Rational basis review
Im US-Verfassungsrecht ist der rational basis review (auch: rational-purpose test, rational-relationship test, minimum scrutiny, minimal scrutiny[1]) der StandardprĂŒfungsmaĂstab, den Gerichte bei der PrĂŒfung verfassungsrechtlicher Fragen anwenden, einschlieĂlich des due process oder Fragen der equal protection im Rahmen des fĂŒnften oder vierzehnten Verfassungszusatzes. Gerichte, die den rational basis review anwenden, versuchen festzustellen, ob ein Gesetz einen âvernĂŒnftigen Bezugâ zu einem âlegitimenâ â realen oder hypothetischen â staatlichen Interesse aufweist.[2] Die strengeren PrĂŒfungsmaĂstĂ€be sind intermediate scrutiny und strict scrutiny. Eine strengere Kontrolle wird durchgefĂŒhrt, wenn es sich um eine suspect oder quasi-suspect classification handelt oder ein Grundrecht betroffen ist.[2]
In der Rechtsprechung des Obersten Gerichts der Vereinigten Staaten bestimmt die Art des fraglichen Interesses die Strenge der von den Berufungsgerichten angewandten Kontrolle. Wenn Gerichte einen rational basis review durchfĂŒhren, werden nur die gravierendsten VerstöĂe des Normgebers, d. h. solche, die nicht vernĂŒnftigerweise mit einem legitimen Staatsinteresse in Verbindung zu bringen sind, aufgehoben.[3][4][5]
Ăberblick
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der rational basis review prĂŒft, ob das Handeln der Regierung âvernĂŒnftigerweiseâ mit einem âlegitimenâ staatlichen Interesse verbunden ist.[6][7] Der Oberste Gerichtshof hat nie Standards fĂŒr die Bestimmung festgelegt, was ein berechtigtes Regierungsinteresse darstellt.[8] Bei der ĂberprĂŒfung nach dem rational basis review ist es âvöllig irrelevantâ, welches Ziel die Regierung tatsĂ€chlich anstrebt, und die Gesetze können sich auf ârationale Spekulationen stĂŒtzen, die nicht durch Beweise oder empirische Daten gestĂŒtzt wurdenâ.[9] Wenn das Gericht nur ein âberechtigtesâ Interesse, dem die angefochtene Handlung dient, schon nur vermuten kann, hĂ€lt das Gesetz einer ĂberprĂŒfung nach dem rational basis review stand.[10] Richter, die den Anweisungen des Obersten Gerichtshofs folgen, verstehen sich als âverpflichtet, nach anderen denkbaren GrĂŒnden fĂŒr die Validierung angefochtener Gesetze zu suchenâ, wenn die Regierung nicht in der Lage ist, ihre eigene Politik zu rechtfertigen.[11]
Geschichte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Das Konzept des rational basis review geht auf den einflussreichen Artikel The Origin and Scope of American Constitutional Law von 1893 des Harvard-Professors James Bradley Thayer zurĂŒck. Thayer argumentierte, dass Gesetze nur dann fĂŒr ungĂŒltig erklĂ€rt werden sollten, wenn ihre Verfassungswidrigkeit âso klar ist, dass an ihr keine vernĂŒnftigen Zweifel bestehen könnenâ.[12] Richter Oliver Wendell Holmes, Jr., ein SchĂŒler von Thayer, vertrat in seinem kanonischen Dissens in Lochner v. New York eine frĂŒhe Version dessen, war spĂ€ter zum rational basis review werden sollte. Er argumentiert, dass
âthe word 'liberty,' in the 14th Amendment, is perverted when it is held to prevent the natural outcome of a dominant opinion, unless it can be said that a rational and fair man necessarily would admit that the statute proposed would infringe fundamental principles as they have been understood by the traditions of our people and our law.â
âDas Wort âFreiheitâ im 14. Verfassungszusatz wird ins Gegenteil verkehrt, wenn man es derart versteht, dass es das natĂŒrliche Ergebnis einer vorherrschenden Meinung verhindern soll, solange man nicht sagen könnte, dass [sogar] ein vernĂŒnftiger und gerechter Mann zwingend zugeben wĂŒrde, dass das vorgeschlagene Gesetz fundamentale Prinzipien der Tradition unseres Volkes und unseres Gesetzes verletzt.â
