14.9.26

Mehr als 3.000 Fachartikel spielen mit Beatles-Zitaten und Songtiteln

Eine in PLOS One veröffentlichte Analyse zeigt, wie hĂ€ufig Wissenschaftler*innen auf die Beatles zurĂŒckgreifen. Ein niederlĂ€ndisches Forschungsteam fand 2.237 exakte Referenzen und 963 kreative Wortspiele mit Songtiteln und -texten in wissenschaftlichen Publikationen. Besonders hĂ€ufig tauchen Anspielungen in Medizin und Sozialwissenschaften auf, aber auch in Ökonomie, Umweltwissenschaften und anderen FĂ€chern.

Am beliebtesten ist "The Long and Winding Road", gefolgt von "With a Little Help from My Friends" und "Here, There and Everywhere". Die Forschenden fĂŒhren die zunehmende Nutzung solcher Referenzen unter anderem auf einen informelleren Publikationsstil und den Druck zurĂŒck, mit prĂ€gnanten Titeln Aufmerksamkeit zu erzeugen. Die PlĂ€tze zwei und drei belegen Elvis Presley und Michael Jackson mit großem Abstand.

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9.9.26

Krautrock: Mehr als nur eine Musikszene

Psychedelisch, experimentell, elektronisch: Der sogenannte Krautrock ist nicht nur eine alternative Musikszene aus den 1970ern. Die Bands schufen auch eigenes Wissen ĂŒber die Welt. Ein Projekt untersucht, was die Szene ausmacht.

Der sogenannte Krautrock ist ein Sammelbegriff fĂŒr die Musik alternativer Rockbands, die in der Bundesrepublik von 1967 bis 1979 auftraten. Die Bezeichnung ist dabei umstritten: Sie stammt aus den britischen Medien der 70er-Jahre und hatte ursprĂŒnglich eine abschĂ€tzige Bedeutung. Viele Bands fĂŒhlten und fĂŒhlen sich der Bewegung, aber nicht dem Begriff zugehörig.

Ebenso schwierig ist es zu definieren, was den Krautrock musikalisch ausmacht, weil er diverse Stile versammelt: Die psychedelischen Sounds der Gruppe Amon DĂŒĂŒl II, der Space- und Jazzrock von Guru Guru, der elektrisch verstĂ€rkte Minnesang von Ougenweide und die experimentelle Electronic der international bekannten Band Kraftwerk fallen darunter.

„Musikalische Merkmale reichen nicht aus, um diese popkulturell wirkmĂ€chtige Szene unter einen Hut zu bringen“, sagt Privatdozent Dr. Sebastian DĂŒmling vom Lehrstuhl fĂŒr EuropĂ€ische Ethnologie / Empirische Kulturwissenschaft der Julius-Maximilians-UniversitĂ€t WĂŒrzburg (JMU). Er leitet ein neues Projekt, das sich mit der Krautrock-Szene musikalisch und textlich auseinandersetzt, aber auch deren Lebensweise untersucht.

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5.5.26

Online-Lexikon fĂŒr verfolgte Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit

Die Verfolgung von Musikerinnen und Musikern durch das NS-Regime hat massiv, dauerhaft und weltweit auf das immaterielle Kulturgut Musik eingewirkt. In Deutschland ebenso wie in den annektierten und besetzten LĂ€ndern kam es zu erheblichen Verlusten, im Exil aber auch zu produktiven Entwicklungen in allen Bereichen des Musiklebens. Die Exilmusik-Forschung begann Ende der 1970er-Jahre, doch in welchem Ausmaß die musikalische Praxis zerstört wurde, ist noch nicht ausreichend erforscht. Insbesondere die langfristigen Konsequenzen der Zwangsmigration von Musikerinnen und Musikern sind in weiten Teilen unerschlossen. Die herrschende Sicht auf die Musikgeschichte des 20. Jahrhunderts bezieht diese globalen Verwerfungen zu wenig ein. Das Forschungsprojekt „NS-Verfolgung und Musikgeschichte“ hat sich entsprechend zum Ziel gesetzt, diese Sicht zu revidieren und zu vervollstĂ€ndigen. Das Langzeitvorhaben lĂ€uft bis Ende 2042.

