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Saint-Césaire 1

aus Wikipedia, der freien EnzyklopÀdie
Die BruchstĂŒcke des Skeletts in situ
Der rekonstruierte SchÀdel des Neandertalers Saint-Césaire 1

Saint-CĂ©saire 1 ist die wissenschaftliche Bezeichnung fĂŒr das Skelett eines jungen, erwachsenen Neandertalers, das 1979 unweit der Gemeinde Saint-CĂ©saire im westfranzösischen DĂ©partement Charente-Maritime geborgen wurde. Das Fossil wurde in unmittelbarer Nachbarschaft von Artefakten aus der Kultur des ChĂątelperronien gefunden, denen zunĂ€chst ein Alter von 32.100 ± 3.000 Jahren zugeschrieben wurde.[1] Dieser Neandertalerfund galt daher zeitweise als einer der jĂŒngsten Belege fĂŒr die Existenz dieser Art.[2] Heute wird das ChĂątelperronien in die Zeitspanne zwischen 45.000 und 40.000 Jahren vor heute (cal BP) datiert,[3] und die Verbindung des Fossils mit Steinwerkzeugen des ChĂątelperronien gilt als ungesichert.

Die ersten Ausgrabungen im Bereich der FundstĂ€tte La Roche-Ă -Pierrot – benannt nach einer so genannten Felswand aus rund 90 Millionen Jahre alten Kalkstein – dauerten von 1976 bis 1987. Geleitet wurden sie von François LĂ©vĂȘque (UniversitĂ€t Aix-Marseille, ab 1999 UniversitĂ€t La Rochelle). Seit 2013 finden weitere Ausgrabungen unter neuer Leitung statt, in deren Verlauf die ursprĂŒngliche Interpretation der FundumstĂ€nde des Skeletts revidiert wurde.[4]

Die ursprĂŒngliche Interpretation des Fundes

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Das Fossil Saint-CĂ©saire 1 wurde durch ĂŒber ihm liegende Bodenschichten und das Gestein einer kollabierten ehemaligen Höhle erheblich zerdrĂŒckt und ist nur in relativ schlechtem Zustand erhalten geblieben; die Knochen der FĂŒĂŸe fehlen. Als Neandertaler wurde das Fossil anhand der Merkmale des SchĂ€dels und des Unterkiefers identifiziert.[5] Die rĂ€umliche NĂ€he des Fundes zu Steinwerkzeugen aus der Kultur des ChĂątelperronien wurde als BestĂ€tigung frĂŒherer Vermutungen bewertet, dass die Kultur des ChĂątelperronien mit den Neandertalern in Verbindung steht und nicht mit den zur gleichen Zeit bereits nach Europa eingewanderten – in der europĂ€ischen Forschungstradition so bezeichneten, anatomisch modernen – Cro-Magnon-Menschen (Homo sapiens). DarĂŒber hinaus gab die Datierung des Fossils Anlass zu Spekulationen ĂŒber die Verwandtschaft des Neandertalers mit den anatomisch modernen Menschen: Milford H. Wolpoff sah 1981 in dem Fund eine BestĂ€tigung seiner Hypothese vom multiregionalen Ursprung des modernen Menschen, das heißt, von einem gleitenden Übergang des europĂ€ischen Homo erectus / Homo heidelbergensis ĂŒber den Neandertaler (Homo neanderthalenis) zu Homo sapiens,[6] was jedoch umgehend von Forschern um Chris Stringer unter Verweis auf hominine Funde aus Afrika („Out-of-Africa-Theorie“) zurĂŒckgewiesen wurde.[7][8]

Heutiger Forschungsstand

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2002 berichteten Forscher um Christoph P. E. Zollikofer, eine ausgeheilte Verletzung am SchÀdel des Neandertaler sei vermutlich durch eine scharfe Steinklinge verursacht worden und belege möglicherweise eine gewaltsame Auseinandersetzung zwischen mehreren Personen.[9]

Im Umkreis der fossilen Knochen wurden Schalen eines KahnfĂŒĂŸers aus der Gattung Dentalium entdeckt, die als mögliche Grabbeigaben interpretiert wurden.[10]

Brad Gravina et al. (2018) entdeckten bei einer ÜberprĂŒfung der Schichtenfolgen im Bereich der Fossilienfundstelle keinen Zusammenhang zwischen den Neandertalerknochen und den dortigen Steinwerkzeugen des ChĂątelperronien. Vielmehr habe man in der Fundschicht des Neandertalers nur wenige Artefakte des ChĂątelperronien entdeckt, hingegen einen sehr reichhaltigen Bestand an Artefakten aus der Kultur des (ebenfalls mit dem Neandertaler verbundenen) MoustĂ©rien.[11] Die Forscher vermuten, die heutige FundstĂ€tte sei mehrfach abwechselnd von Gruppen unterschiedlicher kultureller Herkunft besucht und infolgedessen deren Steinwerkzeuge in unterschiedliche Schichten geraten und vermischt worden. Demnach könnten die auf ein Alter von rund 40.000 Jahren datierten Steinwerkzeuge aus der Kultur des MoustĂ©rien mit dem Neandertalerfund in Verbindung stehen,[1] denn eine direkte Datierung eines Knochens von Saint-CĂ©saire 1 ergab 2012 ein Alter zwischen 41.950 und 40.660 Jahren (cal BP).[12]