Die vorherrschende Anwendung des ökonomischen substantive due process wĂ€hrend der Lochner-Ăra bedeutete jedoch, dass Holmesâ vorgeschlagene Doktrin der justiziellen SelbstbeschrĂ€nkung (judicial deference) nicht unmittelbar zur herrschenden Meinung wurde.[13] Erst in Nebbia v. New York begann der Supreme Court, den rational basis review offiziell anzuwenden. Er erklĂ€rte,
âa State is free to adopt whatever economic policy may reasonably be deemed to promote public welfare, and to enforce that policy by legislation adapted to its purpose.â
âdass es einem Staat freisteht, jede Wirtschaftspolitik zu verfolgen, die vernĂŒnftigerweise als förderlich fĂŒr das Gemeinwohl angesehen werden kann, und diese Politik durch Gesetzgebung durchzusetzen, die auf diesen Zweck hingerichtet sind.â
In United States v. Carolene Products Co. lieĂ das Gericht in FuĂnote vier die Möglichkeit offen, dass Gesetze, die innerhalb einer âspecific prohibition of the Constitutionâ zu liegen scheinen, den politischen Prozess einschrĂ€nken oder die âdiscrete and insular minoritiesâ belasten, einer genaueren ĂberprĂŒfung unterzogen werden könnten. Heute gilt fĂŒr solche Gesetze der MaĂstab der strict scrutiny, wĂ€hrend Gesetze, die unenumerated rights beinhalten, die der Oberste Gerichtshof nicht als fundamental rights anerkannt hat, anhand des rational basis review geprĂŒft werden.
Anwendbarkeit
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Im modernen Verfassungsrecht wird der rational basis review sowohl auf verfassungsrechtliche ĂberprĂŒfungen des Bundesrechts als auch, ĂŒber den Vierzehnten Verfassungszusatz, auf die PrĂŒfung von Staatsrecht der Einzelstaaten angewandt. Dieser PrĂŒfungsmaĂstab gilt sowohl fĂŒr MaĂnahmen der Legislativen als auch der Exekutiven, unabhĂ€ngig davon, ob es sich um MaĂnahmen im Rahmen des substantive due process oder procedural due process handelt. Der rational basis review verbietet es der Regierung, den BĂŒrgern unvernĂŒnftige oder willkĂŒrliche FreiheitsbeschrĂ€nkungen aufzuerlegen oder Unterscheidungen zwischen Personen in einer Weise vorzunehmen, die keinem verfassungsrechtlich legitimen Zweck dient.[14] Ein âlaw enacted for broad and ambitious purposes often can be explained by reference to legitimate public policies which justify the incidental disadvantages they impose on certain personsâ, muss aber zumindest âbear a rational relationship to a legitimate governmental purposeâ.[15]
Um das Konzept des rational basis review zu verstehen, ist es einfacher zu verstehen, was er nicht ist. Der rational basis review verlangt kein echtes BemĂŒhen darum, die tatsĂ€chlichen Motive des Gesetzgebers fĂŒr die Verabschiedung eines Gesetzes zu ermitteln. Es geht auch nicht darum, zu prĂŒfen, ob ein Gesetz tatsĂ€chlich einen legitimen Zweck fördert. Ein Gericht, das einen rational basis review durchfĂŒhrt, wird praktisch immer ein angefochtenes Gesetz aufrechterhalten, es sei denn, es entfĂ€llt jede erdenkliche Rechtfertigung wegen eines groben VerstoĂes gegen Denkgesetze (non sequitur). Im Jahr 2008 bestĂ€tigte Richter John Paul Stevens in einer concurring opinion die zurĂŒckhaltende Natur der ĂberprĂŒfung des rational basis review:
â[A]s I recall my esteemed former colleague, Thurgood Marshall, remarking on numerous occasions: âThe Constitution does not prohibit legislatures from enacting stupid laws.ââ
âIch erinnere mich, wie mein geschĂ€tzter frĂŒherer Kollege Thurgood Marshall bei zahlreichen Gelegenheiten sagte: âDie Verfassung verbietet den Gesetzgebern nicht, dumme Gesetze zu erlassen.ââ[16]
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]EnzyklopÀdien
- Constitutional Law. In: American Jurisprudence. 2. Auflage. 16B, § 858.Rational basis test (englisch).