Das Projekt konzentriert sich auf Musikerinnen und Musiker, die aus dem deutschsprachigen Raum stammen. Reichhaltige, bisher nicht ausgeschöpfte Quellen (vor allem ungedruckte und archivalische BestĂ€nde) sind zu erschließen. Die personenbezogenen Erkenntnisse daraus fließen in das Online-Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit (LexM) ein, welches ĂŒber die Website der UniversitĂ€t Hamburg frei zugĂ€nglich ist. Das LexM ist das derzeit wichtigste Forschungsinstrument zum Thema. Es wird in das neue Forschungsprojekt integriert und wesentlich erweitert.

Website des Langzeitvorhabens | Online-Lexikon verfolgter Musiker und Musikerinnen der NS-Zeit (LexM) | Pressemitteilung

1.5.26

Yo, 50 Jahre Punk

Yo, 50 Jahre Punk, jetzt kommen die Musik- und Kulturredaktionen aus der Deckung und arbeiten ihre ZettelkÀsten ab mit all den Stichworten, die sie in den letzten 50 Jahren aufgesammelt haben, um alte Klischees wiederzukÀuen und neue Klischees zu erfinden, anstatt selber zu recherchieren und nachzudenken. Zu verklebt ihre Gehirne.

50 Jahre Punk, aber welcher Punk? Okay Sommer 1976 könnte fĂŒr die Londoner Szene passen, deren ersten Vinylprodukte dann zum Jahresende kamen. Aber eigentlich war es ja der Sommer 1977 in London mit dem SilberjubilĂ€um der Queen und "God Save the Queen" von den Sex Pistols. Oder war da Punk schon wieder vorbei, weil aus der Geheimgesellschaft eine Massenbewegung wurde?<(p>

Aber ist London allein der Maßstab fĂŒr Punk? Was ist mit New York (und Los Angeles)? Die Ramones gab es schon seit 1974, ihre erste LP erschien im April 1976 und war viel mehr die musikalische Blaupause fĂŒr Punk als die Sex Pistols, die ja das Etikett Punk fĂŒr sich selbst ablehnten. Abgesehen davon lĂ€sst sich ein Ursprung von Punk zeitlich gar nicht richtig festmachen, war Punk doch eigentlich keine Neuerfindung, sondern das Ergebnis einer musikalischen Entwicklung, zu der in England Glam- und Pubrock, aber auch das Rock'n'Roll-Revival der 1970er Jahre gehörte. Lieber wird auf die VorlĂ€ufer aus den USA geschaut als da wĂ€ren Velvet Underground mit Lou Reed, die Stooges mit Iggy Pop und MC5 aus Detroit, Heimat von Alice Cooper und Suzi Quatro, nicht zu vergessen der ganze amerikanische Garagenrock als Reaktion auf die British Invasion, der schon damals als Punk gelabelt wurde. Und so war Punk auch nur ein Zwischenstopp, bzw. Inspiration, wenn man sich ĂŒberlegt, wer zu dieser Zeit alles ans Tageslicht kam, PhĂ€nomene wie Residents und Chrome, Pere Ubu und Devo, und wie bunt war eigentlich die New Yorker Szene mit Blondie, Television, Talking Heads und Suicide? Und wie schnell sich die englische und amerikanische Szene mit Hilfe von billiger Elektronik und Krautrock ausdifferenzierte zu dem, was heute alles als Post-Punk bezeichnet wird.

Will sagen, Punk musikalisch an bestimmten Stilistiken festzunageln ist ziemlich schwierig. Offensichtlicher ist es, Punk als ein PhĂ€nomen des öffentlichen Auftretens, des Bruchs mit bĂŒrgerlichen Konventionen zu interpretieren - oder wie Diedrich Diederichsen es sagen wĂŒrde: Punk befreite die Zeichen von ihrer Bedeutung. Vorher konnte man die Menschen an ihrer Kleidung erkennen, danach war die Gewissheit, aus dem Aussehen auf den Inhalt schließen zu können, dahin. Und da dĂŒrfte wohl eher das Jahr 1977 das richtige JubilĂ€um sein. Okay, einigen wir uns auf den 1. Dezember 1976, als die Sex Pistols und einige ihrer Freunde zu Bill Grundy ins Fernsehen eingeladen wurden.

