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PrÀvention

aus Wikipedia, der freien EnzyklopÀdie

PrĂ€vention (lateinisch praevenire „zuvorkommen“, „verhĂŒten“) bezeichnet Maßnahmen, die darauf abzielen, Risiken zu verringern oder die schĂ€dlichen Folgen von Krankheiten, Katastrophen oder anderen unerwĂŒnschten Situationen abzuschwĂ€chen. Der Begriff der Vorbeugung wird synonym verwendet und kommt in Christoph Wilhelm Hufelands berĂŒhmten Ausspruch „Vorbeugen ist besser als Heilen“ zum Ausdruck. Vorsorge bezeichnet das Maß an Bereitschaft und an FĂ€higkeit personeller und materieller Mittel sowie von Strukturen, Gemeinschaften und Organisationen zu einer wirksamen und raschen KatastrophenbewĂ€ltigung, erzielt durch vorab durchgefĂŒhrte Maßnahmen.[1] Vorsicht hingegen „ist die Mutter der Porzellankiste“.

Vorbeugende Maßnahmen trifft man z. B. in folgenden Bereichen: bei der DrogenprĂ€vention (z. B. Nichtraucherschutz), RadikalisierungsprĂ€vention, GewaltprĂ€vention und KriminalprĂ€vention, als UnfallverhĂŒtung unter anderem in den Bereichen der Arbeits- und der Verkehrssicherheit, im Kinderschutz (z. B. PrĂ€vention von VernachlĂ€ssigung, Gewalt und Missbrauch an Kindern in Familien),[2] im Bereich der PĂ€dagogik (siehe PrĂ€vention in der PĂ€dagogik), als vorbeugender Brandschutz und als KrisenprĂ€vention in der Politik und Wissenschaft (z. B. PandemieprĂ€vention).

Die PrĂ€vention ist in den letzten Jahrzehnten immer mehr in den Mittelpunkt von Gesundheits- und Sozialpolitik gerĂŒckt und in verschiedenen Bereichen der Medizin (siehe KrankheitsprĂ€vention) und der Zahnmedizin (siehe Prophylaxe in der Zahnmedizin) zu einem zentralen Handlungsfeld geworden.

Es kann unterschieden werden zwischen VerhaltensprÀvention, die gezielt auf das Handeln einzelner Personen ausgerichtet ist, und VerhÀltnisprÀvention, welche auf das Umfeld, die LebensumstÀnde ausgerichtet wird.

Der Begriff wird außerdem weiter untergliedert nach dem Ansatzpunkt innerhalb des zeitlichen Verlaufs und der Form der Ausrichtung. 1957 fĂŒhrte die Commission on Chronic Illness eine Unterteilung in PrimĂ€r- und SekundĂ€rprĂ€vention ein, der bald darauf TertiĂ€r-, QuartĂ€r- und PrimordialprĂ€vention folgten. Seit Ende des 20. Jahrhunderts wird daneben auch in Programme zur universellen, selektiven und indizierten PrĂ€vention unterschieden. Dabei richtet sich PrimĂ€rprĂ€vention ungezielt und noch vor Eintritt einer konkreten GefĂ€hrdung an alle potentiell betroffenen Personen, PrimordialprĂ€vention insbesondere auf gesellschaftliche Risikofaktoren. SekundĂ€rprĂ€vention bezeichnet speziell auf bereits als gefĂ€hrdet angesehene Personengruppen ausgerichtete Programme, TertiĂ€rprĂ€vention bezieht sich auf Intervention nach Eintritt des Ereignisses, die einer weiteren Verschlechterung des jeweiligen Zustandes entgegenwirken sollen. QuartĂ€rprĂ€vention bezeichnet Maßnahmen zur RĂŒckfallprophylaxe oder auch Strategien zur Vermeidung unnötiger medizinischer Maßnahmen.

Losgelöst von der zeitlichen Dimension allein auf die Zielgruppe bezogen richtet sich universelle PrĂ€vention an die gesamte Bevölkerung, selektive PrĂ€vention an besonders gefĂ€hrdete Personen und indizierte PrĂ€vention an bereits betroffene. Bei universell ausgerichteten Maßnahmen ist auch von Förderung die Rede – etwa im Gesundheitswesen, wo unterschieden wird zwischen Gesundheitsförderung einerseits und (Krankheits-)PrĂ€vention andererseits.[3]

In den Straftheorien wird gesondert davon unterschieden in GeneralprĂ€vention, die alle Mitglieder der Gesellschaft gleichermaßen betrifft, wie etwa die grundsĂ€tzliche Strafbarkeit einer Handlung, und SpezialprĂ€vention, die sich auf Einzelpersonen richtet, wie etwa das konkrete VerhĂ€ngen einer Strafe.

