Nordmende



Nordmende war ein deutscher Hersteller von Unterhaltungselektronik mit Sitz in Bremen. 2017 bis 2022 vertrieb der ebenfalls deutsche Hersteller TechniSat FernsehgerĂ€te unter dieser Marke. Seitdem hat sie einen neuen EigentĂŒmer.
Geschichte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]AnfÀnge in Dresden
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1923 grĂŒndete Otto Hermann Mende (1885â1940) in Dresden die Radio H. Mende & Co. In den 1930er Jahren stieg Mende zu einem der gröĂten deutschen RundfunkgerĂ€tefabrikanten auf. Martin Mende grĂŒndete 1947 in Bremen unter dem Namen Norddeutsche Mende-Rundfunk GmbH ein neues Unternehmen, das in den Hallen der ehemaligen Focke-Wulf-Flugzeugwerke an der Diedrich-Wilkens-StraĂe (Bremen-Hemelingen) seine TĂ€tigkeit aufnahm. Nordmende war in der Nachkriegszeit ein bedeutender deutscher Hersteller von Radios, Fernsehern, TonbandgerĂ€ten und Plattenspielern. Nordmende stellte mit dem Nordmende PrĂ€sident den ersten Fernseher mit kabelloser Ultraschallfernbedienung vor.
1970er Jahre
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]1969 ĂŒbernahmen Martin Mendes Söhne das Unternehmen. In den 1970er Jahren wurden Nordmende-Fernseher wegen ihrer innovativen Chassis, die stark modular und im Bereich der Signalverarbeitung netzgetrennt aufgebaut waren, sowie wegen einer aufwendigen Endkontrolle der ausgelieferten GerĂ€te bekannt. Beides verursachte jedoch hohe Kosten, die sich auf dem einem deutlichen Preisverfall ausgesetzten FarbfernsehgerĂ€temarkt bald als Wettbewerbsnachteil erwiesen.
Neben FarbfernsehgerĂ€ten (Bezeichnung Spectra Color) fĂŒr den Massenmarkt, die ĂŒber ein HolzdekorgehĂ€use verfĂŒgten, baute Nordmende designorientierte Fernseher im Monitorlook, deren KunststoffgehĂ€use in einem aufwendigen Kunststoffblasverfahren hergestellt wurden. Die GerĂ€te wurden in vielen Metallic-Lackierungen angeboten.
Spitzenmodelle waren zwei GerĂ€te mit integriertem StandfuĂ:
- âColor Stereosonicâ, ein Stereo-MonitorgerĂ€t mit einem Basslautsprecher im StandfuĂ und zwei Stereolautsprecherboxen, die an das GehĂ€use angebracht waren und vor den Bildschirm geklappt werden konnten. Wegen der groĂen âOhrenâ (Lautsprecherboxen) wurde der Fernseher werksintern auch âPrince Charlesâ genannt.
- ein weiteres, nur in Mono erhĂ€ltliches GerĂ€t (âSpectra Color Studioâ bzw. âSpectra SK2 Color de Luxe Studioâ), bei dem unter dem 63/66-cm-Hauptbildschirm drei 7-Zoll-Bildschirme in SchwarzweiĂ die parallele Darstellung von drei anderen Programmen ermöglichten.[1]
Verkauf an Thomson-Brandt
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]1977 wurden Anteile des Unternehmens an den französischen Thomson-Brandt-Konzern verkauft. Ein Jahr spĂ€ter verĂ€uĂerte die Familie auch ihren verbliebenen Anteil an Thomson-Brandt.
Das Bremer Unternehmen bestand stets aus zwei Gesellschaften. Die Produktion erfolgte bei der Norddeutsche Mende Rundfunk KG; den Vertrieb und die Werbung ĂŒbernahm die Nordmende Vertriebs GmbH & Co. oHG.
