Sagnac-Interferometer
Ein Sagnac-Interferometer ist ein Interferometer, das es ermöglicht, eine Rotationsgeschwindigkeit absolut zu messen. Ein Beobachter ist in der Lage, anhand dieser Anordnung zu bestimmen, ob er sich in Rotation befindet oder nicht. Es ist nach dem französischen Physiker Georges Sagnac benannt, der den Sagnac-Effekt im Experiment zeigte.
Das steht nicht im Widerspruch zum RelativitĂ€tsprinzip. Dieses besagt nur die Unmöglichkeit der Bestimmung der gleichförmig translatorischen Eigenbewegung des Beobachters, sofern die dazu benutzte Experimentalanordnung als Ganzes im selben Inertialsystem ruht wie der Beobachter. Die bekannteste BestĂ€tigung dieser Auffassung ist das Michelson-Morley-Experiment, mit dem die gleichförmig translatorische Eigenbewegung der Erde âabsolutâ gemessen werden sollte, das jedoch ein negatives Resultat erbrachte. Gleichförmig translatorische Bewegung ist also relativ. Bei Drehbewegungen ist dies jedoch anders. Rotationen gegenĂŒber einem Inertialsystem können auch mit einer geschlossenen Experimentalanordnung absolut gemessen werden, denn es ist nicht möglich, ein Inertialsystem zu definieren, in dem sich die gesamte Experimentalanordnung in Ruhe befindet.
Die Ă€lteste Methode zur absoluten Rotationsmessung ist das Foucaultsche Pendel, mit dem es erstmals gelang, die Rotation der Erde zu messen und damit das heliozentrische Weltbild des Nikolaus Kopernikus zu bestĂ€tigen, ohne Himmelsbeobachtungen heranzuziehen. Auch Kreiselkompasse und Laserkreisel funktionieren nach diesem Prinzip. Was das Foucaultsche Pendel fĂŒr die Mechanik ist, ist der Sagnac-Effekt fĂŒr die Optik. Zwischen zwei Strahlen von kohĂ€rentem Licht, die im Uhrzeigersinn und im Gegenuhrzeigersinn ĂŒber Spiegel auf derselben Strecke im Kreis gelenkt werden, tritt eine Phasenverschiebung auf, wenn sich die gesamte Apparatur einschlieĂlich der Lichtquelle dreht. Der Weg des Strahls, der in Rotationsrichtung des GerĂ€ts umlĂ€uft, ist verlĂ€ngert, der des anderen verkĂŒrzt, und zwar proportional zur Rotationsgeschwindigkeit des GerĂ€ts.
Dies bestĂ€tigt alle Theorien, in welchen die Lichtgeschwindigkeit unabhĂ€ngig von der Geschwindigkeit des rotierenden Körpers ist â dazu gehören die Spezielle RelativitĂ€tstheorie und die Theorie vom ruhenden LichtĂ€ther (wobei die Ăbereinstimmung zwischen den beiden Theorien nur bei geringen Geschwindigkeiten gegeben ist). Da jedoch die klassische Ăthertheorie durch zahlreiche andere Experimente (vor allem das Michelson-Morley-Experiment) widerlegt wurde, sind die Spezielle RelativitĂ€tstheorie und die mit ihr experimentell Ă€quivalente, jedoch konzeptionell ĂŒberholte lorentzsche Ăthertheorie die einzigen Theorien, die alle Experimente erklĂ€ren können.
