Olaf Boustedt
Olaf Boustedt (* 14. Juli 1912 in Sankt Petersburg, Russisches Kaiserreich; â 14. April 1995[1]) war ein deutscher Statistiker, Siedlungs- und Wirtschaftsgeograph sowie Regionalwissenschaftler und Raumforscher. Als Wissenschaftler profilierte er sich insbesondere im Bereich der Agglomerations- und MobilitĂ€tsforschung und lieferte auf der Grundlage von Pendlerbeziehungen ein Modell der Abgrenzung von âStadtregionenâ fĂŒr Zwecke der Statistik, Geographie, Stadtplanung, Raumbeobachtung und Raumordnung.
Leben
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Boustedt war Sohn des deutsch-baltischen Chemikers Georg Boustedt (1867â1926) und dessen Ehefrau Lonny, geborene Stahlberg. Die zunĂ€chst im Gouvernement Livland, in SchlĂŒsselburg und in St. Petersburg lebende Familie emigrierte nach der Oktoberrevolution nach Estland. Wie seine Ă€ltere Schwester Helga diplomierte und promovierte er als Volkswirt. Erste berufliche Kontakte zum Gebiet der Statistik hatte er vor dem Zweiten Weltkrieg in Reval und Berlin.
Nach Kriegsdienst und Kriegsgefangenschaft trat er Ende 1945 in den Dienst des Bayerischen Landesamts fĂŒr Statistik.[2] Unter Karl Wagner richtete er dort erstmals ein Referat fĂŒr Regionalstatistik ein. Als GrĂŒndungsmitglied des Arbeitskreises Regionalstatistik bei der Deutschen Statistischen Gesellschaft war er bei der Schaffung der ersten Gemeinde- und Kreisstatistik auf der Grundlage des Zensus von 1950 maĂgeblich beteiligt. Der âBayerische Planungsatlasâ, ein Werk regionalstatistischer Auswertungen in kartografischer Form, geht auf seine Initiative zurĂŒck und wurde von ihm gestaltet.[3]
Angesichts des PhĂ€nomens der Suburbanisierung entwickelte er Anfang der 1950er Jahre nach dem Vorbild des US-amerikanischen Konzepts der Metropolitan Statistical Areas, die 1949 erstmals definiert worden waren, auf der Grundlage von sozioökonomischen Verflechtungen zwischen KernstĂ€dten und ihrem Umland eine Abgrenzung von Stadtregionen in Westdeutschland,[4] die als âBoustedt-Stadtregionen-Modellâ bis 1970 fortgeschrieben und VorlĂ€ufer der BIK-Regionen wurde.[5] Angelehnt an sein Modell werden auch heute noch in der Raumbeobachtung des Bundesamts fĂŒr Bauwesen und Raumordnung GroĂstadtregionen und groĂstadtregionale Einzugsbereiche festgelegt.[6]
1953 nahm ihn die Akademie fĂŒr Raumforschung und Landesplanung (ARL) als ordentliches Mitglied auf. AuĂer als Leiter von ForschungsausschĂŒssen war er dort spĂ€ter zeitweise ihr VizeprĂ€sident (1971â1974).[7] 1960 folgte er einem Angebot des Metropolitan Toronto Planning Board, in Toronto, Kanada, die Wirtschaftsforschung mit aufzubauen. 1962 trat er als hauptamtlicher StĂ€dtestatistiker in die Dienste der Stadt NĂŒrnberg. Im Baureferat von Heinz SchmeiĂner baute er ein statistisches BĂŒro fĂŒr Aufgaben der Stadtplanung auf.