  • LoĂŻc Lebreton et al.: The Potential of Micromammals for the Stratigraphy and the Timing of Human Occupations at La Roche-Ă -Pierrot (Saint-CĂ©saire, France). In: Quaternary. Band 4, Nr. 4, 2020, 33; doi:10.3390/quat4040033.
  • EugĂšne Morin: Reassessing Paleolithic Subsistence. The Neandertal and Modern Human Foragers of Saint-CĂ©saire, France. Cambridge University Press, 2012, ISBN 978-113915097-2.
  • EugĂšne Morin et al.: Bone refits in stratified deposits: testing the chronological grain at Saint-CĂ©saire. In: Journal of Archaeological Science. Band 32, Nr. 7, 2005, S. 1083–1098, doi:10.1016/j.jas.2005.02.009.
  • Erik Trinkaus et al.: Locomotion and body proportions of the Saint-CĂ©saire 1 ChĂątelperronian Neandertal. In: PNAS. Band 95, Nr. 10, 1998, S. 5836–5840; doi:10.1073/pnas.95.10.5836.
Commons: Saint-CĂ©saire 1 – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien
  1. 1 2 Eintrag Saint-Césaire in: Bernard Wood (Hrsg.): Wiley-Blackwell Encyclopedia of Human Evolution. 2 BÀnde. Wiley-Blackwell, Chichester u. a. 2011, ISBN 978-1-4051-5510-6.
  2. ↑ Arthur ApSimon: The last neanderthal in France? In: Nature. Band 287, 1989, S. 271–272, doi:10.1038/287271a0.
  3. ↑ Tom Higham, Katerina Douka et al.: The timing and spatiotemporal patterning of Neanderthal disappearance. In: Nature. Band 52, Nr. 7514, 2014, S. 306–309, doi:10.1038/nature13621
    Neandertaler starben vor spÀtestens 39.000 Jahren aus. Auf: idw-online vom 20. August 2014.
  4. ↑ Saint-CĂ©saire – About the Site. Auf der Website der Trent University, abgerufen am 2. Mai 2024.
  5. ↑ François LĂ©vĂȘque und Bernard Vandermeersch: Les dĂ©couvertes de restes humains dans un horizon castelperronien de Saint-CĂ©saire (Charente-Maritime). In: Bulletin de la SociĂ©tĂ© PrĂ©historique Française. Comptes Rendus des SĂ©ances Mensuelles. Band 77, Nr. 2, Paris 1980.
  6. ↑ Milford H. Wolpoff: Allez Neanderthal. In: Nature. Band 289, 1981, S. 823–824, doi:10.1038/289823a0.
  7. ↑ Chris Stringer et al.: Allez Neanderthal. In: Nature. Band 289, 1981, S. 823–824, doi:10.1038/289823a0.
  8. ↑ Chris Stringer: Towards a solution to the neanderthal problem. In: Journal of Human Evolution. Band 11, Nr. 5, 1982, S. 431–438, doi:10.1016/S0047-2484(82)80096-1.
  9. ↑ Christoph P. E. Zollikofer et al.: Evidence for interpersonal violence in the St. CĂ©saire Neanderthal. In: PNAS. Band 99, Nr. 9, 2002, S. 6444–6448; doi:10.1073/pnas.082111899.
  10. ↑ Esteban Álvarez FernĂĄndez und Olaf Jöris: Personal Ornaments in the Early Upper Paleolithic of Western Eurasia: an Evaluation of the Record. In: Eurasian Prehistory. Band 5, Nr. 2, 2008, S. 29–42.
  11. ↑ Brad Gravina et al.: No Reliable Evidence for a Neanderthal-ChĂątelperronian Association at La Roche-Ă -Pierrot, Saint-CĂ©saire. In: Scientific Reports. Band 8, Artikel Nr. 15134, 2018, doi:10.1038/s41598-018-33084-9.
  12. ↑ Jean-Jacques Hublin et al.: Radiocarbon dates from the Grotte du Renne and Saint-CĂ©saire support a Neandertal origin for the ChĂątelperronian. In: PNAS. Band 109, Nr. 46, 2012, S. 18743–18748; doi:10.1073/pnas.1212924109.