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Atomzeitalter

aus Wikipedia, der freien EnzyklopÀdie
Die US-amerikanische Kleinstadt Arco, Idaho, wurde am 17. Juli 1955 als erste Stadt mit Atomstrom versorgt. Der experimentelle Kernreaktor BORAX-III vom Typ Siedewasserreaktor (SWR) wurde auf dem GelÀnde der ehemaligen National Reactor Test Station (NRTS), heute dem Idaho National Laboratory (INL), aufgebaut und nahm dort seinen Betrieb auf. Das Schild ist am Rathaus von Arco angebracht.

Der Begriff Atomzeitalter steht fĂŒr eine Deutung der jĂŒngeren Zeitgeschichte, in der der Entwicklung und Nutzung der Kernenergie zu zivilen und militĂ€rischen Zwecken ĂŒberragende Bedeutung zuerkannt wird.

FĂŒr den Parallelbegriff Nukleares Zeitalter gibt es eine Unterteilung in Zeitabschnitte (Dekaden), siehe der eigene Abschnitt dazu. Gelegentlich wird je nach zusĂ€tzlicher Untergliederung der einschlĂ€gigen Entwicklungen die Ansicht vertreten, dass sich die Menschheit bereits in der zweiten oder dritten nuklearen Ära befindet.[1] Zudem ist seit dem Zweiten Weltkrieg von einer „nuklearen Welt“ die Rede, die seither die Geopolitik und Sicherheitspolitik maßgeblich beeinflusse.[2]

Zur Zeit des Kalten Kriegs sprach man auch von der „bipolaren nuklearen Welt“, die die Sowjetunion und die USA als einander entgegengesetzte SupermĂ€chte meinte.

Unterdessen geht man etwa seit dem 21. Jahrhundert von einer „multipolaren“ Welt aus, in der eine Reihe von LĂ€ndern mit ziviler Kernenergienutzung und den AtommĂ€chten zu berĂŒcksichtigen sind. Da zahlreiche LĂ€nder ĂŒber die friedliche Nutzung der Atomenergie verfĂŒgen und einige sogar ĂŒber Atomwaffen, ist eine multilaterale (z. B. durch die Internationale Atomenergie-Organisation) und internationale Regulierungs- und Sicherheitspolitik anzustreben.

Einleitende Zusammenfassung

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Der Beginn des Atomzeitalters[3] wird hĂ€ufig mit der Entdeckung der Kernspaltung des schweren Elements Uran durch Otto Hahn, Fritz Straßmann und Lise Meitner (1938), dem ersten Test einer Atombombe (Trinity am 16. Juli 1945 in New Mexico als Ergebnis des Manhattan Engineer District, siehe auch der Smyth Report), oder auch dem kritisch-werden des 1. Kernreaktors der Welt (2. Dezember 1942), dem Chicago Pile 1 in Verbindung gebracht. Man verwendete den Begriff spĂ€testens 1950:

“All the energy that we had been using on earth until the advent of the atomic age had originally come from the sun.”

„Die gesamte Energie, die wir bis zum Beginn des Atomzeitalters auf der Erde verbraucht haben, kam ursprĂŒnglich von der Sonne.“

– William L. Laurence: The Hell Bomb (1950)

Unter „gesamte Energie“ und „ursprĂŒnglich von der Sonne“ wurden zum damaligen Zeitpunkt primĂ€r die fossilen EnergietrĂ€ger verstanden. Im zivilen Bereich schien mit dem Bau von Kernkraftwerken eine neue Energiequelle auf der Basis eines anderen EnergietrĂ€gers bzw. Rohstoffs erfunden worden zu sein. Das Zeitalter der Industrialisierung wurde damals vor allem durch die fossilen EnergietrĂ€ger Kohle und Erdöl vorangetrieben; man suchte nach Auswegen bzw. Alternativen und erkannte das Potential der Kernenergie. Die friedliche Nutzung der Kernenergie wurde unter anderem durch die Atoms-for-Peace-Rede und das gleichnamige Programm ab 1957 eingeleitet. Viele LĂ€nder der Welt begannen damit ein eigenstĂ€ndiges und meist durch die großen Atomnationen gefördertes Atomprogramm. In den USA ĂŒbernahm die Atomic Energy Commission (AEC) die Leitung aller nuklearen AktivitĂ€ten. Die AEC leitete auch die zivile Forschung und Entwicklung, da sie zuvor ab 1946 die militĂ€rische Nutzung (Design und Produktion von Atomwaffen) aus dem Manhattan-Projekt ĂŒbernahm. Der Begriff „Atombombe“ wurde erstmals im Jahr 1914 von dem britischen Autor H. G. Wells in seinem Buch „The World Set Free“ verwendet und wurde nach der Funktionalisierung dieser Waffentechnik fortan als „Kernwaffen“ etabliert.

FĂŒhrende Einrichtungen wie das US-amerikanische Labor Argonne National Laboratory (ANL) entwickelten neue Kerntechnik. Große Organisationen wie die Internationale Atomenergie-Organisation (IAEO) oder die EuropĂ€ische Atomgemeinschaft (Euratom) wurden in dieser Zeit (1950er) gegrĂŒndet. Ebenfalls gab es in anderen Atomnationen, wie der Sowjetunion oder Großbritannien, wissenschaftliche Institute und Einrichtungen die die Kerntechnik entwickelten. In der BRD war die Deutsche Atomkommission fĂŒr die friedliche Entwicklung die Leitorganisation. In der DDR war das Amt fĂŒr Kernforschung und Kerntechnik (AKK) zustĂ€ndig.

Der Kalte Krieg (ab 1947) war gekennzeichnet durch ein WettrĂŒsten zwischen den AtommĂ€chten USA und Sowjetunion (UdSSR). In dieser Zeit wurden massiv Atomwaffen produziert und stationiert. Aus der Spaltbombe („A-Bombe“) wurde zunĂ€chst die bis zu tausendfach stĂ€rkere Wasserstoffbombe („H-Bombe“). Diese wurde zur thermonuklearen Waffe weiterentwickelt und befindet sich bis heute in den Arsenalen der AtommĂ€chte. In den 1980er Jahren schĂ€tzte man die explosive oder destruktive Kraft aller nuklearer Waffen auf etwa 18.000 Megatonnen (Mt). Zum Vergleich: Im Zweiten Weltkrieg wurden insgesamt ca. 3 Mt Ă€quivalent an konventionellen und nuklearen (die beiden Atombomben in Japan eingerechnet) Mittel bzw. Waffen eingesetzt.[4] Es wurde deutlich, dass Atomwaffen ein enormes Vernichtungspotential besitzen, so dass verschiedene Testmoratorien, AbrĂŒstungs- und Nichtverbreitungsverhandlungen begannen. Neben vielen anderen ist hier der Atomwaffensperrvertrag bzw. Nichtverbreitungsvertrag (NVV) zu nennen, der bis heute eine herausragende Rolle in der globalen Sicherheitspolitik spielt.

Ab den 1980er Jahren hĂ€uften sich die Probleme. Vereinzelte NuklearunfĂ€lle hatte es schon vorher gegeben, aber die UnfĂ€lle von Three Mile Island (TMI) in dem Jahr 1979 und die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl in dem Jahr 1986 markierten einen Wendepunkt in der Nutzung der Kernenergie in Bezug auf die Sicherheit kerntechnischer Anlagen. Zudem war der Bestand an Atomwaffen auf einem Höchststand, was ein enormes nukleares Eskalationsrisiko barg (Nuklearer Holocaust). Mit dem Zerfall der Sowjetunion ab ca. 1989 wurden auch die Kernwaffenkomplexe der USA und Sowjetunion (und anderer AtommĂ€chte) abgebaut bzw. transformiert. Einige große Produktionsanlagen wie z. B. Rocky Flats wurden bereits vollstĂ€ndig entsorgt. Die StĂŒckzahlen, Sprengköpfe oder TrĂ€gersysteme, wurden durch weitergefĂŒhrte AbrĂŒstungsabkommen und auch teilweise durch Kooperation der SupermĂ€chte vernichtet (z. B. durch den Soviet Nuclear Threat Reduction Act bzw. Nunn–Lugar Cooperative Threat Reduction (CTR) aus dem Jahr 1991 – ĂŒber CTR wurden auch große Mengen chemische Kampfmittel entsorgt). Im Jahr 2000 verfĂŒgten die USA ĂŒber einen aktiven Bestand von ca. 10.000 nuklearen Sprengköpfen, der in den folgenden Jahrzehnten bis heute auf ca. 3.000 reduziert wurde. Heutzutage verfĂŒgen die LĂ€nder USA und Russland (Stand 2024) gemeinsam rund 8.000 einsatzfĂ€hige atomare Sprengköpfe, was etwa 90 % der Gesamtzahl aller bekannten Atomwaffen entspricht.

Je mehr jedoch ĂŒber die Risiken der Kernenergie bekannt wurde, desto mehr wich die anfĂ€ngliche Euphorie einer zunehmenden Skepsis bis hin zur Ablehnung. In Deutschland wurde die Nutzung der Kernenergie bspw. 1979 unter der Enquete-Kommission „ZukĂŒnftige Kernenergie-Politik“[5] oder dem Stichwort Atomkonsens diskutiert. Man spricht in diesem Zusammenhang auch von einer „Atompolitik“. Nach der Reaktorkatastrophe von Fukushima beschloss das Land Deutschland unilateral ein Atom-Moratorium und trieb den Atomausstieg aus der friedlichen Nutzung der Kernenergie voran. Die SPD und spĂ€ter auch BĂŒndnis 90/Die GrĂŒnen haben sich seit den 1980er Jahren, insbesondere nach der Reaktorkatastrophe von Tschernobyl 1986, fĂŒr einen Ausstieg aus der Kernenergie engagiert.[6] Alle deutschen Kernkraftwerke befinden sich seit 2023 in Dekommissionierung.[7]

In allen LĂ€ndern, die Kernenergie genutzt haben oder noch nutzen, spielt heute die Stilllegung (Dekommissionierung) der Anlagen und die sichere und dauerhafte Entsorgung der radioaktiven AbfĂ€lle eine große Rolle. FĂŒr die NuklearmĂ€chte spielt darĂŒber hinaus das Testverbot (Kernwaffenteststopp-Vertrag) eine herausragende Rolle, d. h. die Anpassung der Entwicklungs- und Erhaltungsarbeiten der Labore finden seit ca. 1994 ohne aktive Tests statt. Hier geht es um die FĂ€higkeit zur Aufrechterhaltung der nuklearen Abschreckung.