Von 1965 bis 1975 leitete er anschlieĂend das Statistische Landesamt Hamburg. Als solcher setzte er bei den BĂŒrgerschafts- und Bezirksversammlungswahlen 1966 erstmals MagnetbĂ€nder sowie in der Wahlnacht eine elektronische Datenverarbeitungsanlage ein.[8]
Im Verband Deutscher StĂ€dtestatistik leitete er bis zum Jahre 1973 den Ausschuss âStadtforschungâ. Viele Jahre lehrte Boustedt an der UniversitĂ€t Hamburg. Dort wurde ihm im November 1973 der Titel eines Honorarprofessors verliehen. Nach seiner TĂ€tigkeit in Hamburg zog er in seine Wahlheimat nach MĂŒnchen, wo er in seinem Ruhestand noch als Lehrbeauftragter fĂŒr empirische Regionalforschung an der Ludwig-Maximilians-UniversitĂ€t MĂŒnchen wirkte.[9]
Veröffentlichungen (Auswahl)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Haushaltsbezogene Auswertung der Wanderungen im suburbanen Raum. Dargestellt am Beispiel des Agglomerationsraumes von MĂŒnchen. Akademie fĂŒr Raumforschung und Landesplanung, Hannover 1980.
- Voraussehbare Bevölkerungsentwicklung in VerdichtungsrĂ€umen. Vortrag. In: Zur Steuerungsmöglichkeit des Suburbanisierungsprozesses (= ARL-Arbeitsmaterial, 10). Hannover 1978, S. 39â66.
- Ăberlegungen zur planerischen Beeinflussung der Suburbanisierung. In: BeitrĂ€ge zum Problem der Suburbanisierung, Akademie fĂŒr Raumforschung und Landesplanung, Forschungs- und Sitzungsberichte 125, Hannover 1978, S. 69â84.
- EinflĂŒsse der Verwaltungsneugliederung auf die Pendlerstatistik. In: Informationen zur Raumentwicklung, 1977, Heft 7, S. 537â543.
- Die Regionalstatistik zwischen den GroĂzĂ€hlungen. Lassen sich die zwischenzeitlichen InformationslĂŒcken schlieĂen? In: Raumforschung und Raumordnung, Köln, 34 (1976), Heft 3, S. 95â101.
- GrundriĂ der empirischen Regionalforschung (= TaschenbĂŒcher zur Raumplanung, 4â7). Akademie fĂŒr Raumforschung und Landesplanung, Hannover 1975.
- mit JĂŒrgen Friedrichs, Hans-Gottfried von Rohr, Bernhard SchĂ€fers, Hans Hellberg, Hartwig Spitzer: BeitrĂ€ge zum Problem der Suburbanisierung (= Akademie fĂŒr Raumforschung und Landesplanung (Hrsg.): Forschungs- und Sitzungsberichte, 102). Hanover 1975.
- Gedanken und Beobachtungen zum PhĂ€nomen der Suburbanisierung. In: Akademie fĂŒr Raumforschung und Landesplanung (Hrsg.): BeitrĂ€ge zum Problem der Suburbanisierung. Hannover 1975, S. 1â24.
- Planung ohne Plan? Zur Futurologie in der Stadtentwicklung. In: Archiv fĂŒr Kommunalwissenschaften, Stuttgart, 11 (1972), Heft 1, S. 29â43.
- Entwicklung eines Konzeptes der empirischen Stadtforschung. In: Zwischen Stadtmitte und Stadtregion. Akademie fĂŒr StĂ€dtebau und Landesplanung, KrĂ€mer, Stuttgart 1970.
- Stadtregionen. In: Akademie fĂŒr Raumforschung und Landesplanung (Hrsg.): Handwörterbuch der Raumforschung und Raumordnung. 2. Auflage, JĂ€necke, Hannover 1970, Sp. 3207â3237.
- Bestimmung und Analyse zentralörtlicher Erscheinungen in einer GroĂstadt. In: Hamburg in Zahlen. Sonderheft 1: Zentrale Standorte zur Versorgung der Bevölkerung in Hamburg 1961. Hamburg 1970, S. 1â10.
- Analyse des Stadtgebietes nach sozialökonomischen Merkmalen (= Akademie fĂŒr Raumforschung und Landesplanung (Hrsg.): Forschungs- und Sitzungsberichte 42). Hannover 1968.
- mit Georg MĂŒller und Karl Schwarz: Zum Problem der Abgrenzung von VerdichtungsrĂ€umen unter BerĂŒcksichtigung der Möglichkeiten zur Messung von VerdichtungsschĂ€den (= Mitteilungen aus dem Institut fĂŒr Raumordnung Bonn-Bad Godesberg, 61). Bundesforschungsanstalt fĂŒr Landeskunde und Raumordnung, Bad Godesberg 1968.
