Absentiv
Der Begriff des Absentiv wurde im Jahre 2000 als grammatischer Ausdruck von dem niederlĂ€ndischen Linguisten Casper de Groot geprĂ€gt.[1] Der Absentiv stellt eine Verbalform dar, die man in den Bereich Aspekt des Verbs einordnen könnte, und wird verwendet, um auszudrĂŒcken, dass eine Person an einem bestimmten Ort nicht anwesend ist bzw. fĂŒr eine Interaktion nicht zur VerfĂŒgung steht, und die im Infinitiv kodierte Handlung den Grund fĂŒr die Abwesenheit darstellt. Mit einer Aussage wie âThomas ist einkaufenâ wird demnach ausgedrĂŒckt, dass Thomas gerade nicht am Ort des Sprechers ist, weil er einkauft (oder auf dem Weg zum/vom Einkaufen ist).
Der Absentiv ist z. B. in den europĂ€ischen Sprachen Deutsch, Friesisch, NiederlĂ€ndisch, Ungarisch, Italienisch, Norwegisch, Schwedisch, Finnisch und Katalanisch mehr oder weniger ausgebildet zu finden.[2] FĂŒr die deutsche Sprache wird sein Status als eigenstĂ€ndige grammatische Kategorie jedoch von einigen Fachleuten in Frage gestellt.[3][4][5]
Eigenschaften
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Der Absentiv drĂŒckt durch eine grammatikalisierte Konstruktion Abwesenheit aus. Um eine Konstruktion als Absentiv einstufen zu können, muss sie Folgendes ausdrĂŒcken können:
- dass sich eine Person von einem bestimmten Ort (dem âTopikortâ) entfernt hat (z. B. ihr BĂŒro, die Wohnung)
- dass sie auswÀrts einer andauernden, zeitlich begrenzten BeschÀftigung nachgeht (z. B. einkaufen, schwimmen, joggen)
- dass sie auf absehbare Zeit wiederkommen wird, wenn sie ihre BeschĂ€ftigung abgeschlossen hat, d. h. einen Ort nicht fĂŒr immer verlassen hat
- die Konstruktion muss die Abwesenheit ausdrĂŒcken können, ohne zusĂ€tzliche lexikalische AusdrĂŒcke zu benötigen, wie z. B. âwegâ, âauĂer Hausâ, âweggegangenâ
Eine typische Situation ist, dass jemand nach einer anderen Person fragt, die sich aber derzeit auswÀrts befindet, weil sie etwa in die Stadt zum Einkaufen gegangen ist. Die Frage nach ihrem Verbleib kann mit dem Absentiv beantwortet werden. Je nach Sprache kann man den Absentiv aber auch auf sich selbst anwenden.
Deutsche Sprache
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]FĂŒr die deutsche Sprache werden Konstruktionen als Absentiv angenommen, die nach folgenden Regeln gebildet werden:
- das finite Verb âseinâ dient als Hilfsverb
- das Handlungsverb steht im Infinitiv (kein Partizip)
- BezĂŒge auf rĂ€umliche Abwesenheit, etwa â(weg)gegangenâ oder Lokaladverbiale, sind nicht notwendig
Beispiele:
- Karin ist einkaufen.
- Karin ist joggen.
Nicht: Karin ist joggen gegangen. (grammatisch, aber Perfekt von âKarin geht joggenâ; das Perfekt des Absentivs wĂ€re âKarin ist joggen gewesen.â)
In der deutschen Sprache kann der Absentiv auch in der 1. Person verwendet werden:
- Ich habe deine Nachricht erst spÀter gesehen; ich war einkaufen. (= Ich hatte mich von dem Orte entfernt, an dem ich die Nachricht hÀtte sehen können.)
Wenn man ihn in der 1. Person PrĂ€sens verwendet, drĂŒckt er oft eine Handlung in der Zukunft aus:
- Ich bin dann mal wieder arbeiten!
Der Absentiv wird ungrammatisch, sobald man ihn nicht im vorgesehenen Sinne verwendet:
- *PrĂ€sident Obama ist als US-PrĂ€sident die USA regieren (Obama hat den Topikort nicht verlassen und wird auch nicht dorthin zurĂŒckkehren; er ist von vorneherein abwesend und bleibt es auch.)
- *Petra ist auswandern. (Petra hat den Topikort verlassen, wird aber nicht wiederkommen.)
- *Hier stehen ĂŒberall noch Umzugskartons herum, meine Freundin ist auspacken. (die Freundin ist anwesend)
- Mein Bruder ist nicht da; er ist in die Stadt gegangen. (zwar grammatisch, aber kein Absentiv, da die Abwesenheit lexikalisch ausgedrĂŒckt wird)
Der Absentiv kann nicht mit den syntaktisch durch âamâ, âbeimâ oder âimâ gebildeten Verlaufsformen kombiniert werden:
- Peter ist einkaufen. (Absentiv)
- Peter ist am/beim Einkaufen. (Verlaufsform)
Siehe auch
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Elke Hentschel, Petra Vogel (Hrsg.): Deutsche Morphologie. Walter de Gruyter, Berlin / New York 2009, sub verbo Absentiv.
- Svenja König: Institut fĂŒr Deutsche Sprache, Seiten 42â74 PDF-Datei Der Absentiv in der deutschen Gegenwartssprache.
- Sascha Stollhans: âIch bin dann mal Deutsch lernen!â Der Absentiv im DaF-Unterricht. In: German as a Foreign Language 1/2015, S. 44â71.
- Petra Vogel: Anna ist essen! Neue Ăberlegungen zum Absentiv. In: Ljudmila Geist, Björn Rothstein (Hrsg.): Kopulaverben und KopulasĂ€tze: Intersprachliche und intrasprachliche Aspekte. Walter de Gruyter, TĂŒbingen 2007, S. 253â284.
- Thomas Martin Kobel: Bedeutet Ăr isch ga schwĂŒmme das gleiche wie Er ist schwimmen? Eine empirische Untersuchung zu den Perfektformen der schweizerdeutschen Verbverdoppelung und zur Funktion des Absentivs. Dissertation UniversitĂ€t Bern. doi:10.24442/boristheses.2128
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- â de Groot, Casper (2000): The absentive. In: Ăsten Dahl (Hrsg.): Tense and aspect in the languages of Europe. Berlin/New York:693â719.
- â Mar Garachana: absentive im diccionari linguistica auf ub.edu (Universidad de Barcelona).
- â Theodor Ickler: Kein âAbsentivâ im Deutschen: FĂŒr eine sparsamere Grammatik.
- â Werner Abraham: Absent arguments on the Absentive: An exercise in silent syntax. Grammatical category or just pragmatic inference? ( vom 14. Juli 2014 im Internet Archive).
- â Thomas Martin Kobel: Bedeutet Ăr isch ga schwĂŒmme das gleiche wie Er ist schwimmen? Eine empirische Untersuchung zu den Perfektformen der schweizerdeutschen Verbverdoppelung und zur Funktion des Absentivs. Dissertation. Kap. 3.1 Stand der Forschung. Bern 14. August 2020, S. 159â189, doi:10.24442/boristheses.2128 (unibe.ch).