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Tauhīd

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Tauhīd (arabisch توحيد, DMG tawḥīd ‚Glaube an die Einheit Gottes, abgeleitet vom Verb وحّد, DMG waḥḥada ‚vereinigen, vereinheitlichen‘),[1] in der Literatur auch Tawheed, Tawhid, Tauheed, Tevhid oder Tevhit,[2] ist ein grundlegendes Konzept des Islam und entspricht dem Begriff Monotheismus.[3]

Tauhīd bedeutet, Gott (arabisch: Allah) als den Einen erklären, sich zum Glauben an die Einheit Gottes bekennen. Mit diesem Bekenntnis wird bezeugt, dass es neben Gott keine anderen Götter gebe, dass er weder gezeugt noch geschaffen sei. Der Ausdruck kommt (wie auch waḥḥada) nicht im Koran vor, wohl aber wird Gott Einfachheit (aḥad, Sure 112) und Einzigkeit zugeschrieben (ilāh un wāḥid, 13 Belege; lā ilāha illā huwa, 29 Belege nebst gleichbedeutenden Ausdrücken). Sure 112 (al-Ichlas) formuliert: „Sag: Er ist Gott, ein Einziger (Allahu ahad). (…) Er hat weder gezeugt noch ist er gezeugt worden.“ Diese Sure nennt man auch Surat at-tauhīd. Die ersten Worte des islamischen Glaubensbekenntnisses (Schahāda) lauten: „Es gibt keinen Gott außer dem einzigen Gott.“ Man bezeichnet diese auch als „Worte des Tauhīd“.

Die Aussage aus Sure 16, 51: „Und Gott hat gesagt: Nehmt euch nicht zwei Götter!“, richtet sich gegen Dualisten. Mit den Worten „Und sagt nicht: Drei“ verneint Sure 4, 171 den christlichen Glauben an die Dreieinigkeit. Die spätere islamische Theologie versteht die göttliche Einheit praktisch ausnahmslos in Opposition zur christlichen Trinität.

Sowohl Juden, Christen als auch Muslime bezeichnen sich als Monotheisten.

Der Ausdruck im Plural muwahhidun (arabisch موحد; wörtlich „Bekenner des tauhīd“ (Bezeichnung der Monotheisten schlechthin)) wird von einigen islamischen/islamistischen Gruppen wie den Wahhabiten als Selbstbezeichnung verwendet. Er ist auch die Bezeichnung der Berberdynastie der Almohaden, al-muwahhidun / الموحّدون / al-muwaḥḥidūn, welche die Lehre der Einheit Gottes zu ihrem religiös-politischen Programm machten.

Außerdem wird der Ausdruck tauhīd in einem spezielleren Sinn oft im Sufismus verwendet. Die „Einheit mit Gott“ – die Auflösung des eigenen Willens in Gottes Willen und die Aufgabe des eigenen Egos – zu erlangen, gilt dort als das eigentliche Ziel des Lebens. Um dorthin zu gelangen, bedarf es einer großen Anstrengung (dschihad) als Kampf gegen das eigene Innere, das sogenannte „niedere Ego“ (an-nafs al-ammara). Als höchste Stufe gilt das „reine Ich“ (an-nafs as-safiya), das jedoch nur von wenigen Sufis erreicht werden könne.

Als Anhänger des Tauhīd (ahl at-tauḥīd) bezeichnen sich die Muslime allgemein; die Mu'tazila kennzeichnete sich als ahl at-tauḥīd wal-'adl أهل التوحيد والعدل / ahlu ʾt-tauḥīd wa-ʾl-ʿadl / ‚Bekenner der Einheit Gottes und der Gerechtigkeit‘.

Der Glaube an die Einheit Gottes wird im Islam durch die erhobene rechte Hand mit ausgestrecktem Zeigefinger, dem sogenannten Tauhīd-Finger, symbolisiert. Der „Tauhid“-Finger ist in diesem Sinne als Glaubensbekenntnis zu verstehen. Allerdings wird die Geste seit Jahren von Islamisten als Erkennungszeichen benutzt, um ihre Ablehnung der Demokratie als unislamisch zu symbolisieren.[4][5]