Angehörige unterschiedlicher Gesundheits-, Sozial- und PĂ€dagogikberufe können sich ĂŒber eine Weiterbildung zum PrĂ€ventologen qualifizieren. Seit 2003 ist eine Ausbildung möglich, die aus einem einjĂ€hrigen modularisierten Fernstudium mit PrĂ€senzseminaren besteht, welches von der Bundesagentur fĂŒr Arbeit zertifiziert ist. 2014 wurde der Berufsverband der PrĂ€ventologen e. V. gegrĂŒndet.[4]

Maßnahmen zur PrĂ€vention wird eine große ökonomische Effizienz zugeschrieben. Entsprechend groß ist das Interesse seitens Politik und Wirtschaft, vielfach und weitreichend Programme zur PrĂ€vention einzuleiten und teilweise auch verpflichtend zu gestalten. Eine besondere Schwierigkeit entsteht, wenn die anfallenden Kosten, der zu erwartende Nutzen und der dafĂŒr notwendige Eingriff in die Persönlichkeitsrechte gegeneinander abgewogen werden mĂŒssen.

PrÀventionsparadoxon

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Das PrĂ€ventionsparadoxon wurde erstmals 1981 vom Epidemiologen Geoffrey Rose beschrieben.[5] Es beschreibt einen Grundsatz der PrĂ€vention, dass der individuelle Gesundheitsgewinn durch prĂ€ventive Interventionen fĂŒr Menschen mit hohem Gesundheitsrisiko groß ist, jedoch dadurch nur ein geringer Effekt fĂŒr die Gesamtpopulation entsteht und – umgekehrt – der individuelle Gewinn fĂŒr Menschen mit geringem Risiko klein ist trotz eines erheblichen Gesamteffekts durch prĂ€ventive Maßnahmen fĂŒr große Teile der Allgemeinbevölkerung.[6] Es besteht eine Analogie zum Amdahlschen Gesetz.

Beispielsweise kann bei der DurchfĂŒhrung einer PrĂ€ventionsmaßnahme fĂŒr viele Personen mit leicht erhöhtem Blutdruck – was ein geringes Krankheitsrisiko darstellt – die Sterblichkeit durch kardiovaskulĂ€re Erkrankungen der Gesamtbevölkerung gesenkt werden, auch wenn Einzelpersonen nur geringfĂŒgige Verbesserungen ihrer Gesundheit erfahren (Bevölkerungsstrategie). Umgekehrt bringt die PrĂ€ventionsmaßnahme bei einer kleinen Hochrisikogruppe mit stark erhöhtem Blutdruck, die durch die Intervention stark profitiert, keinen vergleichbar großen Effekt fĂŒr die Gesamtbevölkerung (Hochrisikostrategie).[6][7] Strategien, deren Maßnahmen auf die gesamte Bevölkerung zielen, fĂŒhren zu hoher Interferenz mit Nicht-Betroffenen, wĂ€hrend Hochrisikostrategien zumeist starke EinschrĂ€nkungen fĂŒr besonders betroffene Gruppen bedeuten, aber eine höhere Akzeptanz erzielen.[8] Frohlich und Potvin kritisieren in diesem Zusammenhang, dass bevölkerungsbasierte Strategien zu einem „inequality paradox“ fĂŒhren können, da sie fĂŒr benachteiligte Gruppen soziale und gesundheitliche Ungleichheiten verstĂ€rken und verschlimmern können, anstatt positiv zu wirken.[9]

Als Lösung des PrÀventionsparadoxons wird in der Sozialmedizin die Austarierung der PrÀvention zwischen Bevölkerungsstrategie und Hochrisikostrategie angesehen.[6] Auch die World Health Organization weist auf eine notwendige Balance zwischen Bevölkerungs- und Teilpopulationsstrategie (BS) und Hoch-Risiko-Strategie (HRS) hin.[8][7]