Weltweit kommt es seit den 2020er Jahren zu einer Art Renaissance der Kernenergie im Angesicht des sich verschĂ€rfenden Klimawandels und als Alternative zur Nutzung der fossilen Energie.[8] LĂ€nder wie Frankreich, China und die USA setzen seit jeher neben anderen Energiequellen auf die Kernenergie. Anfang Mai 2023 hat sich unter der FederfĂŒhrung Frankreichs eine sogenannte Nuklearallianz formiert, die den Ausbau von derzeit 100 GW Atomstrom auf 150 GW bis 2050 plant.[9][10] Deutschland nahm an dieser Konferenz nicht teil. Die Partei AfD forderte 2024 den Beitritt zu dieser Atomallianz.[11][12] Der Ausbau um 50 GW wird mit der Schaffung von rund einer halben Million ArbeitsplĂ€tzen in Verbindung gebracht. DarĂŒber hinaus arbeiten LĂ€nder weltweit, darunter auch die Industrienation Deutschland, weiterhin intensiv an der Entwicklung der Kernfusion fĂŒr eine mögliche Nutzung als Fusionsenergie in Fusionsreaktoren.

Parallel zu den Entwicklungen des „Atomzeitalters“ begann mit der Entwicklung der Raketentechnik das Zeitalter der Raumfahrt. Des Weiteren lief die Forschung und Entwicklung in der Teilchenphysik an, die bis heute andauert.

Im Folgenden wird eine Zeitleiste mit den wichtigsten Ereignissen des Atomzeitalters in tabellarischer Form dargestellt. Besondere Ereignisse, die bis heute von hoher Bedeutung sind, sind fett markiert.

18. und 19. Jahrhundert

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Datum Ort Ereignis
1789 Berlin Martin Heinrich Klaproth entdeckt in Torbernit und Pechblende ein neues chemisches Element und benennt es nach dem kurz zuvor entdeckten Planeten Uran
1. MÀrz 1896 Paris Henri Becquerel entdeckt die RadioaktivitÀt von Uran.
21. Dezember 1898 Paris Marie und Pierre Curie entdecken bei Untersuchungen von Pechblende das ebenfalls radioaktive Element Radium. Ab diesem Zeitpunkt begann die Erforschung der RadioaktivitÀt im Rahmen der Radiochemie und spÀter in Erweiterung als Kernchemie.

20. Jahrhundert

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Datum Ort Ereignis
19. August 1904 Massachusetts Institute of Technology Samuel Prescott veröffentlicht eine Arbeit ĂŒber die bakterizide Wirkung radioaktiver Strahlung wie sie von Radium ausgeht. Die Grundlage fĂŒr Lebensmittelbestrahlung und Sterilisation mittels ionisierender Strahlung ist gelegt.
1906 Sankt Joachimsthal, Böhmen (heute JĂĄchymov) Das erste „Radiumbad“ eröffnet. Binnen weniger Jahre werben verschiedene – bestehende und neue – Kurorte mit der RadioaktivitĂ€t ihrer Luft oder WĂ€sser. Ob die behauptete Wirkung ĂŒber den Placeboeffekt hinausgeht, ist bis heute nicht bewiesen.
1909 Manchester Laboratory[13] Ernest Rutherford entdeckt den Atomkern durch Beschuss einer Goldfolie mit Alphateilchen.
1913 England Henry Moseley demonstriert im Labormaßstab das Prinzip der Radionuklidbatterie anhand von Radium. Dies ist der erste praktische Vorschlag zur energetischen Nutzung radioaktiver Prozesse.
1914 England Der Autor H. G. Wells fĂŒhre den Begriff „Atombombe“ ein, noch bevor ein derartiger Sprengkörper möglich wurde.
1920er Jahre USA Der Fall der Radium Girls macht die schĂ€dliche Wirkung der Inkorporation grĂ¶ĂŸerer Mengen von Radium einer breiten Öffentlichkeit bekannt. Der Arbeitsschutz beim Umgang mit radioaktiven Stoffen wird erstmals öffentlich diskutiert.
1923 Kopenhagen George de Hevesy entwickelt die Tracermethode, welche bis heute in der Nuklearmedizin und Diagnostik Einsatz findet.
1926 Hermann J. Muller gelingt der Nachweis, dass ionisierende Strahlung in hohen Dosen Mutationen auslösen kann. Damit ist klar, dass RadioaktivitÀt erbschÀdigend und krebserregend wirkt.
Februar 1932 Cambridge James Chadwick weist als erster die Existenz des Neutrons nach. Das neu entdeckte Teilchen erklĂ€rt Isotope und fĂŒhrt zu einer Serie von Experimenten, bei denen Atomkerne mit Neutronen beschossen werden, um diese radioaktiv zu machen.
31. MĂ€rz 1932 Pittsburgh Der Industrielle Eben Byers stirbt an den Folgen des jahrelangen Konsums der pseudowissenschaftlichen „Medizin“ Radithor, deren wirksame Substanz radioaktives Radium war
14. April 1932 Cambridge, UK Ernest Walton und John Cockcroft bombardieren Lithium mit Protonen und erzeugen dabei Alphateilchen – in heutiger Schreibweise 7Li(p,α)4He. Die damalige Presse spricht von „splitting the atom“ (= das Atom spalten). Die Kernreaktion ist jedoch nicht mit der 1938 entdeckten Kernspaltung zu verwechseln, welche durch Neutronen induziert wird.
12. September 1933 London Angeregt durch einen Artikel in der Times, welcher die PraktikabilitÀt der Energiegewinnung mittels des Experiments von Cockcroft und Walton verneint, entwickelt Leo Szilard ein Gedankenexperiment, welches eine nukleare Kettenreaktion beinhaltet. Er meldet daraufhin einen Kernreaktor zum Patent an und erhÀlt selbiges 1936.
1934 Rom Enrico Fermi fĂŒhrt Experimente durch, bei denen Uran mit Neutronen bombardiert wird. Die auftretenden radioaktiven Produkte hĂ€lt er fĂ€lschlicherweise fĂŒr Transurane. Er erhĂ€lt mit dieser irrigen BegrĂŒndung den Physiknobelpreis 1938. TatsĂ€chlich waren die von Fermi beobachten radioaktiven Substanzen Spaltprodukte. Zum Nachweis ebenfalls entstehender Transurane war sein Versuchsaufbau nicht in der Lage.
18. Dezember 1938 Berlin Entdeckung bzw. Nachweis der Kernspaltung durch Otto Hahn und Fritz Straßmann; theoretische ErklĂ€rung der Kernspaltung durch Lise Meitner und Otto Frisch, sowie Niels Bohr und John Wheeler im folgenden Jahr. Die Kernspaltung unterscheidet sich von anderen Kernreaktionen. Neben anderen physikalischen Eigenschaften werden im Vergleich zu chemischen Reaktionen große Mengen Energie (Millionen Elektronenvolt) und zusĂ€tzliche Neutronen frei.
2. August 1939 Princeton Albert Einstein und Leo Szilard drÀngen den amerikanischen PrÀsidenten Franklin D. Roosevelt in einem Brief, die Entwicklung einer Atombombe aufzunehmen, um den Nazis in Deutschland zuvorzukommen.
14. Dezember 1940 Berkeley, Kalifornien Physikern der University of California gelingt erstmals der Nachweis des Elements Plutonium, welches durch Beschuss von Uran mit Deuteronen erzeugt wurde.
Januar 1941 Boston Saul Hertz verabreicht einem Patienten, der an Morbus Basedow leidet, radioaktives Jod-131. Die Behandlung verlÀuft erfolgreich und ist noch heute in Àhnlicher Form als Radiojodtherapie im Einsatz.
1940–1945 Los Alamos, New Mexico Unter der Leitung von J. Robert Oppenheimer u. a. wird im Rahmen des Manhattan-Projekts zusammen mit Großbritannien die erste Atombombe entwickelt. Dazu wurden Labore und Produktionsanlagen entwickelt, gebaut und in Betrieb genommen. Diese Anlagen wurden Anfangs des Kalten Kriegs zu einem Nuklearwaffenkomplex ausgebaut.
1942 Metallurgical Laboratory, Chicago; Berkeley Laboratory Verschiedene Forscher entdecken das neue (und spaltbare) Element 94 – Plutonium. Die erste mittels Ultramikrochemie[14] wĂ€gbare Menge von 2,7×10−6 g Plutoniumoxid wurden von Louis B. Werner und Burris B. Cunningham gewonnen.[15] Das Element wurde wenige Monate vorher von Arthur C. Wahl et al. entdeckt. Er und andere waren in der Forschungsgruppe von Glenn T. Seaborg und Edwin M. McMillan.
23. Juni 1942 Physikalisches Institut der UniversitÀt Leipzig Erster atomarer Zwischenfall der Geschichte: Beim von Werner Heisenberg und Robert Döpel geleiteten Versuch L-IV mit schwerem Wasser und Uranpulver in einer mehrschaligen Metallkugel kommt es zu einer Dampfreaktion und zum Reaktorbrand.
2. Dezember 1942 Chicago, Illinois Der erste menschengemachte Kernreaktor der Welt, Chicago Pile 1, wird kritisch. Dieses Ereignis markiert den Zeitpunkt 0 der zivilen Nutzung, wobei erst ab 1957 durch das „Atoms for Peace“-Programm und das sowjetische Pendant die friedliche Nutzung eingelĂ€utet wurde.
23. April 1945 Haigerloch, Baden-WĂŒrttemberg Im Rahmen der Alsos-Mission entdecken amerikanische Soldaten den Forschungsreaktor Haigerloch, den letzten gescheiterten Versuch des Uranvereins, KritikalitĂ€t zu erreichen. Wenige Tage spĂ€ter werden die beteiligten Forscher gefangen genommen und in Farm Hall interniert, um den Stand des deutschen Kernwaffenprojekts durch Abhören der Beteiligten zu ergrĂŒnden.
16. Juli 1945 White Sands Proving Ground, New Mexico Erste ZĂŒndung einer Atombombe: Trinity-Test. Das explosive GerĂ€t wurde am 16. Juli 1945 in der WĂŒste von New Mexico gezĂŒndet. Dieses Ereignis markiert den Beginn oder den Zeitpunkt 0 der militĂ€rischen Nutzung der Kernenergie.
6. August 1945 und 9. August 1945 Hiroshima und Nagasaki Erster militĂ€rischer Einsatz von Atombomben. Weit ĂŒber 200.000 Menschen sterben direkt oder an den SpĂ€tfolgen der AtombombenabwĂŒrfe. GlĂŒcklicherweise sind die beiden Ereignisse bis heute die einzigen EinsĂ€tze von Kernwaffen in Kampfhandlungen in der Geschichte der militĂ€rischen Nutzung der Kernenergie.
1946 Washington, D.C. Der Atomic Energy Act of 1946 wird zum Gesetz. Alle Kernreaktoren und Kernanlagen seit dem Manhattan-Projekt sind der US-Regierung unterstellt, d. h. Eigentum der US-Regierung bzw. in Bundesbesitz. Das Gesetz regelt bereits spaltbares Material, usw.
1946–1990 Erzgebirge Die Wismut baut insgesamt ĂŒber 200.000 Tonnen Uran ab, von denen ein Großteil in die UdSSR geliefert wird, und dort sowohl zivilen als auch militĂ€rischen Zwecken dient.
1946–1952 Washington, D.C. GrĂŒndung der United Nations Atomic Energy Commission (UNAEC), einem Vorreiter der spĂ€teren Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO). Die UNAEC scheiterte damit, die Kernenergie fĂŒr friedliche Zwecke zu regulieren. Speziell sollte die Verbreitung von Kernwaffen verhindert werden. Grundlage war u. a. der Baruchplan (1946–1947), welcher mit 2 zu 10 Stimmen von Polen und der Sowjetunion abgelehnt wurde. Siehe auch David E. Lilienthal und Dean Acheson. Die USAEC war bereits seit 1949 inaktiv und wurde schließlich im Jahr 1952 abgeschafft. Der Kalte Krieg hat in diesem Zeitraum begonnen.
4. April 1949 Washington, D.C. Unterzeichnung des Nordatlantikvertrags und GrĂŒndung der NATO. Wenige Jahre spĂ€ter werden US-amerikanische Atomwaffen Teil der Abschreckungstrategie der NATO. Diese werden in Großbritannien und anderen europĂ€ischen LĂ€ndern stationiert (und spĂ€ter auch wieder abgezogen). Die nukleare Teilhabe bzw. die „verlĂ€ngerte nukleare Abschreckung“ beschreibt bis heute die Planung und Nutzung im Ernstfall.
29. August 1949 Semipalatinsk Die erste sowjetische Atombombe (basierend auf Kernspaltung, viz. Spaltbombe) wird gezĂŒndet, das GerĂ€t RDS-1. Damit beginnt das atomare WettrĂŒsten.
1950 Washington, D.C. PrĂ€sident Harry S. Truman beschließt den Bau einer US-amerikanischen Wasserstoffbombe.
27. Oktober 1951 London, Ontario Zum ersten Mal wird eine Kobaltkanone in der Krebstherapie eingesetzt.
20. Dezember 1951 Idaho National Laboratory Der Experimental Breeder Reactor I erzeugt genug Strom um (zu Demonstrationszwecken) vier GlĂŒhbirnen zum Leuchten zu bringen. Eine Einspeisung in öffentliche Stromnetze erfolgt jedoch nicht. Es wurde frĂŒh klar, dass die verfĂŒgbaren Mengen Uran-238 fĂŒr Brutreaktoren geeignet wĂ€ren, da konzentriertes Uran-235 aufwendig in der Herstellung ist.
3. Oktober 1952 Großbritannien Großbritannien testet seine erste Spaltbombe als Teil der Operation Hurricane.
1. November 1952 Enewetak Atoll Der erste Test einer Wasserstoffbombe („Ivy Mike“) mit 10,4 Mt TNT Sprengkraft, rund 700mal stĂ€rker als die Hiroshima-Bombe.
1954 Washington, D.C. Der Atomic Energy Act of 1946 wird verĂ€ndert und zum heute noch gĂŒltigen Atomic Energy Act of 1954. Die Änderungen erlauben z. B. der US-Industrie den Auf- und Ausbau der friedlichen Nutzung der Kernenergie.
21. Januar 1954 Groton (Connecticut) Stapellauf der Nautilus, des ersten nuklear angetriebenen U-Boots der Welt.
26. Juni 1954 Obninsk Inbetriebnahme des ersten kommerziellen Kernkraftwerks mit einer Leistung von 6 MW, das АЭХ-1.
1950er Großbritannien und Europa (Deutschland) Die USA stationierten diverse Atomwaffen im Westen (Europa), um der Sowjetunion entgegenzutreten. Großbritanniens eigenes Atomwaffenarsenal war Anfang der 1950er Jahre noch im Aufbau, da das Land 1946 von der Entwicklung gemeinsam mit den USA ausgeschlossen wurde. Ab 1955 formiert sich der Warschauer Pakt. Ab etwa 1958 kooperierten die USA und Großbritannien wieder in Sachen Kerntechnik.
22. November 1955 Semipalatinsk Die UdSSR zĂŒndet und testet einen (Ă€hnlich dem Teller-Ulam-Prinzip) entwickelten Kernsprengkopf, das GerĂ€t RDS-37.
1957 Peking, China In China beginnt das Projekt „Zwei Bomben, ein Stern“ (䞀ćŒč䞀星), wobei „Stern“ fĂŒr Satellit steht.
4. Oktober 1957 Moskau Sputnik 1 setzt den Wettlauf in der Raumfahrt zwischen den LÀndern und USA und UdSSR in Gang. Wenig spÀter, Anfang der 1960er Jahre, wurden die ersten Interkontinentalraketen (ICBM), z. B. die Atlas der USA und die R-7 der UdSSR einsatzbereit.
12. Dezember 1957 Rossendorf, DDR In der DDR wird der erste Forschungsreaktor Rossendorfer Forschungsreaktor (RFR) wird kritisch.
1953–1957 Washington, D.C., Moskau und weltweit Ab 1957 wurde die friedliche Nutzung der Kernenergie durch das „Atoms for Peace“-Programm weltweit eingelĂ€utet. Die Atomic Energy Commission (AEC) war ab 1946 fĂŒr die Herstellung und Produktion von amerikanischen Atomwaffen zustĂ€ndig und ab 1957 auch fĂŒr die Förderung der Kerntechnik fĂŒr friedliche Zwecke. In der ehem. Sowjetunion waren die AblĂ€ufe Ă€hnlich. Als zentrale Forschungsplattform wurde das Joint Institute for Nuclear Research (JINR) „Dubna“ gegrĂŒndet.
25. MĂ€rz 1957 Europa GrĂŒndung der EuropĂ€ischen Atomgemeinschaft (Euratom). Auf dieser Grundlage wurde auch die Gemeinsame Forschungsstelle gegrĂŒndet, die in Teilen Nuklearforschung betreibt.
29. Juli 1957 Wien, weltweit GrĂŒndung der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEO bzw. IAEA), welche ihre Arbeit aufnimmt. Die Organisation soll die friedliche Nutzung der Kernenergie fördern. Zuvor war die United Nations Atomic Energy Commission (UNAEC) mit dieser Aufgabe vertraut, scheiterte jedoch (siehe das Jahr 1946).