Geschichte
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Erste Hypothesen fĂŒr das Vorhandensein eines solchen Effektes wurden von Oliver Lodge (1897) und Albert A. Michelson (1904) vorgetragen. Zwei Lichtstrahlen, welche in entgegengesetzter Richtung eine kreisförmige Bahn beschreiben, mĂŒssten aufgrund der Erdrotation unterschiedliche Laufzeiten benötigen, was als Verschiebung der Interferenzstreifen nachzuweisen sein mĂŒsste. Damit sollte festgestellt werden, ob die Erde den Ăther, eine hypothetische Substanz, welche nach den damaligen Vorstellungen den Raum ausfĂŒllen sollte,
- mitfĂŒhrt, was ein negatives Resultat ergeben sollte,
- oder ob der Ăther ruht, was ein positives Resultat ergeben sollte.[1][2][3]
1911 fĂŒhrte Max von Laue diese theoretische Untersuchung weiter, wobei er bereits die spezielle RelativitĂ€tstheorie berĂŒcksichtigte. Das Ergebnis seiner Berechnungen war, dass sowohl gemÀà der speziellen RelativitĂ€tstheorie als auch nach der Theorie des ruhenden LichtĂ€thers bei erster NĂ€herung in annĂ€hernd dieselbe Laufzeitdifferenz zu erwarten ist, und zwar aufgrund der UnabhĂ€ngigkeit der Lichtgeschwindigkeit von der Bewegung der Experimentalanordnung in beiden Theorien. Nur bei vollstĂ€ndiger ĂthermitfĂŒhrung (wobei diese Theorie allerdings zu diesem Zeitpunkt aufgrund des Fizeau-Experimentes bereits als widerlegt galt) ergĂ€be sich ein negatives Resultat.[4][5] WĂ€hrend Laue den Effekt aus Sicht eines beliebigen Inertialsystems herleitete, was fĂŒr eine widerspruchsfreie ErklĂ€rung des Effekts im Rahmen der SRT durchaus ausreichend ist, wurde von anderen Autoren wie Paul Langevin (1921/35) der Effekt auch aus der Sicht eines mitrotierenden Bezugssystems, sowohl gemÀà der speziellen als auch der allgemeinen RelativitĂ€tstheorie, geschildert.
1913 wurde ein solches Experiment nun tatsĂ€chlich von Georges Sagnac durchgefĂŒhrt, und zwar mit der aus Sicht der RelativitĂ€tstheorie (und des ruhenden Ăthers) bereits erwarteten Verschiebung der Interferenzstreifen. Sagnac sah den Effekt als Widerlegung der QuellenabhĂ€ngigkeit der Lichtgeschwindigkeit, d. h. als Widerlegung der Emissionstheorie des Lichtes, und als unmittelbaren Nachweis eines LichtĂ€thers an â die RelativitĂ€tstheorie erwĂ€hnte er allerdings nicht.[6][7] Diese Auslassung war jedoch bedeutungslos, da, wie erwĂ€hnt, Laue bereits zwei Jahre zuvor einen solchen Effekt als Konsequenz der speziellen RelativitĂ€tstheorie vorausgesagt hatte.[8][9][10]
Wie erst spĂ€ter bekannt wurde, war bereits zwischen 1909 und 1911 ein Ă€hnliches Experiment von Franz Harress durchgefĂŒhrt worden, das als eine Synthese der Fizeau- und Sagnac-Experimente betrachtet werden kann. Er versuchte den MitfĂŒhrungskoeffizienten in Glas zu messen, jedoch benutzte er eine rotierende Versuchsanordnung, welche sehr Ă€hnlich der spĂ€ter von Sagnac benutzten ist. Die von ihm gefundenen Verschiebungen wurden von Harress nicht korrekt interpretiert, jedoch konnte Laue 1920 zeigen, dass das von Harress gefundene Ergebnis dem Sagnac-Effekt entsprach.[11]
Der Aufbau
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Ein kohĂ€rentes LichtbĂŒndel einer Lichtquelle, Sagnac verwendete eine Quecksilberdampflampe, wird mit einem halbdurchlĂ€ssigen Spiegel in zwei Teilstrahlen aufgeteilt. Diese werden mit Hilfe von Spiegeln in entgegengesetzter Richtung im Kreis gefĂŒhrt und treffen an dem Strahlteiler wieder aufeinander. Das Interferenzmuster wird auf einem Detektorschirm beobachtet. Befindet sich die Anordnung in Ruhe, sind die Wege beider Strahlen gleich lang und in der Mitte des Schirms sieht man destruktive Interferenz, denn bei der Reflexion von optisch dĂŒnnerem zu optisch dichterem Medium entsteht jeweils eine Phasenverschiebung von 90°, was bei dem im Bild gegen den Uhrzeigersinn laufenden Strahl eine Phasenverschiebung von 180° gegenĂŒber dem im Uhrzeigersinn laufenden Strahl ergibt. Wird nun aber der ganze Aufbau um eine Achse senkrecht zur Strahlebene gedreht, ist der optische Weg fĂŒr beide Teilstrahlen nicht mehr gleich lang, da sich in der Zeit, die das Licht fĂŒr einen Umlauf benötigt, der Strahlteiler bereits ein StĂŒck weiter gedreht hat. Dadurch sieht man eine Verschiebung der Interferenzstreifen.