- Die Stadtregionen in der Bundesrepublik Deutschland im Jahre 1961. In: Stadtregionen in der Bundesrepublik Deutschland 1961 (= Akademie fĂŒr Raumforschung und Landesplanung (Hrsg.): Forschungs-und Sitzungsberichte, 32) Hannover 1967, S. 1â24.
- Stadtplanung und ihr Bedarf an statistischen Zahlen. In: Allgemeines Statistisches Archiv, Band 51 (1967).
- mit Peter Möller, Heinz Hollmann, Rudolf Klöpper, Georg MĂŒller, Karl Haubner und Gottfried MĂŒller: Studien zum Problem der Trabantenstadt. Untersuchungsergebnisse aus AgglomerationsrĂ€umen in der Bundesrepublik Deutschland. In: Raum und Bevölkerung, 3/XXVI, JĂ€necke, Hannover 1965.
- Zum Problem der Abgrenzung von âĂŒberlasteten VerdichtungsrĂ€umenâ. Gutachten [o. J., 1964].
- mit Hartmut GroĂhans und Walter Seele: Methoden und Verfahren stĂ€dtebaulicher Planung (= SIN-BeitrĂ€ge, 4). NĂŒrnberg [o. J.]
- Die Entwicklung deutscher Stadtregionen. In: Archiv fĂŒr Kommunalwissenschaften, Stuttgart, 1 (1962), Heft 2, S. 179â202.
- Die zentralen Orte und Ihre Einflussbereiche. Eine empirische Untersuchung ĂŒber die GröĂe und Struktur der zentralörtlichen Einflussbereiche. In: Proceedings of the IGU Symposium in Urban Geography. Lund 1962, S. 201â226.
- Probleme des StĂ€dtewachstums aus der Sicht amerikanischer Erfahrungen und Forschungen (= Sonderschrift des Ifo-Instituts fĂŒr Wirtschaftsforschung, 29). Duncker & Humblot, MĂŒnchen 1962.
- mit Hans Schmid et al.: Die WachstumskrĂ€fte einer Millionenstadt. Dargestellt am Beispiel MĂŒnchens. Gerber, MĂŒnchen 1961.
- mit Herbert Ranz: Regionale Struktur- und Wirtschaftsforschung. Aufgaben und Methoden (= Veröffentlichungen der Akademie fĂŒr Raumforschung und Landesplanung. Raumforschung und Landesplanung, 33). Dorn, Bremen-Horn 1957.
- Wirtschaftsbelebung durch Fremdenverkehr. Studie ĂŒber die Möglichkeiten und Grenzen der Entwicklung lĂ€ndlicher Gewerbezentren durch den Fremdenverkehr. Dargestellt am Beispiel der Gemeinde Bodenmais/Bayer. Wald. Dorn, Bremen-Horn 1956.
- Die Stadt und ihr Umland. In: Raumforschung und Raumordnung, 11 (1953), Heft 1, S. 20â29.
- Die 24. Jahresversammlung der Deutschen Statistischen Gesellschaft am 28. und 29. Oktober 1953. In: Allgemeines Statistisches Archiv, 37 (1953), S. 314â361.
- Die Stadtregion. Ein Beitrag zur Abgrenzung stĂ€dtischer Agglomerationen. In: Allgemeines Statistisches Archiv, 37 (1953), S. 13â26.
- Planung als Lehrfach und Beruf in USA. In: Schmollers Jahrbuch fĂŒr Gesetzgebung, Verwaltung und Volkswirtschaft, Band 71 (1951), Heft 5, S. 87â96 (PDF).
- Das erste Internationale Statistische Seminar in Bern und Genf im September 1949. In: Karl Wagner (Hrsg.): Allgemeines Statistisches Archiv, Band 33 (1949), S. 408â410 (PDF).
- Die Wirtschaftswerbung in Estland. Ein Beitrag zur völker- und staatenkundlichen Werbeforschung. Ohne Ort, 1942 (Rechts- und staatswissenschaftliche Dissertation, Berlin).