Die IAEO ĂŒbernimmt die Überwachung von Atomanlagen und insbesondere die Verhinderung der Proliferation von Kernwaffen. Sie sichert den Atomwaffensperrvertrag (NVV) von 1968 durch ihre Maßnahmen (Safeguards) und Inspektionen.

31. Oktober 1957 Garching bei MĂŒnchen Der Forschungsreaktor MĂŒnchen geht in Betrieb. Er ist der erste Kernreaktor in Deutschland, welcher KritikalitĂ€t erreicht.
8. November 1957 Großbritannien; Pazifik Das Land zĂŒndet seine erste erfolgreiche Wasserstoffbombe nach dem Prinzip von Teller-Ulam.
1958 Washington, D.C., London, GB Beide LÀnder beenden nach ca. 12 Jahren ihre RivalitÀten (genauer, die nicht Zusammenarbeit nach dem Manhattan-Projekt) und Revitalisieren ihre Kooperation in Themen der nuklearen Sicherheit durch den Mutual Defense Agreement Vertrag.
1958 Stuttgart Lebensmittelbestrahlung wird weltweit erstmals kommerziell eingesetzt – in diesem Fall zur Haltbarmachung von GewĂŒrzen, welche nach wie vor die Anwendung ist, welche in Europa am meisten im Handel zu finden ist.
1959 Moskau; Peking Die Sowjetunion unter Nikita Chruschtschow beendet unilateral ihre UnterstĂŒtzung fĂŒr China's Atomprogramm. Die Beziehung der beiden LĂ€nder ist auch unter Chinesisch-sowjetisches ZerwĂŒrfnis dokumentiert. China setzt sein Atomprogramm sowohl friedlich als auch militĂ€risch eigenstĂ€ndig fort.
1959 Boulder, CO; NIST Die erste Atomuhr der Welt (NBS-1) nimmt ihren regulĂ€ren Betrieb auf.[16] Die Grundlagen fĂŒr ihre Erfindung reichen bis ins Jahr 1945 zurĂŒck. Die Atomuhr ist nicht der Zeitgeber des Atomzeitalters.
13. Februar 1960 Paris; Algerien Die Nation Frankreich testet ihre erste Spaltbombe in der WĂŒste von Algerien unter dem Namen Gerboise Bleue.
17. Juni 1961 Deutschland Das Kernkraftwerk Kahl war das erste deutsche Kernkraftwerk, das Strom aus Kernenergie ins deutsche Netz einspeiste.
30. Oktober 1961 Nowaja Semilja Bis heute heftigste nukleare Explosion: Die sowjetische Zar-Bombe (GerĂ€t AN602) mit einer Sprengkraft von mindestens 50 Mt TNT (entsprechend ĂŒber 3300 Hirsohima-Bomben).
14. bis 28. Oktober 1962 Kuba Der Versuch der Sowjetunion, auf Kuba nukleare Mittelstreckenraketen zu stationieren, löst die Kuba-Krise aus, die die Welt bis an den Rand eines Atomkriegs fĂŒhrt.
10. Oktober 1963 Moskau Ein Vertrag ĂŒber das Verbot von Kernwaffenversuchen (LTBT) verbietet Kernwaffentests im Wasser, in der AtmosphĂ€re und im Weltall. Es gab bereits zuvor Testmoratoria zwischen den USA und der UdSSR. Der LTBT-Vertrag ist jedoch ein wichtiger Meilenstein. Es folgen weitere Abkommen.
16. Oktober 1964 KernwaffentestgelĂ€nde Lop Nor, China Die Volksrepublik, damals unter Mao, zĂŒndet seine erste Spaltbombe, das GerĂ€t 596.
1966 Paris Frankreich verlÀsst den MilitÀrausschuss der NATO und zieht damit seine nuklearen StreitkrÀfte ab, bzw. die StreitkrÀfte sind nicht mehr Teil der NATO-Planung (siehe auch die Nukleare Planungsgruppe).
24. August 1968 Pazifik Die Nation Frankreich zĂŒndet und testet ihre erste Wasserstoffbombe im Pazifik als Teil der OpĂ©ration Canopus.
1968 Washington, D.C., London, Moskau; Pjöngjang, Nordkorea Zeichnung des Nuklearen Nichtverbreitungsvertrags (NVV/NPT) bzw. Nuclear Non-Proliferation Treaty (NPT), welcher heute noch der gĂŒltige und vermutlich wichtigste Vertrag zur UnterdrĂŒckung der Verbreitung von Atomwaffen ist. Alle fĂŒnf AtommĂ€chte haben den NVV unterzeichnet und ratifiziert. Die AtommĂ€chte Frankreich und China sind dem NVV jedoch erst 1992 beigetreten.[17] Die anderen AtommĂ€chte (Indien, Pakistan) haben den NVV hingegen nicht unterzeichnet. Ebenso hat Israel den Vertrag nicht unterzeichnet, denn das Land ist vermutlich im Besitz von Atomwaffen ist. Nordkorea hat den Vertrag zunĂ€chst unterschrieben (1985) und spĂ€ter wieder gekĂŒndigt (2003).
1968 Iran Das Land unterzeichnet und ratifiziert (1970) den Nichtverbreitungsvertrag (NVV). Ab dem Jahr 2002 werden Details ĂŒber das iranische Atomprogramm bekannt, die der Atomgemeinschaft Sorgen bereiten. Das Land ist Stand 2025 immer noch Mitglied des NVV/NPT-Vertrags.
1969 Bonn Deutschland unterzeichnet den Nichtverbreitungsvertrag (NVV). Der Vertrag wird 1975 ratifiziert.[18]
1974 Frankreich Premierminister Pierre Messmer verkĂŒndet in Folge der Ölkrise ein Bauprogramm fĂŒr Kernkraftwerke, welches als „Messmer-Plan“ in die GeschichtsbĂŒcher eingeht. Bis 1989 gehen 56 neue Reaktoren in Betrieb. Bis heute stammt ein großer Teil der ElektrizitĂ€t in Frankreich aus Kernkraft.[19]
18. Mai 1974 Indien Die Atomnation Indien testet ihr erstes nukleares explosives GerĂ€t (viz. Atombombenprototyp) mit dem Namen „Smiling Buddha“. Die Weltgemeinschaft Ă€ußerte sich angesichts der Nichtverbreitungspolitik schockiert und ergriff neue Maßnahmen, beispielsweise die GrĂŒndung der Gruppe der nuklearen Zulieferer. Indien und Pakistan haben den NVV/NPT-Vertrag nie (Stand 2025) unterschrieben.
1977 Shippingport Am Kernkraftwerk Shippingport wird erstmals Thorium als Brutstoff verwendet. Als fĂŒnf Jahre spĂ€ter der Brennstoff entnommen wird, enthĂ€lt er mehr spaltbares Material als zu Beginn des Brennstoffzyklus. Die Brutzahl dieses thermischen Brutreaktors war also grĂ¶ĂŸer als 1.
28. MĂ€rz 1979 Harrisburg, Pennsylvania Im Kernkraftwerk Three Mile Island (TMI) kommt es zu einem Reaktorunfall, der zu einer teilweisen Kernschmelze fĂŒhrt. Verletzte oder TodesfĂ€lle sind am Unfalltag nicht zu beklagen, doch die unzureichende Kommunikation öffentlicher Stellen und sensationslĂŒsterne Presseberichterstattung fĂŒhren zu Verunsicherung der Bevölkerung.
1980 Berkeley Einem Team um NobelpreistrÀger Glenn Seaborg gelingt es, mittels kernphysikalischer Methoden, einige tausend Atome des Elements Bismuth in Gold zu transmutieren.[20]
1985 Pjöngjang, Nordkorea Nordkorea unterzeichnet den Nichtverbreitungsvertrag (NVV/NPT).
26. April 1986 Prypjat, Tschornobyl Die Explosion eines Kernreaktors im Kernkraftwerk Tschernobyl setzt große Mengen RadioaktivitĂ€t frei und verursacht die Nuklearkatastrophe von Tschernobyl. Dies ist der bisher schlimmste Zwischenfall in der zivilen Nutzung der Kernenergie. Mehrere Mitarbeiter des Kraftwerks und der Betriebsfeuerwehr erleiden teils tödliche Verletzungen, Verbrennungen sowie die Strahlenkrankheit.
Ab 1992 bis heute USA, ehem. UdSSR Mit dem Zerfall der Sowjetunion folgt eine Übergangsphase und dann ZĂ€sur sĂ€mtlicher aktiven Nuklearwaffentests durch Um- und Abbau des alten Kernwaffenkomplexe der USA und UdSSR im Rahmen des Umfassenden Atomteststoppvertrag (CTBT). Damit verbunden war die Entsorgung einer großen StĂŒckzahl an Kernsprengköpfen und TrĂ€gersystemen, die Sicherung von spaltbarem Material und folglich der Umbau aller Labore hin zu einem Nichttest-Betrieb, der weiterhin ĂŒber die notwendigen technischen KapazitĂ€ten fĂŒr Kernwaffen verfĂŒgt. Andere AtommĂ€chte wie Frankreich oder Großbritannien sind den USA und Russland gefolgt. China hat ebenso einen Umbau in Gang gesetzt.

21. Jahrhundert

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Datum Ort Ereignis
Ab 2002 Iran Seit Ende der 1960er Jahre versucht der Iran, ein ziviles bzw. friedliches Atomprogramm aufzubauen. Ab 2002 werden jedoch kerntechnische Anlagen bekannt, die erste Vermutungen eines militÀrischen Programms nahelegen.[21] Auch das Land Deutschland ist an GesprÀchen mit dem Iran beteiligt, da die ehemalige KWU ab den 1970er Jahren ein Kernkraftwerk (KKW) Buschehr teilweise geliefert hat.
2003 Pjöngjang, Nordkorea Das Land kĂŒndigt den Nichtverbreitungsvertrag (NVV), welchen es 1985 unterschrieben hat. Seit dieser Zeit werden die kerntechnischen Anlagen (NyƏngbyƏn u. a.) punktuell von der IAEA und US-amerikanischen Experten (Siegfried Hecker u. a.) inspiziert. Seither betreiben die USA und SĂŒdkorea Diplomatie mit dem Land.