WĂ€hrend der Beherrschung durch Thomson Ă€nderte die Produktionsgesellschaft mehrfach ihren Namen: Norddeutsche AG fĂŒr Unterhaltungselektronik & Co. oHG (NAGFU), spĂ€ter Deutsche AG fĂŒr Unterhaltungselektronik & Co. oHG (DAGFU). Die DAGFU wurde zur Holding der deutschen Thomson-Gesellschaften.
Die Produktion ging auf die Deutschen Elektronik-Werke GmbH (DEWEK) ĂŒber, die aus der SĂŒddeutschen Elektronikwerke GmbH (SEWEK), der ehemaligen SABA-Produktionsgesellschaft, entstand. Ende der 1980er Jahre wurde die DEWEK mit der Norddeutschen Elektronikwerke GmbH (NEWEK), der Telefunken-Produktionsgesellschaft, zur Elektronik-Werke Deutschland GmbH (EWD) fusioniert. Die EWD firmierte spĂ€ter als Thomson Television Germany GmbH (TTG).
Die Vertriebsgesellschaft (oHG) wurde Mitte der 1980er Jahre aufgelöst. Der Vertrieb in Deutschland wurde von der Nordmende Vertriebs GmbH fortgefĂŒhrt, die sich in Nordmende GmbH umbenannte. Die Nordmende GmbH wurde Mitte der 1990er Jahre zusammen mit der Telefunken Fernseh und Rundfunk GmbH mit Werken in Hannover und Celle, der SABA GmbH, der TTG und anderen Gesellschaften zur Thomson Multimedia Sales GmbH verschmolzen.
Die andere, an der Nordmende Vertriebs GmbH & Co. oHG beteiligte Gesellschaft, die Nordmende Verkaufs GmbH, firmierte in Nordmende International GmbH um und hielt unter dem Dach der European Consumer Electronics GmbH (ECE) die Markenrechte an Nordmende fĂŒr das Export-GeschĂ€ft, wĂ€hrend das Export-GeschĂ€ft an sich von der ECE wahrgenommen wurde. Die Nordmende International GmbH wurde Mitte der 1990er Jahre an die Thomson Consumer Electronics S.A. in Paris verkauft, firmierte in Thomson Consumer Electronics GmbH um und erwarb einen Anteil an der DAGFU, wodurch die DAGFU in Thomson Consumer Electronics GmbH & Co. oHG umfirmierte.
1980er Jahre
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Durch Thomsons Ăbernahme der Telefunken Fernseh und Rundfunk GmbH in Hannover im Jahr 1983 wurden nunmehr alle deutschen Thomson-ProduktionsstĂ€tten unter dem Namen Elektronik Werke Deutschland (EWD) weitergefĂŒhrt.
WÀhrend am Standort Villingen-Schwenningen bei SABA (SEWEK) die komplette FernsehgerÀte-Entwicklung und Chassis-Produktion (Leiterplatten) von Thomson zusammengefasst und die Fernseher-Produktion aufgegeben wurde, avancierte das Bremer Werk zur Zentrale der FarbfernsehgerÀtemontage der deutschen und europÀischen Thomson-Tochtermarken. Lediglich Telefunken durfte im Werk Celle (1997 geschlossen) wegen seiner starken Position am deutschen Markt noch eigene GerÀte mit eigenem Chassis bauen.
UrsprĂŒnglich hatte Thomson geplant, den Standort Bremen zu schlieĂen und komplett aufzugeben. Der Konzern hatte jedoch nicht mit dem Widerstand der BeschĂ€ftigten und der UnterstĂŒtzung durch den Bremer Senat und dem groĂen Medienecho gerechnet. Da Thomson in Deutschland bereits einen Ruf als âJobkillerâ hatte und sich nicht erneut ins schlechte Licht rĂŒcken wollte, machte das Unternehmen einen RĂŒckzieher. Stattdessen wurde die Produktion in Villingen-Schwenningen geschlossen und nach Bremen verlagert.
