bei dem oft synonym verwendeten Begriff der Musikergesundheit geht es vor allem um die Gesunderhaltung und das Wohlbefinden des Musikers sowie um vorbeugende Maßnahmen. Dazu gehören neben ausreichend Bewegung durch geeignete Sportarten auch gesunde ErnĂ€hrung und genĂŒgend Schlaf.

Auch psychische Probleme wie Lampenfieber befinden sich im Fokus der Forscher, die sich mit Musikermedizin beschÀftigen.

Forschung und Wissenschaft

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Bereits 1832 erschien der Ärztliche Ratgeber fĂŒr Musiktreibende von Karl Sundelin. Um die Jahrhundertwende veröffentlichte Adolf Steinhausen (1859–1910) verschiedene musikmedizinische Abhandlungen. In den 1920er-Jahren schrieb Julius Flesch ĂŒber die Berufskrankheiten des Musikers (Flesch, Celle 1925). Der Nervenarzt Kurt Singer veröffentlichte 1926 das Buch Berufskrankheiten der Musiker, er lehrte ab 1923 an der Hochschule fĂŒr Musik „Hanns Eisler“ Berlin. Nach ihm wurde das Kurt-Singer-Institut fĂŒr Musikermedizin in Berlin (UniversitĂ€t der KĂŒnste und Musikhochschule Hanns Eisler) benannt, dessen Leitung heute Alexander Schmidt hat. Weitere musikermedizinische Einrichtungen sind das im Jahr 1974 von Christoph Wagner gegrĂŒndete „Institut fĂŒr Musikphysiologie und Musikermedizin“ (IMMM) der Hochschule fĂŒr Musik, Theater und Medien Hannover seit 1994 geleitet von Eckart AltenmĂŒller sowie das 2005 gegrĂŒndete Freiburger Institut fĂŒr Musikermedizin geleitet von Claudia Spahn und Bernhard Richter. In der DDR wurde in der Arbeitsmedizinischen Beratungsstelle der Theater und Orchester in Berlin im Fachgebiet geforscht und therapiert. Weitere Institute oder Abteilungen fĂŒr Musikphysiologie und Musikermedizin befinden sich u. a. an den Musikhochschulen Weimar, Leipzig, Dresden und Frankfurt sowie am UniversitĂ€tsklinikum DĂŒsseldorf und am Klinikums rechts der Isar der Technischen UniversitĂ€t MĂŒnchen.

1994 wurde die Deutsche Gesellschaft fĂŒr Musikphysiologie und Musikermedizin gegrĂŒndet, die jedes Jahr einen Kongress ausrichtet. Auch in der Schweiz, Österreich (Österreichische Gesellschaft fĂŒr Musik und Medizin), Frankreich, Großbritannien, den Niederlanden, USA und Neuseeland haben sich seit den 1990er Jahren entsprechende VerbĂ€nde etabliert.

Typische Erkrankungen

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Besonders hĂ€ufig treten Überlastungs- und vorzeitige Verschleißerscheinungen der Muskeln, Sehnen und Gelenke vorwiegend der Arme und besonders der HĂ€nde auf. Von den 264.000 angestellten Berufsmusikern, die 2006 in den USA tĂ€tig waren, litten je nach gespieltem Instrument 50–76 % an berufsbezogenen muskuloskeletalen Beschwerden, wobei Frauen deutlich hĂ€ufiger betroffen waren (70 % versus 52 %). Am hĂ€ufigsten treten die Beschwerden in der dritten und vierten Lebensdekade auf. Risikofaktoren sind eine allgemeine Überbeweglichkeit (HyperlaxizitĂ€t) der Gelenke, plötzlich vermehrtes und intensiviertes Üben, Wechsel des Übungsleiters/Dirigenten, Stress, schlechte Haltung und schlechte FĂŒhrung des Instruments.[1]

Typische Erkrankungen sind:

Manche Erkrankungen sind typisch fĂŒr bestimmte Instrumente.[2] So wird berichtet, dass das lĂ€ngere, regelmĂ€ĂŸig wiederholte Spielen eines Instrumentes wie der Geige, der Bratsche oder Blasinstrumenten mit VerĂ€nderungen im Bereich der ZĂ€hne, der Mundhöhle, der Kiefer und des Gesichtes einhergehen kann.[3]

Orchestermitglieder sind in engen und oft abgeschlossenen OrchestergrĂ€ben dicht platziert und hohen Schallpegeln ausgesetzt. Durch die rĂ€umlichen VerhĂ€ltnisse gelangt teilweise nicht genĂŒgend Schall zum Publikum, weshalb oftmals ein lauteres Spielen oder eine elektronische VerstĂ€rkung erforderlich ist. Zudem ist orchestrale Musik im Laufe der letzten Jahrhunderte immer lauter geworden.

