Prokopus
Prokopus ist eine ErzĂ€hlung von Adalbert Stifter. Sie erschien im Erstdruck 1847. Weitere Fassungen, wie sie Stifter fĂŒr viele andere ErzĂ€hlungen anfertigte, existieren nicht.
Handlung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Die Handlung in Prokopus knĂŒpft an jene der 1842 erschienenen Stifter-ErzĂ€hlung Die Narrenburg an. Die SchauplĂ€tze von Die Narrenburg und Prokopus sind identisch. Die Handlung von Prokopus ist allerdings im 17. Jahrhundert angesiedelt â also etwa 200 Jahre frĂŒher als jene der Narrenburg. Im Mittelpunkt der ErzĂ€hlung steht die Ehe des Grafen Prokopus und seiner Frau Gertraud. Die ErzĂ€hlung beschreibt die Entfremdung der Eheleute voneinander, die sich ĂŒber die Jahre einschleicht, obwohl beide auf das ĂuĂerste bemĂŒht sind, ihr gemeinsames GlĂŒck zu finden. Vor allem die UnfĂ€higkeit von Prokopus, das BedĂŒrfnis seiner Frau nach Eingebundenheit in die menschliche Gesellschaft zu erfĂŒllen, machen dies unmöglich. Beide ziehen sich immer weiter zurĂŒck, so dass sie zunĂ€chst den emotionalen Kontakt zueinander und spĂ€ter auch zu ihren fĂŒnf Kindern verlieren. Die ErzĂ€hlung endet schlieĂlich tragisch mit dem Tod beider Protagonisten.
Interpretation
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Prokopus wird vor allem als ein PlĂ€doyer Stifters fĂŒr die seiner Meinung nach bestehende Notwendigkeit interpretiert, dass sich jeder Mensch mehr als ein Glied einer langen Ahnenreihe sieht und weniger als Individuum im Hier und Jetzt. In der ErzĂ€hlung wird die Entfremdung der Eheleute immer wieder mit ihrer Missachtung der eigenen Vorfahren in Verbindung gebracht. Sowohl Prokopus als auch seine Frau Gertraud kĂŒmmern sich nicht um die in ihrem Wohnsitz â der Burg Rothenstein â zahlreich vorhandenen Hinterlassenschaften der Vorfahren, sondern lassen diese im Gegenteil verfallen. Gespiegelt wird dieses nach Stifters Ansicht verwerfliche Vorgehen an den VerhĂ€ltnissen in einem nahe gelegenen Gasthof â der GrĂŒnen Fichtau â, in dem jeder Wirt die GebĂ€ude und EinrichtungsgegenstĂ€nde von seinen Vorfahren ĂŒbernimmt, behutsam ausbaut und in sorgfĂ€ltig gepflegtem Zustand an seine Kinder und Enkel weitergibt. Eine Entfremdung innerhalb der Familie wird auf diese Weise verhindert.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Adalbert Stifter: Prokopus (Originaltext im Projekt Gutenberg-DE)
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Bertram, Ernst: Studien zu Adalbert Stifters Novellentechnik. Gerstenberg Verlag, Hildesheim 1978.
- Stifter, Adalbert: Prokopus, in Stifter, Adalbert: SĂ€mtliche ErzĂ€hlungen nach den Erstdrucken. hrsg. von Wolfgang Matz, Deutscher Taschenbuch Verlag, MĂŒnchen 2005, S. 1043â1106.
- Weigel, Sigrid: Zur Dialektik von Geschlecht und Generation um 1800. Stifters Narrenburg als Schauplatz von UmbrĂŒchen im genealogischen Denken. In: Weigel, Sigrid / Parenes, Ohad / Vedder, Ulrike / Willer, Stefan (Hrsg.): Generation. Zur Genealogie des Konzepts â Konzepte der Genealogie, Wilhelm Fink Verlag, MĂŒnchen 2005, S. 109â124.
- Zwiebel, William L.: Time and the Temporal in Stifterâs Prokopus. In: American Association of Teachers of German (Hrsg.): The German Quarterly, Nr. 53, Van Rooy Company, Appleton (Wisconsin) 1980, S. 432â443.