- Constitutional Law. In: Corpus Juris Secundum. 16B, § 1279. Rational or reasonable basis test (englisch).
Siehe auch
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- â Bryan A. Garner: Rational-Basis Test. In: Blackâs Law Dictionary. 11. Auflage. 2019 (englisch).
- 1 2 Cornell University Law School: Rational Basis. Abgerufen am 26. August 2015 (englisch).
- â Mayo v. Wisconsin Injured Patients & Families Compensation Fund, 2018 WI 78, ___ Wis. 2d ___, ___ NW2d ___,. S. 78, abgerufen am 31. August 2019 (englisch).
- â Rational Basis Test, The Free Dictionary. Farlex. Abgerufen am 26. August 2015 (englisch).
- â Indest, Miles O. "Walking Dead: The Fifth Circuit Resurrects Rational Basis Review." Tulane Law Review 88.5 (2014): 993â1005. 26 Aug. 2015.
- â United States v. Carolene Products Co., 304 U.S. 144 (1938).
- â Equal Protection in Florida In: Huffington Post, 1. Dezember 2008 (englisch).Â
- â See Nollan v. California Coastal Commission, 483 U.S. 825, 834 (1987)
- â FCC v. Beach Communications, Inc. 508 U.S. 307, 315 (1993)
- â Sullivan, Kathleen M. & Gunther Gerald. Constitutional Law. Foundation Press, New York, NY. 16th Ed. Chapter 9 (2007).
- â Starlight Sugar, Inc. v. Soto, 253 F.3d 137, 146 (1st Cir.2001)
- â Richard A. Posner: The Rise and Fall of Judicial Self-Restraint. In: California Law Review. Band 100, Nr. 3, 2012, S. 519, 522 (englisch, Online [abgerufen am 24. Februar 2015]).
- â Indest, Miles O. "Walking Dead: The Fifth Circuit Resurrects Rational Basis Review." Tulane Law Review 88.5 (2014): 993â1005. Web. 26 Aug. 2015.
- â Killian, Johnny H., George A. Costello, & Kenneth R. Thomas, co-eds., The Constitution of the United States of America: Analysis and Interpretation: Analysis of Cases Decided by the Supreme Court of the United States to June 28, 2002, by Congressional Research Service, Library of Congress (Senate Document No. 108-17, 108th Congress, 2d Session) (Washington [D.C.]: U.S. Gov't Printing Ofc. 2004) (Kurztitel: Constitution Annotated), S. 1906â1910 (S. 242â246 per Adobe Acrobat Reader) FOURTEENTH AMENDMENT â RIGHTS GUARANTEED PRIVILEGES AND IMMUNITIES OF CITIZENSHIP, DUE PROCESS AND EQUAL PROTECTION ( vom 7. MĂ€rz 2014 im Internet Archive), title page (S. [I] (S. 1 per Adobe Acrobat Reader)) THE CONSTITUTION of the UNITED STATES OF AMERICA, ANALYSIS AND INTERPRETATION ( vom 7. Januar 2011 im Internet Archive), and Authorization (authorization to publish by joint resolution) (giving short title) (S. III) (S. 1 per Adobe Acrobat Reader) AUTHORIZATION â HISTORICAL NOTE PUBLIC LAW 91-589, 84 STAT. 1585, 2 U.S.C. § 168 ( vom 7. Januar 2011 im Internet Archive), 23. October 2005).
- â Romer v. Evans, 517 U.S. 620 (1996) at 635
- â New York State Bd. of Elections v. Lopez Torres, 552 U.S. 196, ___ (2008) (Stevens, J., concurring).