Ruth Bang
Ruth Bang (* 22. November 1897 in Berlin; â 29. MĂ€rz 1972 in Weilheim) war eine deutsche Sozialarbeiterin und Psychagogin. Sie gehört, neben Dora von Caemmerer, Hertha Kraus, Marie Kamphuis, Herbert Lattke, Magda Kelber und anderen, zu den Pionieren der sozialen Einzelfallhilfe (Casework).
Leben und Wirken
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Ruth Bang war das Ă€lteste von vier Kindern des Staatsschauspielers Franz Josef Emanuel Stockhausen (1865â1950) und dessen Ehefrau Elisabeth, geb. Hewald. Ruth wuchs in finanziell gut gesicherten VerhĂ€ltnissen auf. Sie besuchte die "Sophie-Charlotten-Schule" und absolvierte zur VervollstĂ€ndigung ihrer Ausbildung ein vornehmes MĂ€dchenpensionat in Vevey, am Nordostufer des Genfersees gelegen. Dort vervollstĂ€ndigte sie ihre französischen Sprachkenntnisse. Nachfolgend belegte sie im Lette-Haus in Berlin Kurse fĂŒr Tanz, Fotografie, Modellieren, Stenografie und Maschinenschreiben. 1925 heiratete Ruth Stockhausen den verwitweten und vermögenden Rechtsanwalt Ferdinand Bang, der einen Sohn in die Ehe mitbrachte.[1]
Als Anna Essinger 1933 ihr Landschulheim Herrlingen fĂŒr jĂŒdische Kinder nach England (Grafschaft Kent) ĂŒberfĂŒhrte, wurde sie von Ruth Bang tatkrĂ€ftig unterstĂŒtzt. Sie zeichnete u. a. als Lehrerin fĂŒr Fremdsprachen verantwortlich. Nach zwei Jahren kehrte sie nach Berlin zurĂŒck. Sie grĂŒndete ein Kinderheim, in dem jĂŒdische Kinder Unterschlupf fanden. Die Einrichtung wurde von Nationalsozialisten zerstört. Ruth Bang wurde wĂ€hrend des Krieges dienstverpflichtet; sie musste in einer Marmeladenfabrik arbeiten. Nach dem Zusammenbruch absolvierte sie am âInstitut fĂŒr Psychotherapieâ die Ausbildung zur Psychagogin. Die Berufsbezeichnung Psychagoge (Erziehungsbetreuer) sollte die Verbindung von PĂ€dagogik und Psychotherapie verdeutlichen. Dort wurden in vier Semestern die Weiterbildungsteilnehmerinnen, wie KindergĂ€rtnerinnen, Hortnerinnen, FĂŒrsorgerinnen, in die tiefenpsychologischen Probleme, in die wesentlichen Ansichten und Forschungsergebnisse von Alfred Adler, Sigmund Freud, Carl Gustav Jung und Harald Schultz-Hencke sowie in die tiefenpsychologischen Auffassungen von der Entstehung der kindlichen Neurosen eingefĂŒhrt.[2] Ihre Abschlussarbeit verfasste Ruth Bang ĂŒber die psychagogische Behandlung eines 14-jĂ€hrigen Jungen mit Enuresis, der ihr von der Poliklinik des Zentralinstitutes fĂŒr psychogene Erkrankungen der Versicherungsanstalt Berlin zugefĂŒhrt wurde. Insgesamt beanspruchte die psychagogische Behandlung 39 Stunden innerhalb eines Jahres, in deren Verlauf bis auf einen, mit aktuellen Schulschwierigkeiten zusammenhĂ€ngenden RĂŒckfall das BettnĂ€ssersymptom völlig schwand.