31. MĂ€rz 2003 Sellafield, GB Eines der erste kommerziellen Kernkraftwerke der westlichen Welt, Calder Hall, beendet seinen Betrieb nach ĂŒber 47 Jahren Betriebszeit.[22] Neben Strom produzierte Calder Hall auch das Waffenplutonium fĂŒr das britische Kernwaffenarsenal.
2004 Eurajoki, Finnland Die Bauarbeiten fĂŒr das weltweit erste tiefengeologische Endlager fĂŒr „abgebrannten“ Brennstoff beginnen.
Ab 2006 Pjöngjang, Nordkorea Das Land testet einen vermuteten nuklearen Sprengkörper (Prototyp). Es war der erste Test einer Reihe, von der bis heute (Stand 2025) sechs Untergrundtests durchgefĂŒhrt wurden. Der letzte Test fand im Jahr 2017 statt.
11. MĂ€rz 2011 Fukushima, Japan Ein Erdbeben und der anschließende Tsunami fĂŒhrten im Kernkraftwerk Fukushima zu mehreren Kernschmelzen. In der Folge stellte Japan nahezu alle seine Kernkraftwerke in Betrieb ein. Nach den UnfĂ€llen von Three Mile Island (TMI) im Jahr 1979 und Tschernobyl im Jahr 1986 ist dieser Vorfall der gravierendste Reaktorunfall in der Geschichte der zivilen Nutzung der Kernenergie. Im Gegensatz zu den anderen beiden UnfĂ€llen, die durch technische Defekte und menschliches Versagen verursacht wurden, war der Fukushima-Unfall das Resultat eines natĂŒrlichen Ereignisses, kombiniert mit unzureichenden Sicherheitsvorkehrungen und Notfallmaßnahmen.
30. Juni 2011 Berlin Der deutsche Bundestag beschließt den Ausstieg aus der Nutzung der Kernenergie zur Stromerzeugung.
Ab 2012 Pjöngjang, Nordkorea Das Land Nordkorea erklĂ€rt sich selbst zur Atommacht.[23] Über eine Dekade erstreckt sich die Konkretisierung dieses Statements.[24]
31. Dezember 2013 Nanticoke, Ontario Im Zuge des Kohleausstiegs der kanadischen Provinz Ontario geht das ehemals 4 GW Nennleistung besitzende Kohlekraftwerk Nanticoke vom Netz. Der Kohleausstieg wurde auch durch die (Wieder-)Inbetriebnahme von Kernkraftwerken an den Standorten Bruce und Darlington ermöglicht.
2015 Japan Seit dem ReaktorunglĂŒck Fukushima reaktiviert Japan Zug um Zug seine Kernkraftwerke wieder. Seit 2011 wurden 14 Leistungsreaktoren reaktiviert.[25]
2016 Großbritannien Das Land beginnt mit dem Bau neuer Atom-U-Boote der Dreadnought-Klasse.
1. Juni 2021 Königstein Die letzte Lieferung mit Uran aus dem Erzgebirge, welche im Zuge des Sanierungsbergbaus gewonnen wurde, verlÀsst den Betrieb. Damit endet der Uranbergbau in Deutschland.
2021 Polen Das Land beschließt den Einstieg in die Nutzung der Kernenergie.[26]
2022 Die fĂŒnf Atomwaffenstaaten Die fĂŒnf Atomwaffenstaaten (USA, Russland, GB, Frankreich und China) veröffentlichen die Gemeinsame ErklĂ€rung der Staats- und Regierungschefs der fĂŒnf Kernwaffenstaaten zur VerhĂŒtung eines Atomkriegs und zur Vermeidung eines WettrĂŒstens.[27]
2022 USA Die USA beginnen mit dem Bau neuen Atom-U-Boote der Columbia-Klasse. Die Vorbereitungen dazu laufen seit ca. 2010. Die Leitorganisation fĂŒr maritime nukleare Antriebe ist Naval Reactors.
September 2022 Schweiz Die Schweiz, welche Kernenergie bis heute nutzt, beschließt die Endlagerung ihrer radioaktiven AbfĂ€lle. Die Behörde Nationale Genossenschaft fĂŒr die Lagerung radioaktiver AbfĂ€lle (Nagra) verwaltet die entsprechenden AktivitĂ€ten.
15. April 2023 Deutschland Mit der Abschaltung der letzten Kernkraftwerke Isar 2, Neckarwestheim 2 und Emsland endet in Deutschland die Nutzung der Kernenergie zur Stromerzeugung.
Mai 2023 Europa Mehrere europĂ€ische LĂ€nder, jedoch nicht Deutschland, grĂŒnden eine sogenannte Nuklearallianz. Das Ziel besteht darin, die europĂ€ischen KernenergiekapazitĂ€ten von derzeit rund 100 GW bis 2050 auf 150 GW auszubauen.[9][10]
Dezember 2023 Großbritannien Der europĂ€ische Forschungsfusionsreaktor Joint European Torus (JET) zĂŒndet nach genau 40 Jahren Experimenten sein letztes Plasma. JET wurde von der United Kingdom Atomic Energy Authority (UKAEA) aufgebaut und erprobt.
Juli 2024 Deutschland In Deutschland wird ein Untersuchungsausschuss Atom gestartet.
16. April 2023 Olkiluoto, Finnland Block 3 des Kernkraftwerk Olkiluoto nimmt den kommerziellen Betrieb auf. Es ist das letzte Kernkraftwerk an dessen Bau Siemens in grĂ¶ĂŸerem Ausmaß beteiligt war. Gleichzeitig geht der Reaktortyp EPR in erheblichem Ausmaß auf Entwicklungen des Konvoi / Baulinie 80 der KWU zurĂŒck und wurde ursprĂŒnglich (auch) fĂŒr den deutschen Markt entwickelt.
2024 Kasachstan Kasachstan ist ein wichtiger Lieferant von Kernbrennstoff (Uranerzgewinnung bis Yellowcake). Bis 1999 erzeugte das Land eigenen Atomstrom (Kernkraftwerk Aqtau). Durch die NeugrĂŒndung einer Atomenergiebehörde[28] wurde nun der Auftrag fĂŒr den Neubau eines Kernkraftwerks an die Rosatom[29] (und ihre Tochtergesellschaften fĂŒr den Kraftwerksbau) sowie an die China National Nuclear Corporation (CNNC) erteilt.[30] Bis 2035 sollen rund 2,4 GWe KapazitĂ€t erreicht werden.[31] Das KKW soll bei Ulken am Balchaschsee liegen.
Februar 2025 Belgien Das Land Ă€ndert seine EnergieplĂ€ne. Auch in Zukunft will Belgien auf Atomenergie setzen.[32] Die KapazitĂ€t von bisher 4 GW soll auf 8 GW ausgebaut werden.[33] Das belgische Atomenergieprogramm geht bis in die 1950er Jahre auf das Forschungszentrum SCK‱CEN in Mol zurĂŒck.
Mai 2025 Washington, D.C. und Deutschland
Juni 2025 Japan, GB, Israel, Iran, Washington, D.C.
  • Japan beschließt ein Gesetz, das den Betrieb von Kernreaktoren ĂŒber 60 Jahre hinaus erlaubt;[36]
  • Die Regierung von Großbritannien investiert rund 14 Milliarden Pfund in Bau von Sizewell C, einem EuropĂ€ische Druckwasserreaktoren (EPR) basierten Kernkraftwerk welches Strom fĂŒr 6 Mio. Haushalte liefern wird;[37]
  • Da Diplomatie und Verhandlungen ĂŒber das iranische Atomprogramm seit ĂŒber zwei Jahrzehnten (vgl. das Jahr 2002) keine signifikanten Fortschritte erzielt haben, haben das israelische MilitĂ€r als Teil der Operation Rising Lion[38] und spĂ€ter auch die USA als Teil der Operation Midnight Hammer[39] prĂ€ventiv damit begonnen, diverse kerntechnische Anlagen des Irans zu bombardieren. Ein Ă€hnliches Vorgehen gab es bereits in den 1980er Jahren, als das israelische MilitĂ€r im Rahmen der Operation Opera eine Atomanlage im Irak bombardierte. Die EU-3-LĂ€nder veröffentlichen ein gemeinsames Statement zu der Situation.[40][41]
  • Die Weltbank beendet nach Jahrzehnten (spezielle ab 2013) ihre Sperren (Wissen in Kerntechnik und Investitionen) in die Nutzung der Atomenergie.[42] Im Fokus stehen die EntwicklungslĂ€nder.[43] Wenige Tage zuvor hat das Land Deutschland seinen Widerstand gegen die Einstufung der Kernenergie als nachhaltig aufgegeben. (Siehe auch European Green Deal)
November 2025 Japan Der Gouverneur der Region Niigata hat grĂŒnes Licht fĂŒr den Neustart des grĂ¶ĂŸten Kernkraftwerks der Welt gegeben: der Kashiwazaki-Kariwa-Nuklearanlage (KNPS), die von Tepco betrieben wird.[44][45] Im Zuge der Katastrophe von Fukushima 2011 wurden alle Blöcke des KKW abgeschaltet und seitdem finden umfangreiche Erneuerungs- und Sicherheitsmaßnahmen (speziell gegen Tsunami) statt. Die verwendete Kernreaktortechnologie ist die des Siedewasserreaktors und die sieben Reaktoren liefern etwa 8,2 GWe.
Sommer 2026 Saudi-Arabien, USA Saudi-Arabien und die USA schließen ein langfristiges (30-jĂ€hriges) Abkommen ĂŒber die zivile Nutzung der Kernenergie.[46][47] Genauer wurde ein 123-Agreement vereinbart, welches die zivile (friedliche) Nutzung und Kooperation regelt.[48][49] Diese Ereignisse stehen im Zusammenhang mit dem Irankrieg, aber auch mit der jahrzehntelangen Energie- und Sicherheitspartnerschaft beider LĂ€nder, vgl. die Petrodollarpolitik. Angesichts der zahlreichen Konflikte im Nahen Osten und der Spannungen zwischen den arabischen LĂ€ndern und Israel wirft der noch relativ aktuelle Deal einige Fragen auf.[50]