Mitte der 1980er Jahre stand dann auch das Bremer Thomson-Werk vor dem Aus. 1987 ĂŒbernahmen die GeschĂ€ftsfĂŒhrer im Zuge eines Management Buy Outs das Unternehmen. Mit den Sozialplan-Geldern von Thomson, einer Beteiligung der landeseigenen Hanseatischen Industrie-Beteiligungen GmbH (HIBEG) und Krediten fĂŒhrender Bremer Banken wurden die FernsehgerĂ€te- und Kunststoffteileproduktion, mit einer stark reduzierten Belegschaft, unter dem Namen Europart (geplanter Name war zunĂ€chst Eurotec) fortgefĂŒhrt.
Ende der Produktion
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Nachdem Thomson Ende der 1980er Jahre seine Kunststoffteile fĂŒr die inzwischen verlagerte FernsehgerĂ€teproduktion nicht mehr von Europart bezog, stĂŒrzte das Unternehmen in eine Krise, von der es sich nicht mehr erholte. Eigene Entwicklungen konnten sich parallel zur Zulieferproduktion am Markt nicht etablieren, so dass das Unternehmen trotz der Rettungsversuche durch den Bremer Senat und einer mehrwöchigen Werksbesetzung in die Insolvenz ging, da die Banken ihre Kreditlinien gekĂŒndigt hatten.
Marke Nordmende unter Thomson
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]UnverzĂŒglich nach Erwerb des Unternehmens trennte Thomson Produktion und Vertrieb in zwei Gesellschaften auf. WĂ€hrend die Produktion direkt von der Zentrale in Paris gesteuert wurde, blieb der Vertrieb zunĂ€chst eigenstĂ€ndig. Die Produktion von Audio-GerĂ€ten wurde in Deutschland eingestellt und nach Frankreich verlagert. Nach SchlieĂung mehrerer Fabriken im Bremer Umland blieben die Fernsehproduktion in Bremen und das Kit Center in Bremerhaven ĂŒbrig. Im Kit Center wurden BausĂ€tze fĂŒr LĂ€nder zusammengestellt, die einen inlĂ€ndischen Produktionsanteil (local content) forderten.
Die HauptmĂ€rkte fĂŒr Nordmende waren Deutschland und Italien. Als Vertriebskanal in Deutschland wurde der qualifizierte Facheinzelhandel und fĂŒr die ExportmĂ€rkte Generalimporteure genutzt. Nachdem die ExportaktivitĂ€ten der Konzernmarken Nordmende, Telefunken und SABA im Jahr 1987 unter dem Dach der ECE GmbH in Hannover zusammengefasst worden waren, agierte der Inlandsvertrieb noch einige Jahre eigenstĂ€ndig von Bremen aus.
Durch den VerdrĂ€ngungswettbewerb preisgĂŒnstiger GroĂvertriebsformen wie Mediamarkt sah sich Thomson Anfang der neunziger Jahre gezwungen, den Inlandsvertrieb neuzuordnen. Die Vertriebe der Marken Nordmende, Telefunken und SABA wurden in Hannover zentralisiert. Es wurden Markenfamilien gegrĂŒndet: SABA und Brandt (Frankreich) als preisorientierte Marken fĂŒr die GroĂvertriebsformen, Telefunken als QualitĂ€tsmarke fĂŒr den Einzelfachhandel sowie Nordmende und Thomson (Frankreich) als designorientierte Marken fĂŒr das gehobene Preissegment.
Als der Thomson-Konzern sich in Deutschland engagierte, wurde es lange Zeit vermieden, unter dem Namen Thomson aufzutreten, weshalb Gesellschaftsbezeichnungen wie SEWEK, EWD oder DAGFU gewĂ€hlt wurden. In den 1990er Jahren trat ein Wandel ein. Verschiedene Gesellschaften wurden mit dem Namensbestandteil Thomson umfirmiert. Als letzte Konsequenz wurde auch die Marke Nordmende vom Markt genommen und durch Thomson ersetzt, was zu einem noch schnelleren Niedergang in Deutschland fĂŒhrte.