Aber was ist mit Westdeutschland, wann können wir hier 50 Jahre Punk feiern? Interessanterweise ist der westdeutsche Punk kein Meilenstein in der Entwicklung von westdeutscher Rock- und Popmusik, sondern ein gezielter Bruch. Es gibt keine westdeutschen musikalischen VorlĂ€ufer fĂŒr Punk, nicht mal Ton Steine Scherben (ja ich weiß, S.Y.P.H. waren Fans von Can). Der westdeutsche Punk funktionierte komplett als Übernahme von musikalischen Formen aus England und den USA. Das war aber kein Einzelfall, so haben die Jugendkulturen in Westdeutschland seit 1945 funktioniert. Es gab die Schlagerwelt fĂŒr Erwachsene und die Rebellion der Jugend dagegen, zuerst mit amerikanischem Rock'n'Roll, danach mit englischer Beatmusik. Dann kam die komplette Neuerfindung Ende der 1960er Jahre, die absolute Negation der Schlagerwelt durch elektronische Musik (wobei man bei den entwickelten KlĂ€ngen durchaus eine Bezugnahme auf musikalische Traditionen vor dem ersten Weltkrieg erkennen könnte), Improvisation, Rhythmik und außereuropĂ€ische Musik (ich zögere diese musikalischen Pioniere unter Krautrock einzusortieren). Und fast keiner hat deutsch gesungen. Der nĂ€chste Bruch war dann Punk und in der Folgezeit auch die NDW, denn auch hier ist höchstens eine ironische Bezugnahme auf die Schlagerwelt zu erkennen. Erst in den 1980er Jahren kam es dann zu einer Vermischung von jugendlicher Rock- und Popmusik und der Schlagerwelt. Aber das war lange nach dem Scheitern von Punk und NDW am Versuch, den musikalischen Mainstream dauerhaft zu ĂŒbernehmen. Und nein, Nena war nie NDW.

Wo wĂ€re jetzt also das JubilĂ€um fĂŒr Punk in Westdeutschland? Die Nina Hagen-Band war zwar imagemĂ€ĂŸig ein mehr oder minder erfolgreicher Angriff auf den bĂŒrgerlichen Mainstream, aber musikalisch kein Punk. Big Balls And The Great White Idiot, Straßenjungs, The Pack und The Maniacs (aus Heidelberg) klangen zu sehr nach Ă€lteren Musikern, die auf den rollenden Zug aufspringen wollen, auch wenn sie musikalischen nicht uninteressant waren. Sie hatten aber auch den Nachteil, bei etablierten Plattenfirmen zu veröffentlichen, was der aus England ĂŒbernommenen Do-It-Yourself-Ästhetik der jungen Punks widersprach. Lustigerweise wurde das den englischen und amerikanischen Vorbildern nicht vorgeworfen, aber ohne deren kapitalistischen Verbreitungsmechanismen wĂ€re ihre Musik in Westdeutschland nie so wirkmĂ€chtig geworden. Erst 1979 erschienen die ersten lĂ€ngeren TontrĂ€ger in Westdeutschland, die eine eigene Interpretation von Punk dokumentierten als da wĂ€ren LPs von Male aus DĂŒsseldorf und von Rotzkotz und Hans-A-Plast aus Hannover. Dazu kamen noch die erste (instrumentale) LP der Deutsch Amerikanischen Freundschaft sowie die Elektronik-LP "Inland" vom Pyrolater, letztere meiner persönlichen Meinung nach ein perfektes Abbild der damaligen Stimmungslage in der westdeutschen Gesellschaft. Daneben kamen eine Reihe von Singles und EPs aus Hamburg, Berlin und anderen StĂ€dten, teils mit simplem Punk, teils mit avantgardistischen KlĂ€ngen, teilweise inspiriert von durch die Medien verbreiteten Stereotypen, teilweise aber auch schon in direkter Inspiration von den vielfĂ€ltigen Entwicklungen in der englischen und amerikanischen Musikszene. Wenn es ein JubilĂ€um von Punk in Westdeutschland zu feiern gĂ€be, dann wĂ€re das Jahr 1979 ein guter Ausgangspunkt, auch wenn der westdeutsche Punk nur langsam von der Öffentlichkeit wahrgenommen wurde. Öffentlich wahrnehmbarer war dagegen die Titelstory vom Spiegel vom 23.1.1978 "PUNK - Kultur aus den Slums: brutal und hĂ€ĂŸlich", aber das war nur wie eine gruselige Reportage von einem Verbrechen im Ausland, das hatte nichts mit der westdeutschen RealitĂ€t zu tun. Vielleicht sollte man auch bis zu den ersten Erfolgen von den Toten Hosen und den Ärzten warten, auch wenn Punk-Puristen diese als VerrĂ€ter an der Punk-Idee ablehnen wĂŒrden. Aber sowas wie das Bill Grundy-Interview oder die Veröffentlichung von "Smells like teen spirit" gibt es im westdeutschen Punk nicht. Daher, das Thema Punk-JubilĂ€um ist nur ein Marketingtrick der westdeutschen Kulturindustrie.