Bemerkenswert an diesem Versuch ist vor allem, dass alle Teile des Systems â Lichtquelle, Zwischenapparat und MessgerĂ€t (Beobachter) â mitbewegt werden, man aber trotzdem einen Einfluss der Rotation beobachtet.[12]
Theorie
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In jedem Inertialsystem breitet sich Licht mit konstanter Geschwindigkeit aus. Im Folgenden ist das Inertialsystem das Bezugssystem, und das Interferometer dreht sich mit der Winkelgeschwindigkeit . Licht lĂ€uft auf einer beliebig geformten geschlossenen Bahn der LĂ€nge um. Es wird entsprechend durch Spiegel abgelenkt. Die Zeit, die das Licht benötigt, um die Strecke zurĂŒckzulegen, betrĂ€gt
WĂ€hrend dieser Zeit dreht sich die Apparatur um den Winkel . Das Licht muss also unter der Annahme in Tangentialrichtung ein um
lĂ€ngeres bzw. kĂŒrzeres WegstĂŒck zurĂŒcklegen. ( ist nicht der Abstand zwischen der Drehachse und dem StreckenstĂŒck , sondern der Abstand zwischen der Drehachse und der an anliegenden Tangente. ist daher die in Tangentialrichtung zeigende Komponente der Rotationsgeschwindigkeit.) FĂŒr den kompletten Umlauf ergibt sich also
- ,
wobei die vom Strahlengang eingeschlossene FlĂ€che ist. Die Differenz der Strecken, die die beiden umlaufenden Lichtwellen zurĂŒcklegen mĂŒssen, betrĂ€gt , da eine um mehr Weg zurĂŒcklegt, die andere um weniger. Die Streifenverschiebung (Gangunterschied als Phasendifferenz) ist damit
- .
Bei einer FlĂ€che A = 1 mÂČ (in der Skizze mit S bezeichnet) und einer WellenlĂ€nge λ = 633 nm benötigt man eine Winkelgeschwindigkeit von 1360 °/s (227 Umdrehungen pro Minute), um von destruktiver zu konstruktiver Interferenz () zu wechseln.
Michelson-Gale-Versuch
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]1925 gelang es Albert A. Michelson und Henry G. Gale mit einem Interferometer von 613Â m LĂ€nge und 339Â m Breite nach diesem Prinzip die Rotation der Erde mit einer relativen Genauigkeit von 2Â % zu messen. Die relative Streifenverschiebung betrug 0,23. Um scharfe Interferenzstreifen zu erhalten, war der komplette Lichtweg auf 17 mbar evakuiert. FĂŒr ausreichend Licht sorgte ein Kohle-Lichtbogen. Das Besondere beim Michelson-Gale-Experiment ist, dass es â anders als beim rotierenden Sagnac-Interferometer â keine Relativbewegung zum Bezugssystem der Erde gibt.[13][14]
Michelson und Gale erkannten bereits selbst korrekt, dass ihr Experiment keine Aussage ĂŒber die Existenz des Ăthers macht. Es lĂ€sst sich sowohl mit der RelativitĂ€tstheorie als auch mit einem ruhenden Ăther erklĂ€ren. Das Michelson-Gale-Experiment ist aber insofern von groĂer Bedeutung, als es allen Versuchen, das negative Ergebnis des Michelson-Morley-Experiments durch eine MitfĂŒhrung des Ăthers zu erklĂ€ren, den Boden entzieht. Es erscheint nĂ€mlich widersinnig, dass bei Translation (Michelson-Morley-Versuch) volle MitfĂŒhrung des Ăthers durch die Erde stattfindet, bei Rotation (Michelson-Gale-Versuch) hingegen der Ăther relativ zu den Fixsternen ruht.[15]
Siehe auch
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- â Anderson, R., Bilger, H.R., Stedman, G.E.: Sagnac effect: A century of Earth-rotated interferometers. In: Am. J. Phys. 62. Jahrgang, Nr. 11, 1994, S. 975â985, doi:10.1119/1.17656 (englisch).