Durch die Unterlizensierung der Marke tauchten vereinzelt GerĂ€te unterschiedlicher Hersteller unter dem Markennamen auf, so z. B. Ende 2007 in Zusammenhang mit LCD-FernsehgerĂ€ten. Der indische Unterhaltungselektronik-Konzern Videocon hatte von der französischen Thomson-Gruppe ein Fernsehröhrenwerk im italienischen Anagni ĂŒbernommen und dabei die Markenrechte der ehemals deutschen Traditionsmarke Nordmende erworben. Ab 2008 verwendete die Phillar Group die Bezeichnung Nordmende.[2] Besonders in Italien werden unter der Marke Nordmende designorientierte Flachbild-FernsehgerĂ€te vertrieben. 2014 begann ein Unternehmen, den Markennamen Nordmende auch im Zusammenhang mit elektronischen hörgerĂ€teĂ€hnlichen GerĂ€ten zu verwenden.[3]
Nordmende heute
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Im April 2017 erwarb TechniSat vom damaligen Markeninhaber Technicolor S.A. die Lizenz zur Nutzung der Marke Nordmende fĂŒr Deutschland, Ăsterreich, Schweiz sowie Polen. Zur IFA 2017 wurden die ersten Nordmende-GerĂ€te aus den Segmenten TV-GerĂ€te und DAB+-Digitalradios prĂ€sentiert.[4][5]
2022 wurden die Rechte an der Marke NordMende im Paket mit vielen anderen bekannten Marken an die auf Brand Extension spezialisierte Firma Talisman Brands/Established verkauft.[6] Die Marke wird weiterhin durch Unterlizensierung an Lizenznehmer in verschiedenen Regionen und Produktkategorien genutzt.
Produktgalerie
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- RundfunkempfÀnger 147 W, 1938
- FrĂŒher Nachkriegs-FernsehempfĂ€nger Modell Panorama, 1953
- FernsehempfÀnger SouverÀn 59, gebaut am 28. Mai 1958
- Nordmende Rigoletto
- Tragbares Transistorradio Transita aus den 1960er Jahren
- Transistorradio Clipper Modell 1966â68
- TonbandgerÀt
(Gewicht: 17 kg) - TonbandgerÀt (Innenansicht)
- Tragbarer Radiorekorder IDOL+recorder 115A, 1973
- FarbfernsehgerÀt Color 6840 aus den 1970er Jahren
- Nordmende Btx-Decoder BTX DC 1000-1 mit Infrarotfernbedienung BTX KP 1000
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Tote Marke NORDMENDE â Verblasster Stolz. Artikel im Manager-Magazin
- Ein neues Programm. Artikel in der Zeit
- Fernseher: Inder produzieren neue Nordmende. Artikel bei itespresso.de
- Videocon produziert Plasmaschirme fĂŒr Nordmende. Artikel im pressetext.de
- Mende/Nordmende-Prospekte von 1938 bis 1985, auf hifi-archiv.info
- Nordmende | Ikonische Produkte
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- â Spectra Color Studio und Spectra SK2 Color de Luxe Studio auf radiomuseum.org
- â Company profile. Phillar, archiviert vom am 6. MĂ€rz 2008; abgerufen am 26. April 2013 (englisch).
- â BroschĂŒre â Sprachmanager24. Abgerufen am 5. Januar 2015. (Website existiert nicht mehr)
- â Marke Nordmende mit Digital- und Internetradios zurĂŒck, teltarif.de, Artikel vom 2. September 2017.
- â Michael Gassmann: Die Marke Nordmende kommt zurĂŒck. In: Die Welt. 28. August 2017 (welt.de [abgerufen am 4. April 2020]).
- â TECHNICOLOR: Technicolor: Closing of the Sale of Trademark Licensing operations. 31. Mai 2022, abgerufen am 29. August 2022 (englisch).