Die Konrad-Adenauer-Stiftung (KAS) unterscheidet zwischen drei „nuklearen Zeitaltern“. Als „erstes nukleares Zeitalter“ definiert die KAS den Zeitraum von 1945 bis 1991,[51] als „zweites nukleares Zeitalter“ den Zeitraum von 1991 bis 2014[52] und als „drittes nukleares Zeitalter“ den Zeitraum seit 2014.[53]

Die Stiftung fasst die Entwicklung seit 1991 mit den Worten zusammen: „Das zweite nukleare Zeitalter, das mit dem Ende des Kalten Krieges eingelĂ€utet wurde, wurde von dem gemeinsamen Schreckgespenst ‚abtrĂŒnniger‘ nuklearer Akteure heimgesucht. [
] Das dritte nukleare Zeitalter, das potenziell gefĂ€hrlicher ist als seine VorgĂ€nger, entstand vorwiegend abseits der hart erkĂ€mpften Abkommen, die im Kalten Krieg ein gewisses Maß an Sicherheit boten. In den neuen Strategien ist fĂŒr die Nuklearwaffen keine Abschreckungsfunktion vorgesehen, und die Investitionen in ihre Modernisierung signalisieren, dass sich das auch in Zukunft wenig Ă€ndern wird. Geheimhaltung, Spaltung, weniger Zeit fĂŒr Entscheidungen und eine höhere Unfallwahrscheinlichkeit kennzeichnen die Cyberwelt des dritten nuklearen Zeitalters. Beteuerungen, ein Atomkrieg könne nicht gewonnen werden und dĂŒrfe niemals gefĂŒhrt werden, wirken mittlerweile phrasenhaft.“

MilitÀrische Nutzung der Atomenergie

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Kernwaffen und ihre Funktion

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Atombomben richten Zerstörungen in einem vor dem Atomzeitalter unbekannten Ausmaß an. Die Energie wird in Form von Hitze, Druck und radioaktiver Strahlung wirksam. In einem weltweiten thermonuklearen Krieg wĂŒrden ganze Kontinente mit FlĂ€chenbrĂ€nden ĂŒberzogen, die weltweit zu einem vermuteten „nuklearen Winter“ mit sonnenundurchlĂ€ssigen Rauchwolken und Temperaturen unterhalb des Gefrierpunktes fĂŒhren wĂŒrden. Lebensmittelrationen etwaiger Überlebender könnten nach ihrem Verbrauch nicht (hinreichend) durch neue Ernten ersetzt werden, und die Überlebenden wĂŒrden an der ErdoberflĂ€che konstant einer hohen Strahlendosis ausgesetzt sein, die sie krank machen und ihr Erbgut schĂ€digen wĂŒrde. Ein langfristiges Überleben der Menschheit wĂ€re damit ausgeschlossen. Die Aussage, ein globaler Atomkrieg fĂŒhre zu einer „Vernichtung der Menschheit“ (nuklearer Holocaust), ist also keine ĂŒbertriebene BefĂŒrchtung.

20. Jahrhundert von 1945 – 1991 (Kalter Krieg)

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Die Convair B-36J „Peacemaker“ war einer der ersten strategischen Bomber des Strategic Air Command (SAC). Sie konnte alle bis dahin gebauten (meist schweren) US-Atomwaffen tragen. Mit Bezeichnungen wie „Peacemaker“ wollten die USA auf ihre friedlichen Absichten im Rahmen der nuklearen Abschreckung hinweisen. Damals basierte die MilitĂ€rstrategie auf der Massiven Vergeltung. Aufnahme von 2013, GerĂ€t geparkt am Pima Air & Space Museum.

Mit dem „Gleichgewicht des Schreckens“, das seit 1949 bestand (dem Zeitpunkt der ersten ZĂŒndung einer sowjetischen Atombombe), wurden auch Hoffnungen verbunden. Der Politologe und Friedensforscher Klaus JĂŒrgen Gantzel zieht diesbezĂŒglich die Lehre des MilitĂ€rtheoretikers Carl von Clausewitz heran und bemerkte, in Kriegen gehe es darum, dass der StĂ€rkere in einem „erweiterte[n] Zweikampf“[54] den SchwĂ€cheren besiege, wonach jener diesem seinen Willen aufzwingen könne. Im Atomzeitalter jedoch sei unter den Bedingungen des atomaren RĂŒstungswettlaufs der SupermĂ€chte wĂ€hrend der zweiten HĂ€lfte des 20. Jahrhunderts das Overkill-Potential so groß geworden, dass die Menschheit bereits vernichtet wĂ€re, bevor das Arsenal beider Seiten erschöpft wĂ€re. Dadurch habe die Kategorie des Sieges ihren Sinn verloren; es gĂ€be keine Kriegsgewinner mehr und damit auch keinen Anreiz, einen Krieg zu beginnen. „Daß mit solchen Massenvernichtungswaffen keine Politik mehr zu machen sei, könnte als tiefere Einsicht hinter den Verabredungen zwischen Reagan und Gorbatschow am 10. Oktober 1986 in Reykjavik gestanden haben, mit denen sie das Ende des Ost-West-Konflikts und erste wirkliche AbrĂŒstungsschritte einlĂ€uteten, was immer die unmittelbaren Interessen der beiden SupermachtfĂŒhrer und ihrer Berater gewesen sein mögen...“[55]