Moderne sozialethische Interpretationen des Tauhīd

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Im modernen Iran haben verschiedene Intellektuelle Tauhīd als ein universalistisches sozialethisches Prinzip interpretiert. So hat zum Beispiel Ali Schariati in einer seiner Vorlesungen erklärt, dass Tauhīd nicht nur ein Glaube, sondern eine Weltanschauung sei. Wenn er von einer „tauhīdischen Weltanschauung“ (ǧahānbīnī-ye touḥīdī) spreche, meine er damit einen Monismus, der daraus bestehe, die gesamte Welt als eine Einheit zu betrachten.[6] ِIm Tauhīd seien Vielheit, Pluralität und Gegensätze nicht denkbar, weder in der Existenz, noch in der Geschichte, noch in der Gesellschaft, noch im Menschen selbst. Antagonismen und Spaltungen in der Welt könnten nicht akzeptiert werden. Daher seien die Gegensätze zwischen Mensch und Natur, Geist und Körper, Diesseits und Jenseits, Materie und Idee sowie rechtliche, klassenbezogene, soziale, rassische, ethnische, irdische, blutsbezogene, genetische und wirtschaftliche Gegensätze nicht existent, weil der Tauhīd eine monistische Sicht auf die Existenz bedeute.[7] Die Absicht des Propheten Mohammed hatte Schariati zufolge darin bestanden, nicht nur eine monotheistische Religion (dīn-e touḥīd), sondern auch eine monistische Ordnung (neẓām-e touḥīd) zu errichten, die durch öffentliche Tugend, durch den gemeinsamen Kampf für „Gerechtigkeit“, „Gleichheit“, „menschliche Brüderlichkeit“, „öffentliches Eigentum an den Produktionsmitteln“ und, was am wichtigsten sei, durch den brennenden Wunsch, in dieser Welt eine klassenlose Gesellschaft zu schaffen, zusammengehalten würde.[8] Ähnlich wie Schariati interpretierten die Volksmudschahedin Tauhīd als Egalitarismus.[9]

Abolhassan Banisadr unternahm in seinem Werk Eqteṣād-e touḥīdī („Die monistische Wirtschaft“), das 1978 veröffentlicht wurde, den Versuch, eine politische Theorie zu konstruieren, die auf das Prinzip des Tauhīd gegründet ist. Er leitete aus diesem Grundsatz ab, dass es keine wirtschaftliche Beherrschung des Menschen durch den Menschen geben dürfe. Nur Gott habe das absolute Recht auf Eigentum, ein Recht, das der Prophet und die Imame an diejenigen in der Gemeinschaft übertragen hätten, die es dank ihrer Arbeit verdienten.[10] In seinem „Manifest der Islamischen Republik“ (Bayānīye-ye Ǧomhūrī-ye Eslāmī), das er ein Jahr später veröffentlichte, formulierte er das Ziel, dass sich die Gesellschaft, von äußeren und inneren Mächten befreit, zu einer höheren, vom Tauhīd geleiteten Gesellschaft (ǧāmeʿe-ye barīn-e touḥīdī) entwickeln müsse. Dann könne sie eine Pionierrolle in der ganzen Welt spielen und zum Modell für die Freiheit der Menschen auf globaler Ebene werden.[11]

  • Daniel Gimaret: La doctrine d’al-Ashʿarī. Paris 1990.
  • Daniel Gimaret: Art. tawḥīd, in: The Encyclopaedia of Islam. 2. Aufl., Brill, Leiden, Bd. 10, S. 389.
  • Abū Mansūr al-Māturīdī: Kitāb at-tauhīd (Buch über den Monotheismus). Hrsg. F. Kholeif, Beirut 1970; häufige Neuauflagen

Einzelnachweise

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  1. Vgl. H. Wehr: Wörterbuch der arabischen Sprache, Wiesbaden 1968, S. 936 f.
  2. Markus Dressler, Ron Geaves, Gritt Klinkhammer: Sufis in Western Society: Global Networking and Locality. Routledge, 2009, ISBN 978-1-134-10574-8 (google.de [abgerufen am 11. Januar 2022]).
  3. Gimaret, EI2, l.c.
  4. Kira von der Brelie: Was der „Tauhid“-Zeigefinger im Islam wirklich bedeutet. In: RND, 26. März 2024
  5. Landesamt für Verfassungsschutz Bayern: Falsche Freunde in der Flüchtlingshilfe? Informationen zu islamistischen Anwerbeversuchen. Abgerufen am 16. Juni 2024.
  6. ʿAlī Šarīʿatī: Islām-šināsī. Ḥusainīya-i Iršād, Teheran 1361 h.š. (= 1982 n. Chr.). Bd. I, S. 35.
  7. ʿAlī Šarīʿatī: Islām-šināsī. Ḥusainīya-i Iršād, Teheran 1361 h.š. (= 1982 n. Chr.). Bd. I, S. 39f.
  8. Ervand Abrahamian: “’Ali Shari’ati: Ideologue of the Iranian Revolution”. In: MERIP Reports 102 (1982) 24–28. Hier S. 26a.
  9. Ervand Abrahamian: Radical Islam. The Iranian Mojahedin. I.B. Tauris, London 1989. S. 96.
  10. Nikki Keddie: Roots of Revolution. An Interpretive History of Modern Iran. Yale University Press, New Haven und London 1981. S. 226.
  11. Banī-Ṣadr: Bayānīya-i Ǧumhūrī-yi Islāmī. Intišārāt-i Imām, ohne Ort 1358hš (= 1979 n. Chr.). S. 96."