Musikinstrumente können Schalldruckpegel erzeugen, die zu dauerhaften GehörschĂ€den wie Hörverlust und Tinnitus fĂŒhren können.[4][5] Durch LĂ€rm induzierte HörschĂ€den beim Musizieren entstehen schleichend und meist unbemerkt ĂŒber viele Jahre. Musizierende mit Hörstörungen mĂŒssen sich im Orchester stĂ€rker konzentrieren. Die erhöhte Konzentration, verbunden mit einer Verunsicherung bei der Intonation und verminderter PrĂ€zision beim Einsatz, erleben viele als zusĂ€tzlichen Stress. Schon eine leichtere Innenohrschwerhörigkeit (evtl. zusammen mit einem Tinnitus) kann im Einzelfall die AusĂŒbung des Berufs einschrĂ€nken.[6]

PrÀvention und Therapie

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PrĂ€vention bildet den Schwerpunkt der musikermedizinischen Arbeit. Das heißt, Musiker sollen ĂŒber Vorbeugungsmöglichkeiten aufgeklĂ€rt werden. Ergonomie (sowohl eine optimale Anpassung des Instruments an den Körper mit entsprechenden Hilfsmitteln sowie gute StĂŒhle), geeignete Sportarten und das Wissen um die physiologischen und anatomischen Grundlagen des Musizierens sind wichtige Bausteine in der PrĂ€vention von Erkrankungen des Bewegungsapparates. Auch gesunde ErnĂ€hrung und ausreichend Schlaf ermöglichen leistungsfĂ€higeres Musizieren.

ZusĂ€tzlich können Entspannungstechniken hilfreich sein. Hierzu zĂ€hlen Progressive Muskelentspannung nach Jacobsen, Autogenes Training, Meditation aber auch Taichi chuan und Qigong. DarĂŒber hinaus sind Bewegungslehrmethoden wie Eutonie, Alexander-Technik, Feldenkrais, Dispokinesis oder Funktionelle Bewegungslehre besonders geeignet, um Fehlhaltungen und Fehlbewegungen zu erkennen und zu verĂ€ndern. Diese Techniken spielen nicht nur bei der PrĂ€vention eine wichtige Rolle, sondern können auch bereits vorhandene Störungen reduzieren oder ganz beseitigen. Als weitere Therapieform kommt die Osteopathie zur Anwendung.

Die Medizin ist (Stand: 2023) nicht in der Lage GehörschĂ€den zu heilen. Viele Musiker sind ĂŒber die gesundheitlichen Risiken des Musizierens wie GehörschĂ€den nicht aufgeklĂ€rt.[7][8] GemĂ€ĂŸ der LĂ€rm- und Vibrations-Arbeitsschutzverordnung (LĂ€rmVibrationsArbSchV) mĂŒssen die BeschĂ€ftigten vor Gehör gefĂ€hrdendem Schall geschĂŒtzt werden. Im Musikerberuf werden aber oft mehrere TĂ€tigkeiten ausgeĂŒbt wie etwa EinzelĂŒben oder Unterrichten, von deren Belastung fĂŒr die Betroffenen der Arbeitgeber hĂ€ufig keine genaue Kenntnis hat. FĂŒr diese FĂ€lle gibt es ein Auswahlprogramm als Hilfe bei der Ermittlung der Belastung und zur Auswahl des Gehörschutzes. Da die LĂ€rmexposition von einem Arbeitstag zum anderen erheblich schwanken kann, verwendet die Software aus praktischen GrĂŒnden den Wochen-LĂ€rmexpositionspegel.[9]

Einzelnachweise

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  1. ↑ S. Sheibani-Rad, S. Wolfe, J. Jupiter: Hand disorders in musicians The Bone and Joint Journal 2013; Band 95-B, Ausgabe 2 vom Februar 2013, S. 146–150
  2. ↑ Besser spielen, schneller spielen, ĂŒberspielen: Berufskrankheiten bei Musikern. Abgerufen am 18. Oktober 2017.
  3. ↑ A. GƂowacka A, M. Matthews-Kozanecka, M. Kawala, B. Kawala: The impact of the long-term playing of musical instruments on the stomatognathic system – review. Advances in Clinical and Experimental Medicine: Official Organ Wroclaw Medical University, Band 23, Nr. 1, S. 143–146 (2014), PMID 24596017.
  4. ↑ Safe and Sound - Ratgeber zur Gehörerhaltung in der Musik- und Entertainmentbranche. Bundesanstalt fĂŒr Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin, 2010, abgerufen am 19. Juli 2023.
  5. ↑ Traurige Liste: Musiker mit Hörsturz, Tinnitus oder Hörverlust. Rolling Stone, 12. Juni 2018, abgerufen am 19. Juli 2023.
  6. ↑ Bundesanstalt fĂŒr Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin (BAuA): Safe and Sound – Ratgeber zur Gehörerhaltung in der Musik- und Entertainmentbranche. Abgerufen am 22. MĂ€rz 2022.
  7. ↑ Martina Lenzen-Schulte: Schwerhörigkeit bei Berufsmusikern : Dem Ohr ist Musik auch LĂ€rm. Frankfurter Allgemeine, 16. Mai 2014, abgerufen am 19. Juli 2023.
  8. ↑ Sven Kochale: HörschĂ€den bei Berufsmusikern - Laut wie ein Presslufthammer. Deutschlandfunk Kultur, 6. Oktober 2022, abgerufen am 19. Juli 2023.
  9. ↑ Institut fĂŒr Arbeitsschutz der Deutschen Gesetzlichen Unfallversicherung (IFA): Gehörschutz – Auswahlprogramm fĂŒr Orchestermusiker. Abgerufen am 22. MĂ€rz 2022.