Die neue Dimension des Atomzeitalters besteht unter anderem darin, dass zwei Staaten, die beide Atomwaffen besitzen, nicht mehr auf das Instrument des KrĂ€ftemessens im Krieg gegeneinander zurĂŒckgreifen können, ohne das Risiko der raschen und völligen Vernichtung der eigenen Bevölkerung, wenn nicht der ganzen Menschheit in Kauf zu nehmen. Die auf der Konferenz von Jalta beschlossene Aufteilung der Welt, die sogenannte „bipolare“ (an den „Polen“ Washington und Moskau als Machtzentren orientierte) Welt, hatte wĂ€hrend der Dauer des Kalten Krieges im Wesentlichen Bestand, was einige als Erfolg der atomaren Abschreckung,[56][57] andere als glĂŒcklichen Zufall bewerten.[58][59]

Die Informationsseite „atomwaffen a–z.info“ weist darauf hin, dass seit 1953 stĂ€ndig das „nukleare Tabu“ von Politikern und MilitĂ€rstrategen in Frage gestellt worden sei, wonach Atomwaffen nicht dem Zweck dienten, eingesetzt zu werden, sondern lediglich abschreckend wirken sollten.[60]

Das Ende des Kalten Krieges wurde durch den Abschluss des INF-Vertrags (des Washingtoner Vertrags ĂŒber nukleare Mittelstreckensysteme) eingeleitet. Dieser Vertrag wurde am 8. Dezember 1987 von dem US-PrĂ€sidenten Ronald Reagan und Michail Gorbatschow, dem GeneralsekretĂ€r der KPdSU, unterzeichnet; er trat am 1. Juni 1988 in Kraft. Mit dem Vertrag wurde die AbrĂŒstung aller Mittelstreckenraketen der USA und der Sowjetunion mit einem Reichweitenbereich von 1000 bis 5500 Kilometer und aller Kurzstreckenraketen mit einem Reichweitenbereich von 500 bis 1000 Kilometer vereinbart.

Mit dem Ende des Ost-West-Konflikts und den begleitenden atomaren AbrĂŒstungsinitiativen der seinerzeitigen SupermĂ€chte nahmen zunĂ€chst die Hoffnungen auf Vermeidung des atomaren Holocaust zu. ZusĂ€tzlich stimuliert wurden sie unmittelbar nach dem Amtsantritt des US-amerikanischen PrĂ€sidenten Barack Obama, der das „Ziel einer Welt ohne Nuklearwaffen“ zu seinem Programm machte.[61] FĂŒr PrĂ€sident Obama rangierte 2009 unter allen internationalen Sicherheitsproblemen der Nuklearterrorismus auf Platz eins der internationalen Gefahrenliste.[62] 2007 hatten vier US-amerikanische Realpolitiker eine „nuklearwaffenfreie Welt“ gefordert, darunter der lange Zeit als „Falke“ geltende ehemalige Außenminister Henry Kissinger.[63] Michael RĂŒhle stellte die Forderung 2008 in den Kontext eines von ihm erkannten „zweiten Nuklearzeitalters“. Dieses sei geprĂ€gt durch eine „Zunahme ‚virtueller‘ NuklearmĂ€chte, die ihr ziviles Nuklearprogramm binnen kĂŒrzester Zeit militĂ€risch nutzen können“, sowie durch die wirtschaftliche Globalisierung. So könne z. B. ein „Staat, der sich ganze Zentrifugen oder sogar BauplĂ€ne von Sprengköpfen beschaffen will,“ diese „auf dem Schwarzmarkt erwerben oder von anderen nuklearen Emporkömmlingen, etwa im Austausch gegen die Lieferung von eigenen ballistischen Raketen, erhalten.“[64]

Der nach dem Kalten Krieg begonnene AbrĂŒstungsprozess ist 2014 praktisch vollstĂ€ndig zum Erliegen gekommen. Stattdessen hatten die AtommĂ€chte umfangreiche Modernisierungsprogramme begonnen, um neue, bessere Atomwaffen zu entwickeln und die Einsatzbereitschaft auf Jahrzehnte hin sicherzustellen.[65]

Frank Sauer, Forscher an der UniversitĂ€t der Bundeswehr MĂŒnchen, hielt 2008 den Nichtgebrauch von Nuklearwaffen seit 1945 keineswegs fĂŒr selbstverstĂ€ndlich, sondern fĂŒr erklĂ€rungsbedĂŒrftig.[66] Insbesondere mĂŒsse geklĂ€rt werden, welche Folgen die Tatsache habe, dass die Welt seit 1990 nicht mehr an den „Polen“ Washington und Moskau ausgerichtet sei. Es sei wahrscheinlich, dass in einer Welt mit immer mehr AtommĂ€chten diese Waffen irgendwann eingesetzt werden. Mehr Kernwaffenstaaten fĂŒhrten zu einer grĂ¶ĂŸeren Gefahr unautorisierten Zugangs zu Waffen und waffenfĂ€higem Material. Terrorgruppen, die ĂŒber Kernwaffen verfĂŒgen, wĂŒrden von deren Einsatz wahrscheinlich nicht abgehalten werden können.[67] 2009 stellte Andreas Herberg-Rothe fest: „Die Verhinderung des Atomkrieges steht seit dem Ende des Kalten Krieges wieder an erster Stelle der internationalen Politik.“[68] Das Risiko eines Atomkriegs geht Herberg-Rothe zufolge vor allem von kleinen AtommĂ€chten aus, die aus Angst vor dem Verlust ihrer ZweitschlagkapazitĂ€t (sofern eine solche ĂŒberhaupt gegeben ist) einen Erstschlag fĂŒhren könnten.

2015 berichtete das Wissenschaftsmagazin „Spektrum der Wissenschaft“ ĂŒber chinesische Modellrechnungen fĂŒr den Fall eines Atomkriegs zwischen Indien und Pakistan. Dabei wĂŒrden „nur“ 0,3 Prozent der weltweit verfĂŒgbaren Atomwaffen eingesetzt. Trotzdem wĂŒrden in dem nicht unmittelbar von dem Krieg betroffenen China „die Reisproduktion um ein knappes Drittel, die von Mais um ein FĂŒnftel und die von Weizen sogar um mehr als die HĂ€lfte“ zurĂŒckgehen. Mindestens eine Milliarde Menschen weltweit wĂŒrden akut vom Hungertod bedroht sein.[69] Im Jahr 2019 gewinnen solche „Gedankenspiele“ dadurch an Bedeutung, dass sich der seit Jahrzehnten schwelende Kaschmir-Konflikt deutlich verschĂ€rft hat. Pakistan und Indien könnten jeweils 140 bis 150 Atomsprengköpfe im Rahmen des Konflikts einsetzen.[70]

Im FrĂŒhjahr 2016 stellte Spiegel Online fest: „Der US-PrĂ€sident [Obama] will seine Vision einer Welt ohne Atomwaffen erneuern. Dabei ist sie lĂ€ngst gescheitert.“ Obama habe Nordkorea nicht daran hindern können, zur seinerzeit jĂŒngsten Atommacht zu werden, obwohl ihm das im Fall des Iran gelungen sei.[71]

Einige Experten sahen bereits frĂŒhzeitig mit der Annexion der Krim 2014 ein neues Zeitalter anbrechen, das mit der Verletzung der territorialen IntegritĂ€t der Ukraine begonnen habe. Am 3. April 2014 kommentierte Jana Puglierin fĂŒr die Deutsche Gesellschaft fĂŒr AuswĂ€rtige Politik die Lage. „Der erste Verlierer der Krim-Krise heißt internationale atomare Nichtverbreitung. Denn 1994 unterzeichnete die Ukraine mit Russland, den USA und das Vereinigte Königreich das Budapester Memorandum. Als Gegenleistung fĂŒr den Verzicht auf die im Land stationierten sowjetischen Nuklearwaffen erklĂ€rten sich Russland, die USA und Großbritannien bereit, die SouverĂ€nitĂ€t, die Grenzen und die politische und wirtschaftliche UnabhĂ€ngigkeit der Ukraine zu achten.“ Puglierin bezweifelt, dass nach der Annexion der Krim je ein Staat wieder dazu bereit sein werde, Atomwaffen abzugeben oder deren Entwicklungsprogramme einzustellen, wenn völkerrechtlich verbindliche Verpflichtungen von Vertragspartnern nicht mehr eingehalten wĂŒrden.[72]

Bereits 2015 hatte „Spiegel Online“ in einem „Das nukleare Gespenst kehrt zurĂŒck“ betitelten Artikel die These aufgestellt, dass die Annexion der Krim 2014 durch Russland „die Nato und Russland in den Kalten Krieg zurĂŒckgeworfen“ habe. Die Zusammenarbeit bei der nuklearen Sicherheit sei eingestellt worden, und ein „Rotes Telefon“ gebe es nicht mehr.[73]

Im PrĂ€sidentschaftswahlkampf 2016 soll Donald Trump die (rhetorische?) Frage gestellt haben: „Wenn wir Atomwaffen haben, warum setzen wir sie nicht ein?“[74] Donald Trump regte 2016 an, Japan und SĂŒdkorea sollten eigene Atomwaffen bauen (was zu einer VergrĂ¶ĂŸerung der Zahl der AtommĂ€chte fĂŒhren wĂŒrde). Als PrĂ€sident kĂŒndigte er den INF-Vertrag; er trat am 2. August 2019 außer Kraft.[75] Allerdings erschien wĂ€hrend der ersten Amtszeit Donald Trumps als PrĂ€sident der USA der Iran-Konflikt als die gefĂ€hrlichste Auseinandersetzung mit einer großen Wahrscheinlichkeit des Einsatzes von Atomwaffen neben dem Kaschmir-Konflikt.[76]

Noch 2018 stellten Politikwissenschaftler fest, dass innerhalb der NATO ernsthaft ĂŒber die Frage disputiert werde, ob nicht „eine dauerhafte europĂ€ische Sicherheitsarchitektur nur mit und nicht gegen Russland aufgebaut werden“ könne.[77] Dabei spielen auch die taktischen Kernwaffen der NATO eine Rolle, da sie im Besitz der USA sind.

Einem Beitrag des „Spiegel“[78] im Februar 2020 zufolge interviewten Mitarbeiter des Stevens Institute of Communication 1500 US-Amerikaner. Die Wahrscheinlichkeit, dass sie in ihrem Leben einen Atomkrieg erleben wĂŒrden, schĂ€tzten die Befragten durchschnittlich auf 50 Prozent ein. Sorgen habe das aber nur wenigen bereitet. Die Politikwissenschaftlerin Kristyn Karl meinte, dass „[j]unge Amerikaner [
] fast nichts ĂŒber die Risiken atomarer Waffen“ hörten. Ihnen fehle die Erfahrung des Kalten Kriegs. Im August 2020 verallgemeinerte der „Spiegel“ den Befund. Er zitierte Nikolai Sokov vom „Wiener Zentrum fĂŒr AbrĂŒstung und Non-Proliferation (VCDNP)“ mit den Worten: „Wir haben verlernt, uns vor dem Atomkrieg zu fĂŒrchten. [
] Und das Schlimme ist: Wenn man ihn nicht fĂŒrchtet, wird er unausweichlich.“[79] In dem Artikel werden auch Zweifel daran laut, dass wirklich keine Atommacht einschließlich der etablierten AtommĂ€chte die Absicht habe, einen Erstschlag zu fĂŒhren.