Ein anderes VerstĂ€ndnis des PrĂ€ventionsparadoxons ist die sinkende Akzeptanz von Impfungen, bis hin zur offenen Feindschaft gegenĂŒber Impfungen, bei gleichzeitig geringen bis gar keinen AusbrĂŒchen der Krankheit, gegen die vorsorglich geimpft werden soll. Das Gesundheitsrisiko der Erkrankung ist dabei, durch seine fehlende klinische Erscheinung, nicht im Bewusstsein der Bevölkerung. Dadurch kann es paradoxerweise, trotz oder sogar aufgrund des Erfolgs der PrĂ€ventionsmaßnahme, zu fehlender Akzeptanz derselben kommen.[8]

WĂ€hrend der COVID-19-Pandemie wurde der Begriff „PrĂ€ventions-Paradox“ von Christian Drosten und anderen verwendet, um die Situation zu beschreiben, dass ein Teil der Bevölkerung den Nutzen von Maßnahmen anzweifelt, die von Regierungen zur Verhinderung der Ausbreitung der Pandemie getroffen wurden, mit der BegrĂŒndung, eine prophezeite Ausbreitung des Virus habe nicht stattgefunden (siehe auch selbstzerstörende Prophezeiung). Das Paradox bestehe in der unzutreffenden Auffassung, dass die ergriffenen PrĂ€ventionsmaßnahmen keine wesentliche Ursache fĂŒr die Nicht-Ausbreitung jenes Virus seien, obwohl „nur so ein zu steiler Anstieg in Deutschland“ verhindert werden konnte.[10][11] Da es keine Vergleichsgruppe mit einem „natĂŒrlichen Verlauf“ der Epidemie ohne PrĂ€ventionsmaßnahmen gĂ€be, bliebe deren Bewertung teilweise spekulativ und ermögliche keinen direkten Nachweis der KausalitĂ€t zwischen PrĂ€vention und Ausbleiben eines prophezeiten Geschehens.[12]

Wiktionary: PrĂ€vention – BedeutungserklĂ€rungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

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  1. ↑ Artikel 4 Nummer 3 und 4 des Beschlusses Nr. 1313/2013/EU vom 17. Dezember 2013 ĂŒber ein Katastrophenschutzverfahren der Union
  2. ↑ Klaus Neumann: Beginnen bevor es beginnt – PrimĂ€re PrĂ€vention im Kinderschutz. In: familienhandbuch.de. 9. Mai 2014, abgerufen am 5. November 2022.
  3. ↑ Susanne Johansson: RechtsextremismusprĂ€vention und Demokratieförderung in den Feldern der PĂ€dagogik, der Beratung und Vernetzung: eine kurze Begriffseinordnung und -abgrenzung. (PDF) Kontaktstelle BIKnetz – PrĂ€ventionsnetz gegen Rechtsextremismus, gsub-Projektegesellschaft mbH, 2012, S. 2, abgerufen am 30. Oktober 2022.
  4. ↑ Berufsverband der PrĂ€ventologen Studium. Abgerufen am 14. Januar 2024.
  5. ↑ Geoffrey Rose: Strategy of prevention: lessons from cardiovascular disease. Br. Med. J., Band 282 (1981), S. 1847–1851.
  6. 1 2 3 Silke Kramer: PrĂ€ventionsparadoxon. In: Pschyrembel online – pschyrembel.de. Walter de Gruyter GmbH, April 2016, abgerufen am 9. Juni 2020.
  7. 1 2 WHO: Choosing priority strategies for risk prevention. The world health report. Chapter 6.
  8. 1 2 3 Peter Franzkowiak: PrĂ€ventionsparadox. In: Bundeszentrale fĂŒr gesundheitliche AufklĂ€rung (Hrsg.): bzga.de. 18. April 2018, doi:10.17623/BZGA:224-i094-2.0 (bzga.de [abgerufen am 13. Mai 2020]).
  9. ↑ K. Frohlich, L. Potivin: The Inequality Paradox The Population Approach and Vulnerable Populations. In: American Journal of Public Health 98(2), 3/2008, S. 216–221.
  10. ↑ Paula Schneider: „PrĂ€ventions-Paradox“: Drosten schickt Warnung an alle Lockdown-Kritiker. Focus online, 2. Mai 2020.
  11. ↑ Laura Spinney: Germany’s Covid-19 expert: ‘For many, I’m the evil guy crippling the economy’. In: The Guardian. 26. April 2020, ISSN 0261-3077 (britisches Englisch, theguardian.com [abgerufen am 6. Mai 2020]).
  12. ↑ Risikokommunikation zu COVID-19 in den Medien. Stellungnahmen des Netzwerk Evidenzbasierte Medizin vom 20. August 2020.