Leseempfehlung: Interview mit Dr. Michael Arndt MdB

28.4.26

Hollow Skai ... und dann kam Punk

Kurz nach dem Podcast mit meinem ehemaligen Mitmusiker entdeckte ich, dass in der gleichen Podcast-Serie auch Hollow Skai eingeladen wurde, als Teil seiner Promotion fĂŒr das "Hey Ho, Let's Go!"-Buch. Dass Hollow uns auf dem verwendeten Portraitfoto den Mittelfinger entgegenstreckt finde ich nicht so prall, auch war der Podcast bezĂŒglich der mich interessierenden Aspekte der hannoverschen Punk-Historie nicht sehr ergiebig. So möchte ich mich auf ein paar wenige Anmerkungen beschrĂ€nken.

Interessanterweise nimmt die Diskussion, ob HĂŒsker DĂŒ in Hannover aufgetreten sind - so wird es in dem Buch berichtet - oder nicht, doch einigen Raum ein. Laut einem der Interviewpartner waren aber nicht HĂŒsker DĂŒ, sondern Nig-Heist die Vorgruppe von Black Flag am 10.6.1984 in der Kornstraße, auch wenn HĂŒsker DĂŒ auf den damaligen Tourneeplakaten auftaucht (im Internet kann man hier, hier und hier mehr dazu lesen).

An anderer Stelle fiel der Name "SĂŒĂŸkind" als angebliches Mitglied von Der Moderne Man. TatsĂ€chlich aber war er Bassist bei Kosmonautentraum und Melodica-Spieler auf der "Subnarcotic"-LP der 39 Clocks (und auf der "Ach Hannover"-MC wirkte er bei Die Unsichtbaren Hand mit).

Dass ich mal im Muzak geschrieben hab, dass Hollow Skai Haarsausfall hat, daran konnte ich mich nicht erinnern, Stimmt aber, im Heft 5 von 1979 zeigt eine ganze Seite Fotos vom (einzigen?) Auftritt von Tiny Trash Und Die Neue Welt (mit E.A. Wehmer am Schlagzeug, Mattus am Bass und Locke an der Gitarre, Fotos von Andreas KĂŒhne) - und dazwischen in ausgeschnittenen Buchstaben "SCHRECKlich! hollow SkAI HAT haarausFall!". Bei einem kurzen Scan durch mehrere Muzak-Ausgaben entdeckte ich auch wiederholte Nickeligkeiten meinerseits in Bezug auf Hollow/Holger Postscheck - ich vermute das beruhte ursprĂŒnglich auf einer Anmerkung im No Fun, dass Muzak ein No Fun-Abklatsch sei. Ich glaube, dass mĂŒssen wir beide mal therapeutisch aufarbeiten.

Ansonsten hĂ€tte mich eine ErwĂ€hnung des ersten No Fun-Festivals von Ende 1978 gefreut. Und wann die Ton-Cooperative Hannover ihr Studio in der Kornstraße hatte mĂŒsste ich mal nachforschen, ich kenne nur den Standort in der Hildesheimer Straße. Und angefangen hat die TonCoop laut discogs in Barsinghausen, obwohl die erste Kontaktadresse Hudeplan 12 in Hannover-Borum war.