Am 22. Februar 2022, zwei Tage vor dem Einmarsch russischer Truppen in der Ukraine, bilanzierte Hans-Peter Bartels die Bewusstseinslage der meisten Menschen im Westen im 21. Jahrhundert: „Im Ranking der Risiken, mit denen wir persönlich rechnen, ist der Atomkrieg weit nach unten gerutscht. Klima und Terror, Corona und Inflation wirken im 21. Jahrhundert weit bedrohlicher.“[80]

Die ukrainischstĂ€mmige SĂ€ngerin und Komponistin Mariana Sadovska, die zu einer Lesung von Schriftstellern in der Reihe „Kultur im Kanzleramt“ am 28. MĂ€rz 2022 eingeladen worden war, warf der NATO auf dieser Veranstaltung in Gegenwart von Bundeskanzler Olaf Scholz vor, sich allein von der Furcht vor atomarer Vergeltung davon abhalten zu lassen, eine Flugverbotszone in der Ukraine einzurichten. Auch sie habe „große Angst, dass dadurch alles eskaliert und es zu einem Atomkrieg kommt und die ganze Welt untergeht. [
] Aber wir können doch nicht so einen Verbrecher wie Putin davonkommen lassen, nur weil er mit der Atombombe droht. [
] Wenn die Welt untergeht, weil wir der Ukraine helfen, [
] dann soll es halt so sein!“[81] Der Berichterstatter, Patrick Bahners, weist in seinem Artikel darauf hin, dass Sadova nicht auf die Möglichkeit eingegangen ist, dass Putins Drohungen, Atomwaffen einzusetzen, nur Bluff sind.

Dass Russland im Fall einer (drohenden) Niederlage in einem mit konventionellen Waffen gefĂŒhrten Krieg einen Atomkrieg beginnt, hĂ€lt Timothy Snyder fĂŒr wenig wahrscheinlich: Putin habe fast komplette Kontrolle ĂŒber die Wahrnehmung des Krieges in seinem Land. Seinen ErklĂ€rungen wĂŒrden die meisten Russen glauben. Putin könne also einen Krieg verlieren, ohne wegen drohender Blamage bis zu dem Atomkrieg eskalieren zu mĂŒssen.[82]

Im April 2022 konkretisierte Putins Pressesprecher Dmitri Sergejewitsch Peskow Russlands PlĂ€ne zum Einsatz von Atomwaffen im Ukrainekrieg: „Das Ergebnis dieser ‚Operation‘ ist natĂŒrlich kein Grund zum Einsatz von Atomwaffen.“ Ein Grund fĂŒr einen solchen Einsatz sei nur die „Bedrohung der Existenz des Staates“ Russland.[83] Der US-amerikanische PrĂ€sident Joe Biden hatte bereits im Dezember 2021 erklĂ€rt, dass es „alleiniger Zweck der US-Atomwaffen“ sei, „nukleare Angriffe abzuschrecken und, falls nötig, auf diese zu reagieren. Gegen konventionelle Aggressionen wĂŒrden die USA nie Kernwaffen einsetzen.“[84] Das deutsche Bundesministerium der Verteidigung betont: „Mit dem Einsatz von Truppen in der Ukraine wĂŒrde die NATO unmittelbar zu einer Konfliktpartei werden. Dabei bestĂŒnde die Gefahr, dass der Konflikt erheblich weiter ĂŒber die Ukraine hinaus eskalieren“ und die atomare Schwelle ĂŒberschritten werden kann.[85]

Seit der Annexion ukrainischer Gebiete durch Russland am 5. Oktober 2022[86] besteht die Gefahr, dass Russland den Versuch, diese zurĂŒckzuerobern, als „Bedrohung der Existenz des Staates Russland“ bewertet. US-PrĂ€sident Joe Biden erklĂ€rte am 7. Oktober 2022, dass die Welt einem Atomkrieg so nahe sei wie in der Kubakrise. Es drohe ein „Armageddon“.[87]

Am 22. MĂ€rz 2023 beantwortete der US-amerikanische Kriegsforscher James D. Fearon in einem Interview aus seiner Sicht die Frage, wie wahrscheinlich die Eskalation des Kriegs ĂŒber die nukleare Schwelle hinweg sei: „Was die Frage des nuklearen Risikos angeht, so glaube ich, dass man das nicht kleinreden darf. Aber das Risiko ist nicht immer gleich gross. Letzten Herbst ([2022]) war es grösser als jetzt. Die US-Regierung geht davon aus, wenn ich sie richtig verstehe, dass der Einsatz einer taktischen Atombombe möglich wĂ€re. Und zwar in einem Szenario, in dem die russische Armee zusammenbricht und in dem die Krim plötzlich in Gefahr ist. Das ist nicht sehr wahrscheinlich, aber das Risiko ist auch nicht gleich null. Zudem können immer auch UnfĂ€lle passieren. Gerade wenn man die Inkompetenz des russischen MilitĂ€rs sieht, ist das nicht ermutigend.“[88]

Eine pessimistische Analyse der Weltlage lieferte im Mai 2023 Siegfried Hecker, frĂŒherer Direktor von Los Alamos. Keine der „vier SĂ€ulen der nuklearen Ordnung der vergangenen Jahrzehnte“ sei noch intakt. Das gelte erstens fĂŒr das „nukleare Tabu“, zweitens die Nichtverbreitung von Kernwaffen, drittens den Kampf gegen den nuklearen Terrorismus und viertens den rein friedlichen Charakter der zivilen Nutzung der Kernenergie. Die Gefahr, so Hecker, „die heute besteht, ist nicht ein einzelnes Ereignis. Es ist das Ende der nuklearen Ordnung selbst.“[89] Die Diskussion ĂŒber eine „Krise der Nuklearen Ordnung“ begann nicht erst mit der Annexion der Krim durch Wladimir Putin. Bereits 2007 wurde diskutiert, ob nicht George W. Bush eine Hauptrolle bei der Entstehung der Krise gespielt habe (vgl. Krieg gegen den Terror).[90] Oliver ThrĂ€nert, Leiter des „Centers for Security Studies (CSS)“ an der Eidgenössischen Technischen Hochschule ZĂŒrich, sah 2010 die Hauptgefahr fĂŒr die „nukleare Ordnung“ darin, dass es „mehr instabile Akteure ohne FĂ€higkeit zu ‚nuklearem Lernen‘“ gebe.[91]

Zivile Nutzung der Atomenergie

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Ein anderer Aspekt des Atomzeitalters ist darin zu sehen, dass das Prinzip der Kernspaltung eine neue Form der Energienutzung ermöglicht, und zwar vor allem in Form der Stromerzeugung in Atomkraftwerken. Diese neuartige Energiequelle wurde zuerst auch militĂ€risch genutzt: Im Rahmen des Manhattan-Projekts gelang Enrico Fermi am 2. Dezember 1942 die erste kontrollierte nukleare Kettenreaktion in einem Kernreaktor in Chicago (Chicago Pile One). Mindestens bis in die 1970er Jahre galt die neue Form der Energienutzung ĂŒberwiegend als technischer Fortschritt. Die Emissionen aus Atomkraftwerken wurden als sehr gering bewertet. Der GAU in Three Mile Island (1979) sowie die Super-GAUs in Tschernobyl (1986) und Fukushima (2011) ließen die Skepsis gegenĂŒber dieser positiven Sichtweise wachsen.

Die heute noch unter AnhĂ€ngern von Atomkraftwerken verbreitete Formulierung „friedliche Nutzung der Kernenergie“[92] wird von Kritikern als Euphemismus bewertet, in dem ein „strahlender Akkord [
] von kerniger Energie, NĂŒtzlichkeit und Frieden“ ertöne.[93] Das Problem der industriell betriebenen Kernspaltung zur Nutzung der Kernenergie liegt darin, dass stĂ€ndig neue radioaktive Spaltprodukte geschaffen werden, die sicher von der Umwelt abgeschirmt werden mĂŒssen und einzelne Endprodukte teilweise eine sehr lange Halbwertszeit aufweisen. Dies macht sichere Endlager erforderlich. Ein genehmigtes Endlager fĂŒr hochradioaktive Substanzen existiert derzeit (Stand: Mai 2023) weltweit nur in Finnland, und zwar auf der Insel Olkiluoto, in der Gemeinde Eurajoki.[94]

Insbesondere nach der Nuklearkatastrophe von Fukushima 2011 wurde in Deutschland und weiteren Staaten von verschiedenen Seiten das „Ende des Atomzeitalters“[95] ausgerufen; in manchen anderen LĂ€ndern dagegen wurden seit Anfang der 2010er Jahre neue Atomkraftwerke konzipiert und gebaut.[96] Damals war allerdings weltweit die Zahl betriebener Atomkraftwerke rĂŒcklĂ€ufig. Der Anteil des Atomstroms am Energiemix sank weltweit von ca. 17,5 Prozent im Jahr 1996 auf ca. 10 Prozent 2019. Ohne dauerhafte staatliche Subventionen sind laut dem Kernkraftgegner und Nuklearanalysten Mycle Schneider neue Atomkraftwerke unrentabel. Finanzmathematiker rechneten 2011 aus, dass Kernkraftwerke 72 Milliarden Euro jĂ€hrlich fĂŒr ihre Haftpflichtversicherung bezahlen mĂŒssten, wenn sie alle Risiken ohne Subventionen abdecken wollten. Um diesen Betrag zu erwirtschaften, mĂŒsste der Strompreis verzwanzigfacht werden.[97] Christian Stöckers Fazit zu den Kosten der Atomenergie lautete 2021: Die SchĂ€den, die das „GeschĂ€ftsmodell Atomkraftwerke“ verursache, „und die Risiken, die es birgt, werden vergesellschaftet. FĂŒr die – statistisch betrachtet nach aktuellem Stand tatsĂ€chlich ziemlich kleinen, aber eben im Schadensfall katastrophalen – Risiken haftet im Zweifelsfall der Staat. Also wir alle.“ Die Kosten der Endlagerung abgebrannter KĂŒhlelemente seien, so Stöcker, unbekannt und in der o. g. Kalkulation nicht enthalten.[98]

Weniger als die HĂ€lfte der weltweit betriebenen 417 Atomkraftwerke war 2019 jĂŒnger als dreißig Jahre.[99] Galt zum Zeitpunkt des Baus vieler Reaktoren eine bilanztechnische Lebenszeit von vierzig Jahren als Grundlage der Kalkulationen, so sind einige Kraftwerke seit ĂŒber fĂŒnfzig Jahren in Betrieb, so das Kernkraftwerk Beznau. In den USA haben einige Kraftwerke bereits Lizenzen fĂŒr eine Gesamtbetriebszeit von achtzig Jahren erhalten.[100][101]

Neben der Nutzung von Kernenergie zur Erzeugung elektrischer Energie gibt es auch Nutzungskonzepte fĂŒr den Kernenergieantrieb, u. a. fĂŒr Schiffe. Jedoch lĂ€sst sich aus technischer Sicht die zivile Nutzung (siehe Liste ziviler Schiffe mit Nuklearantrieb) nicht von der militĂ€rischen Nutzung (siehe Atom-U-Boot) trennen. FrĂŒhe Konzepte aus den 1950er Jahren schlugen auch den Kernenergieantrieb von Automobilen und Lokomotiven vor, wurden aber nicht umgesetzt. DarĂŒber hinaus gab es Konzepte zum nuklearen Antrieb von FluggerĂ€ten.