- â Lodge, Oliver: Experiments on the Absence of Mechanical Connexion between Ether and Matter. In: Phil. Trans. Roy. Soc. 189. Jahrgang, 1897, S. 149â166 (englisch).
- â Michelson, A. A.: Relative Motion of Earth and Aether. In: Philosophical Magazine. 8. Jahrgang, Nr. 48, 1904, S. 716â719 (englisch).
- â Pauli, Wolfgang: EncyclopĂ€die der mathematischen Wissenschaften. Band 5.2, 1921, Die RelativitĂ€tstheorie, S. 539â776.
- â Laue, Max von: Ăber einen Versuch zur Optik der bewegten Körper. In: MĂŒnchener Sitzungsberichte. 1911, S. 405â412 (archive.org).
- â Sagnac, Georges: LâĂ©ther lumineux dĂ©montrĂ© par lâeffet du vent relatif dâĂ©ther dans un interfĂ©romĂštre en rotation uniforme. In: Comptes Rendus. 157. Jahrgang, 1913, S. 708â710 (französisch).
- â Sagnac, Georges: Sur la preuve de la rĂ©alitĂ© de lâĂ©ther lumineux par lâexpĂ©rience de lâinterfĂ©rographe tournant. In: Comptes Rendus. 157. Jahrgang, 1913, S. 1410â1413 (französisch).
- â Hans Witte: Der Sagnac-Effekt: ein Experimentum crucis zugunsten des Ăthers? In: Berichte der Deutschen Physikalischen Gesellschaft. 16. Jahrgang, 1914, S. 142â150.
- â Hans Witte: Nochmals Sagnac-Effekt und Ăther. In: Berichte der Deutschen Physikalischen Gesellschaft. 16. Jahrgang, 1914, S. 754â755.
- â Hans Witte: Sagnac-Effekt und Emissionstheorie. In: Berichte der Deutschen Physikalischen Gesellschaft. 16. Jahrgang, 1914, S. 755â756.
- â Laue, Max von: Zum Versuch von F. HarreĂ. In: Annalen der Physik. 367. Jahrgang, Nr. 13, 1920, S. 448â463 (bnf.fr).
- â Siehe G. Joos, Lehrbuch der theoretischen Physik, 12. Auflage 1959, Seite 448
- â Albert A. Michelson: The Effect of the Earthâs Rotation on the Velocity of Light I. In: The Astrophysical Journal. 61. Jahrgang, 1925, S. 137â139, doi:10.1086/142878, bibcode:1925ApJ....61..137M (englisch).
- â Albert A. Michelson & Henry G. Gale: The Effect of the Earthâs Rotation on the Velocity of Light II. In: The Astrophysical Journal. 61. Jahrgang, 1925, S. 140â145, doi:10.1086/142879, bibcode:1925ApJ....61..140M (englisch).
- â Siehe Georg Joos: Lehrbuch der theoretischen Physik. 12. Auflage 1959, Seite 450.
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- J. Anandan: Sagnac effect in relativistic and nonrelativistic physics. Phys. Rev. D 24, 338â346 (1981), doi:10.1103/PhysRevD.24.338
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Mathpages: The Sagnac Effect