Zum Inhalt springen

Stadtphysicus

aus Wikipedia, der freien EnzyklopÀdie

Ein Stadtphysicus oder Stadtphysikus (von lateinisch physicus, gelehrter „Leib“-Arzt bzw. akademisch ausgebildeter Arzt[1][2] im Gegensatz zum praxisorientierten chirurgicus[3] bzw. Wundarzt[4]) bzw. Stadtarzt[5] (auch, etwa im 15. Jahrhundert in Augsburg, als Stadt-Leibarzt bezeichnet[6]) war seit dem SpĂ€tmittelalter ein vom Stadtrat (fest) bestallter Arzt und nahm neben seiner privaten Praxis und der TĂ€tigkeit in stĂ€dtischen SpitĂ€lern[7] in etwa die Aufgaben eines heutigen Gesundheitsamtes wahr. Die mittelalterlichen StadtĂ€rzte, die insbesondere Funktionen des Polizei-, Gerichts- und Armenarztes innehatten, sind gemĂ€ĂŸ Heinrich Haeser den Archiatri populares der römischen Kaiserzeit[8] vergleichbar.

Die Bezeichnung Physicus war bis 1901 in Preußen der Titel fĂŒr den beamteten Arzt.[9]

Der Stadtphysicus war verantwortlich fĂŒr hoheitliche Maßnahmen, die die Gesundheitsvorsorge der Bevölkerung und die hygienischen Bedingungen in der Stadt betrafen. Zu seinen Aufgaben gehörte auch die Aufsicht ĂŒber die Apotheken sowie die Überwachung von Personen, die sich mit medizinischen Aufgaben befassten, etwa der Hebammen und Bader. Daneben hatte er gerichtsmedizinische Aufgaben wie die Begutachtung von Verletzungen lebender Personen, die Ă€ußere Leichenschau und die DurchfĂŒhrung von Leichenöffnungen bei nicht natĂŒrlicher und ungeklĂ€rter Todesart. In Seuchenzeiten veröffentlichten viele Stadtphysici kleine, gedruckte Ratgeber.

Im ausgehenden 16. und beginnenden 17. Jahrhundert wurde auch die Erstellung von Kalendern mit astrologischen Wetterprognosen oft von StadtÀrzten wahrgenommen.

Etliche Stadtphysici fungierten zugleich auch als LeibĂ€rzte adliger oder geistlicher WĂŒrdentrĂ€ger.

In weniger dicht besiedelten Regionen wurde das Amt in Kombination als Stadt- und Kreisphysicus vergeben, der neben der Stadt in deren Umland einen bestimmten Medizinaldistrikt zu versorgen bzw. zu beaufsichtigen hatte.

FĂŒr den Stellvertreter des Stadtphysicus galt, z. B. in Hamburg, die Bezeichnung Subphysicus.

  • Manfred Straube: „Von der artzenten stat“: Ein Kapitel aus der sogenannten Refomatio Sigismundi und das Stadtarztwesen in der ersten HĂ€lfte des 15. Jahrhunderts im SĂŒdwesten des Reichs, vornehmlich in Basel. In: NTM Schriftenreihe fĂŒr Geschichte der Naturwissenschaften, Technik und Medizin. Band 2, 1965, Nr. 5, S. 87–103.
  • Manfred StĂŒrzbecher: The physici in German-speaking countries from the Middle-Ages to the Enlightenment. In: A. Russell (Hrsg.): The Town and the State Physician in Europe from the Middle Ages to the Enlightenment. WolfenbĂŒttel 1981, S. 123–129.
  • Michael Stolberg: Gelehrte Medizin und Ă€rztlicher Alltag in der Renaissance. De Gruyter, Oldenbourg, 2021, S. 402–409.

Einzelnachweise

[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]
  1. ↑ Gundolf Keil: Der Hausvater als Arzt. In: Trude Ehlert (Hrsg.): Haushalt und Familie in Mittelalter und frĂŒher Neuzeit (VortrĂ€ge eines interdisziplinĂ€ren Symposions vom 6.–9. Juni 1990 an der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-UniversitĂ€t Bonn). Mit einem Register von Ralf Nelles, Jan Thorbecke, Sigmaringen 1991, ISBN 379954156X, S. 219–243, hier: S. 240.
  2. ↑ Vgl. auch Manfred Straube: »Von der artzenten stat«: Ein Kapitel aus der sogenannten Reformatio Sigismundi und das Stadtarztwesen in der ersten HĂ€lfte des 15. Jahrhunderts im SĂŒdwesten des Reichs, vornehmlich in Basel. In: NTM Zeitschrift fĂŒr Geschichte der Wissenschaften, Technik und Medizin. Band 2, 1965, Nr. 5, S. 87–103.
  3. ↑ Bernhard D. Haage, Wolfgang Wegner: Chirurg, Chirurgie. In: Werner E. Gerabek, Bernhard D. Haage, Gundolf Keil, Wolfgang Wegner (Hrsg.): EnzyklopĂ€die Medizingeschichte. De Gruyter, Berlin / New York 2005, ISBN 3-11-015714-4, S. 251–254; hier: S. 251.
  4. ↑ Gundolf Keil: Ortolf von Baierland (WĂŒrzburg). In: Die deutsche Literatur des Mittelalters. Verfasserlexikon. Band 7: „Oberdeutscher Servatius“ – Reuchart von Salzburg. 2., völlig neu bearbeitete Auflage. De Gruyter, Berlin u. a. 1989, ISBN 3-11-011582-4, Sp. 67–82, hier: Sp. 75.
  5. ↑ Manfred Vasold: StadtĂ€rzte. In: EnzyklopĂ€die Medizingeschichte. 2005, S. 1352–1353.
  6. ↑ Wolfgang F. Reddig: Heilberufe: Doctores, Bader, Scharlatane. In: Medizin im Mittelalter. Zwischen Erfahrungswissen, Magie und Religion (= Spektrum der Wissenschaft. Spezial: ArchĂ€ologie Geschichte Kultur. Band 2.19), 2019 (auch in Spektrum der Wissenschaft. 2, 2002), S. 62–65, hier: S. 63–64.
  7. ↑ Conrad Brunner: Über Medizin und Krankenpflege im Mittelalter in Schweizerischen Landen (= Veröffentlichungen der Schweizerischen Gesellschaft fĂŒr Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften. Band 1). Orell FĂŒssli, ZĂŒrich 1922, S. 70–71.
  8. ↑ Conrad Brunner: Über Medizin und Krankenpflege im Mittelalter in Schweizerischen Landen (= Veröffentlichungen der Schweizerischen Gesellschaft fĂŒr Geschichte der Medizin und der Naturwissenschaften. Band 1). Orell FĂŒssli, ZĂŒrich 1922, S. 69.
  9. ↑ August Buck: Die Medizin im VerstĂ€ndnis des Renaissancehumanismus. In: Rudolf Schmitz, Gundolf Keil (Hrsg.): Humanismus und Medizin. Weinheim an der Bergstraße 1984 (= Deutsche Forschungsgemeinschaft: Mitteilungen der Kommission fĂŒr Humanismusforschung. Band 11), S. 181–198, hier: S. 185.