Forschungsreaktoren wie der Forschungsreaktor MĂŒnchen II haben neben ihren Funktionen in Grundlagenforschung und Ausbildung bis heute unschĂ€tzbaren Wert in Nuklearmedizin und Industrie und dienen unter anderem der Erzeugung medizinischer Radionuklide sowie der Transmutationsdotierung in der Halbleiterfertigung. Auch LĂ€nder wie Deutschland oder Australien[102][103], welche aus der Nutzung der Kernenergie zur Stromerzeugung ausgestiegen sind oder diese nie betrieben haben, werden derartige Forschungsreaktoren auf absehbare Zeit weiter betreiben, um diagnostische Isotope wie Technetium-99m weiterhin zur VerfĂŒgung zu stellen. Auch kommerzielle Leistungsreaktoren dienen teilweise der Erzeugung medizinischer Radionuklide, so Cobalt-60 am Kernkraftwerk Bruce in Kanada.[104]

Eine einheitliche mehrheitliche Meinung der Menschen in den Staaten der EuropĂ€ischen Union zur Kernkraft gibt es nicht. Die traditionell starke Ablehnung der Kernenergie in deutschsprachigen LĂ€ndern ist fĂŒr die „Neue ZĂŒrcher Zeitung“ aufgrund der Geschichte der dort relativ starken GrĂŒnen kein Zufall.[105] Zugleich habe, so Okascharow, „[v]on den Niederlanden ĂŒber Tschechien und Polen bis Frankreich und Grossbritannien [
] die Atomkraft [
] an Zuspruch gewonnen.“ Zwar kommen in Frankreich â€žĂŒber 70 Prozent des Stroms aus der Kernkraft“; Okasharow weist allerdings nicht darauf hin, dass weniger als 50 % der in Frankreich Befragten 2021 die Frage, ob sie in den nĂ€chsten 20 Jahren mit positiven Auswirkungen der Atomkraft rechnen, bejahten. Laut der Zeitschrift „Capital“ gab es ungefĂ€hr gleich viele Mitgliedsstaaten der EU, in denen die „Ja“-Antworten auf diese Frage eine absolute Mehrheit bildeten, wie Staaten, in denen das nicht der Fall war.[106] Beide Quellen stĂŒtzen sich auf die in der Einleitung erwĂ€hnte Befragung des „Eurobarometers“.

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  • Wolfgang D. MĂŒller: Geschichte der Kernenergie in der Bundesrepublik Deutschland: Auf der Suche nach dem Erfolg - Die Sechziger Jahre (Bd. 2/3). Band 2. SchĂ€ffer-Poeschel Verlag, Stuttgart 1996, ISBN 3-8202-1029-6.
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  • Wolfgang D. MĂŒller: Geschichte der Kernenergie in der DDR (Bd. 3/3). Band 3. SchĂ€ffer, Verl. fĂŒr Wirtschaft u. Steuern, Stuttgart 2001, ISBN 978-3-7910-1779-2.
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Commons: Atomzeitalter – Sammlung von Bildern und Videos
Wiktionary: Atomzeitalter – BedeutungserklĂ€rungen, Wortherkunft, Synonyme, Übersetzungen

Einzelnachweise

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  10. 1 2 Réunion des pays membres de l'Alliance du nucléaire : le nucléaire pourrait fournir jusqu'à 150 GW de capacité électrique d'ici 2050 à l'Union européenne | MinistÚres Aménagement du territoire Transition écologique. Abgerufen am 15. September 2025 (französisch).
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  70. ↑ Kaschmir-Konflikt: Forscher haben die verheerenden Auswirkungen berechnet, wenn Indien und Pakistan Atomwaffen einsetzen (Memento vom 6. MĂ€rz 2019 im Internet Archive). heute-nachrichten.eu. 1. MĂ€rz 2019
  71. ↑ Veit Medick / Wieland Wagner: Erster Besuch eines US-PrĂ€sidenten – Obamas heikle Hiroshima-Mission. Spiegel Online, 26. Mai 2016
  72. ↑ Jana Puglierin: Wir dĂŒrfen die Annexion der Krim nicht einfach hinnehmen! Deutsche Gesellschaft fĂŒr AuswĂ€rtige Politik, 3. April 2014, abgerufen am 23. Mai 2023.
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  74. ↑ Konstantin Hofmann: „Wenn wir Atomwaffen haben, warum setzen wir sie nicht ein?“. faz.net. 3. August 2016
  75. ↑ tagesschau.de: Nach Ausstieg der USA: INF-Vertrag mit Russland endet offiziell. In: Tagesschau. 2. August 2019, abgerufen am 25. MĂ€rz 2026.
  76. ↑ Erich Follath, Georg Mascolo, Holger Stark: Atomabkommen: "Wenn einer aufsteht, um dich zu töten, töte ihn zuerst". In: Die Zeit. 4. September 2019, ISSN 0044-2070 (zeit.de [abgerufen am 25. MĂ€rz 2026]).
  77. ↑ Helmut W. Ganser, Wulf Lapins, Detlef Puhl: Was bleibt vom Westen? – Wohin geht die NATO? Friedrich-Ebert Stiftung, Februar 2018, S. 5, abgerufen am 23. Mai 2023.
  78. ↑ Keine Angst vor dem Atomkrieg. In: „Der Spiegel“. Ausgabe 8/2020. 15. Februar 2020, S. 95
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  81. ↑ Patrick Bahners: Eine Ukrainerin im Kanzleramt: Weltuntergang? Dann soll es halt so sein! faz.net, 29. MĂ€rz 2022, abgerufen am 31. MĂ€rz 2022.
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  83. ↑ Max Boenke, Claudia Bracholdt, Nicolás Pablo Grone: Nukleare Abschreckung: Wie Putin die Welt erpresst. zeit.de, 2. April 2022, abgerufen am 8. April 2022.
  84. ↑ Liviu Horovitz, Claudia Major, Jonas Schneider, Lydia Wachs: Bidens Idee einer »sole purpose«-Nukleardoktrin fĂŒr die USA. Stiftung Wissenschaft und Politik, 7. Dezember 2021, abgerufen am 8. April 2022.
  85. ↑ Ukraine-Krieg: Wie reagiert die NATO? Bundesministerium der Verteidigung, 9. MĂ€rz 2022, abgerufen am 8. April 2022.
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  87. ↑ Biden warnt vor »Armageddon«. spiegel.de, 7. Oktober 2022, abgerufen am 19. Oktober 2022.
  88. ↑ Michael Schilliger: «Die Krim als rote Linie darzustellen: Das ist eine Verhandlungsstrategie – und keine gottgegebene Sache». nzz.ch, 22. MĂ€rz 2023, abgerufen am 9. April 2023.
  89. ↑ „Es steht alles auf dem Spiel“. „Spiegel-GesprĂ€ch“ mit Siegfried Hecker. In: „Der Spiegel“. Ausgabe 19/2023. 6. Mai 2023. S. 75
  90. ↑ Roland Hiemann: Die nukleare Ordnung in der Krise. William Walkers »nukleare AufklĂ€rung« und seine Kritiker. In: SWP-Zeitschriftenschau 4/2007. Wissenschaft und Politik, Deutsches Institut fĂŒr Internationale Politik und Sicherheit, August 2007, abgerufen am 22. Mai 2023.
  91. ↑ Oliver ThrĂ€nert: Rettet die nukleare Ordnung ... und schafft die Atomwaffen ab. internationalepolitik.de, MĂ€rz 2010, S. 14, abgerufen am 22. Mai 2023.
  92. ↑ z. B. Klaus Möbius: Die friedliche Nutzung der Kernenergie in Deutschland – Probleme der Energiepolitik (Memento des Originals vom 10. Dezember 2011 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprĂŒft. Bitte prĂŒfe Original- und Archivlink gemĂ€ĂŸ Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.. „BĂŒrger fĂŒr Technik e. V.“, 2. April 2011.
  93. ↑ Hartmut GrĂŒndler: Kernenergiewerbung. Die sprachliche Verpackung der Atomenergie. Aus dem Wörterbuch des Zwiedenkens. In: Literaturmagazin 8. Die Sprache des Großen Bruders. Rowohlt 1977. S. 73.
  94. ↑ Endlager in Finnland. Bundesamt fĂŒr die Sicherheit der nuklearen Entsorgung (BASE), abgerufen am 28. Mai 2023.
  95. ↑ z. B. Titelgeschichte Fukushima 12. MĂ€rz 2011, 15.36 Uhr – Das Ende des Atomzeitalters. Der Spiegel Ausgabe 11/2011.
  96. ↑ Kernkraftwerke – Das vierte Atomzeitalter naht. zeit.de. 15. Juni 2010.
  97. ↑ Die teuerste Haftpflichtpolice der Welt. manager-magazin.de, 11. Mai 2011, abgerufen am 7. April 2023.
  98. ↑ Christian Stöcker: Kernkraft ist nachhaltig – nachhaltig unversicherbar. spiegel.de, 12. Dezember 2021, abgerufen am 7. April 2023.
  99. ↑ Stefan Schultz: Energiewende: Bedeutung der Atomkraft sinkt weltweit. Spiegel Online. 21. September 2019
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  104. ↑ https://www.world-nuclear-news.org/Articles/Bruce-Power-harvests-cobalt-60-for-medical-sterili
  105. ↑ Kalina Oraschakow: UmkĂ€mpfte Kernkraft in Europa: Sie ist ein wichtiger Beitrag, aber nicht der Königsweg im Klimaschutz. nzz.ch, 18. Januar 2022, abgerufen am 25. Mai 2023.
  106. ↑ Mascha Malburg: Meiler and more. In: „Capital“. Ausgabe Juni 2023. S. 46