Nach ihrer Ausbildung gehörte Ruth Bang zu den Initiatoren, die die âVereinigung Berliner Psychagogen e. V.â ins Leben riefen. Sie hatte bis MĂ€rz 1953 den 1. Vorsitz inne. Engagiert beteiligte sie sich an den Vorbereitungen zur GrĂŒndung der âVereinigung Deutscher Psychagogen e. V.â, welche Ende Mai 1953 erfolgreich abgeschlossen wurden. Neben ihrer Privatpraxis arbeitete sie als psychagogische Mitarbeiterin in der Familienberatung des Berliner Pestalozzi-Fröbel-Hauses. Durch Vermittlung ihrer Freundin, der StadtrĂ€tin Erna Maraun (1900â1959)[3], die sie auch mit dem Unitarian Service Committee (U.S.C.) und der Arbeiterwohlfahrt bekannt machte, zeichnete sie in Berlin fĂŒr Kurse zur Case-Work-Methode fĂŒr Sozialarbeiter, Psychiater, Ărzte, Jugendleiterinnen etc. verantwortlich. Nachdem die Psychagogin Ausbildungskurse im Casework in England und in der Schweiz absolviert hatte, ĂŒbernahm sie 1953 mit Katharine Tayler die Leitung des in Bremen ansĂ€ssigen "Arbeitskreises Soziale Fortbildung" (ASF). Als der ASF 1955 nach Mannheim verlegt wurde, ĂŒbersiedelte sie, inzwischen verwitwet, dorthin und unterrichtete am hiesigen âSeminar fĂŒr Sozialberufeâ der Arbeiterwohlfahrt die FĂ€cher Soziale Arbeit und Supervision. Die Mannheimer soziale AusbildungsstĂ€tte wurde 1961 nach DĂŒsseldorf verlegt, woraufhin Ruth Bang sich in Hamburg nieder lieĂ. Beim NDR war sie als âRatgeberinâ zu bestimmten Lebensfragen auf Sendung. Die Freiberuflerin war eine gesuchte Referentin im deutschsprachigen Raum, bspw. zeichnete sie auch fĂŒr Veranstaltungen zum Casework in SĂŒdtirol verantwortlich, hielt als Gastdozentin Vorlesungen zur Einzelfallhilfe und weiteren Methoden der Sozialen Arbeit an vielen AusbildungsstĂ€tten fĂŒr Sozialberufe und betĂ€tigte sich als Weiterbildnerin fĂŒr schon lange im Beruf stehende Heimerzieher, Jugendleiter, KindergĂ€rtnerinnen sowie FĂŒrsorger, bspw. im Hamburger âHaus der Jugendâ.[4]
Ruth Bang veröffentlichte viele BĂŒcher und AufsĂ€tze in Fachzeitschriften. Da sie mehrere Sprachen (Englisch, Französisch, Italienisch) in Wort und Schrift beherrschte, ĂŒbersetzte sie auch fremdsprachige FachbĂŒcher ins Deutsche, bspw. das Werk von Virginia Mae Axline Play Therapy. The Inner Dynamics of Childhodd. Ihre Publikationen zur Einzelfallhilfe avancierten zu Klassikern der Sozialen Arbeit. "Das gezielte GesprĂ€ch" wurde auch in die ungarische Sprache ĂŒbersetzt. Der "Klassiker" "Hilfe zur Selbsthilfe fĂŒr Klient und Sozialarbeiter" wurde seinerzeit in dem Fachorgan âPsyche. Zeitschrift fĂŒr Psychoanalyse und ihre Anwendungenâ wie folgt rezensiert:
- âNeben dem ersten Buch der Autorin (Psychologische und methodische Grundlagen der Einzelfallhilfe (Casework)... stellt es die erste deutsche, in kompendienhafter Buchform erschienene EinfĂŒhrung in das Casework dar. Daher entspricht das Buch einem echten BedĂŒrfnis und wird eine starke Verbreitung bei Sozialarbeitern und SozialpĂ€dagogen aller Arbeitsbereiche habenâ.[5]
Dora von Caemmerer bewertete 1959 Ruth Bangs Publikation âPsychologische und methodische Grundlagen der Einzelfallhilfe (Case Work)â Ă€uĂerst negativ[6]. Ihrer Ansicht nach verwische sie die berufliche IdentitĂ€t der Sozialarbeiter in Richtung therapeutische TĂ€tigkeit; âwovor sich jeder verantwortungsbewuĂte Sozialarbeiter hĂŒten sollteâ.[7] Caemmerers abschlieĂendes Fazit:
- "Das ganze Buch bedĂŒrfte einer grĂŒndlichen Ăberarbeitung hinsichtlich vieler Formulierungen, die einer kritischen ĂberprĂŒfung nicht standhalten. Dies gilt besonders fĂŒr die z. Teil vereinfachte Darstellung psychologischer TatbestĂ€nde, beispielsweise der Ădipussituation".[7]
Ruth Bang zog 1967 in ein Altersheim nach DieĂen am Ammersee. Nach lĂ€ngerer Krankheit starb sie 1972 im Krankenhaus von Weilheim[8].
Ehrungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- 1970: Marie-Juchacz-Plakette
Veröffentlichungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Rowdys und Tugendbolde. Beides sind Sorgenkinder, Frankfurt/Main 1956
- Psychologische und methodische Grundlagen der Einzelfallhilfe (Case Work), Bonn 1958
- Hilfe zur Selbsthilfe fĂŒr Klient und Sozialarbeiter/MĂŒnchen/Basel 1960
- Die helfende Beziehung als Grundlage der persönlichen Hilfe. Ein Wegweiser der Hilfe von Mensch zu Mensch, MĂŒnchen/Basel 1964
- AutoritĂ€t â Gewissensbildung â Toleranz. Drei Grundprobleme der Einzelfallhilfe. Ein Beitrag zum SelbstverstĂ€ndnis der Helferpersönlichkeit, MĂŒnchen/Basel 1967
- Das gezielte GesprĂ€ch. 1. Teil, MĂŒnchen/Basel 1968
- Das gezielte GesprĂ€ch. Teil 2, MĂŒnchen/Basel 1969
Weblink
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Manfred Berger: Maraun, Erna: in: Hugo Maier: Who is who der Sozialen Arbeit, Freiburg/Brsg. 1998, S. 382â383
- Manfred Berger: Ruth Bang (1897â1972). Eine in Vergessenheit geratene Wegbereiterin der Sozialen Einzel(fall)hilfe, in: Soziale Arbeit 2021/H. 3, S. 82â88
- Manfred Berger: Ruth Bang Wegbereiterin des Caseworkgedankens in der BRD. Ein Beitrag zur Geschichte der Sozialen Arbeit, in: BlĂ€tter der Wohlfahrtspflege 2021/H. 4, S. 152â155
- Manfred Berger: Eine AnnĂ€herung an Leben und Wirken von Ruth Bang (1897â1972), in: gilde soziale arbeit 2021/H. 2, S. 48â58
- Dora von Caemmerer: Rezension zu Psychologische und methodische Grundlagen der Einzelfallhilfe (Case Work), in: Mitteilungsblatt der Sozialarbeiterinnen und Sozialarbeiter 1959/H. 6, S. 65â67
- Regina Frank: Ruth Bang â Eine AnnĂ€herung an ihr Leben und Werk, Aachen 1997 (unveröffentl. Diplomarbeit)
- Judith von Felsenberg: Social Casework als neue Methode der Sozialen Arbeit, aufgezeigt am Beispiel von Ruth Bang, MĂŒnchen 2021 (unveröffentl. Masterarbeit)
- Christiane Ludwig-Körner. Wiederentdeckt â Psychoanalytikerinnen in Berlin, GieĂen 1999
- Christiane Ludwig-Körner: Ruth Bang (1897â1972), in: Luzifer-Amor. Zeitschrift zur Geschichte der Psychoanalyse, 2020/H. 66, S. 172â180
- Manfred Neuffer: Die Kunst des Helfens. Geschichte der Sozialen Einzelhilfe in Deutschland, Weinheim/Basel 1990
Archiv
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- â Berger 2021, S. 82 ff.
- â vgl. Ludwig-Körner 1999. S. 23 ff.
- â vgl. Berger 1998, S. 382 f
- â Berger 2021a, S. 82 ff.; Berger 2021b, S. 152 f
- â Psyche 1966, S. 936
- â vgl. Neuffer 1990, S. 174 f
- 1 2 Caemmerer 1959, S. 67
- â Berger 2021a, S. 84
| Personendaten | |
|---|---|
| NAME | Bang, Ruth |
| KURZBESCHREIBUNG | deutsche Sozialarbeiterin und Psychagogin |
| GEBURTSDATUM | 22. November 1897 |
| GEBURTSORT | Berlin |
| STERBEDATUM | 29. MĂ€rz 1972 |
| STERBEORT | Weilheim |