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Sigmund Wimmer: Professor Dr. Olaf Boustedt zum 80. Geburtstag. In: Statistisches Landesamt der Freien und Hansestadt Hamburg, Erhard Hruschka (Hrsg.): Hamburg in Zahlen. Heft 7, 1992, S. 223 f. (PDF).
- Akademie fĂŒr Raumforschung und Landesplanung (Hrsg.): 50 Jahre ARL in Fakten. Verlag der ARL, Hannover 1996, ISBN 3-88838-514-8
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Boustedt, Olaf (1912â1995) in Baltisches biografisches Lexikon digital
- Modell der Stadtregion nach Boustedt, Webseite im Portal geohilfe.de
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- â Oliver Werner: Wissenschaft âin jedem Gewandâ? Von der âReichsarbeitsgemeinschaft fĂŒr Raumforschungâ zur âAkademie fĂŒr Raumforschung und Landesplanungâ 1935 bis 1955. Wallstein-Verlag, Göttingen 2020, ISBN 978-3-8353-5173-8, S. 260 (Google Books)
- â Zur Person. In: Statistisches Landesamt der Freien und Hansestadt Hamburg, Erhard Hruschka (Hrsg.): Hamburg in Zahlen. Heft 7, 1982, S. 236 (PDF)
- â Bayerische Arbeitsgemeinschaft fĂŒr Raumforschung: Deutscher Planungsatlas. Band 5: Bayern. Akademie fĂŒr Raumforschung und Landesplanung, Hannover, W. Dorn, Bremen 1960
- â Markus Beier, Antje Matern: Stadt-Umland-Prozesse und interkommunale Zusammenarbeit. Stand und Perspektiven der Forschung (= Arbeitsmaterial der ARL, 332). Akademie fĂŒr Raumforschung und Landesplanung, Hannover 2007, ISBN 978-3-88838-332-8, S. 9 (PDF)
- â Kurt Behrens: Von Boustedt-Stadtregionen zu BIK-Regionen. In: ADM Arbeitskreis Deutscher Markt- und Sozialforschungsinstitute (Hrsg.): Stichproben-Verfahren in der Umfrageforschung. Eine Darstellung fĂŒr die Praxis. 2., aktualisierte und erweiterte Auflage, Springer, Wiesbaden 2014, ISBN 978-3-531-18882-9, S. 239 (Google Books)
- â Antonia Milbert: Stadt-Umland-Definitionen in der Raumbeobachtung. In: Stadtforschung und Statistik. Zeitschrift des Verbandes Deutscher StĂ€dtestatistiker, 33 (2020), Heft 1, S. 3 (PDF)
- â Leiter des ForschungsausschuĂ Raum und Bevölkerung (1960; 1962â1971); Leiter des ForschungsauschuĂ Raum und Siedlung u. a. Leitungsfunktionen in weiteren ForschungsauschĂŒssen der ARL. Mitglied des ForschungsauschuĂ Raum und gewerbliche Wirtschaft (ab 1959) (vgl. Lemma Boustedt, Olaf, in: ARL (Hrsg.): 50 Jahre ARL in Fakten. ARL, Hannover 1996, S. 133).
- â Statistisches Amt fĂŒr Hamburg und Schleswig-Holstein (Hrsg.): 150 Jahre amtliche Statistik in Hamburg 1866â2016. Hamburg 2016, S. 16 (PDF)
- â Ludwig-Maximilians-UniversitĂ€t MĂŒnchen (Hrsg.): Personen- und Vorlesungsverzeichnis fĂŒr das Wintersemester 1976/77. Verlag Uni-Druck, MĂŒnchen, S. 88 (PDF)
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Boustedt, Olaf |
| KURZBESCHREIBUNG | deutscher Statistiker, Siedlungs- und Wirtschaftsgeograph sowie Regionalwissenschaftler und Raumforscher |
| GEBURTSDATUM | 14. Juli 1912 |
| GEBURTSORT | Sankt Petersburg, Russisches Kaiserreich |
| STERBEDATUM | 14. April 1995 |