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Edzard Reuter

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Edzard Reuter (1991)

Edzard Hans Wilhelm Reuter (* 16. Februar 1928 in Berlin; † 27. Oktober 2024 in Stuttgart) war ein deutscher Manager, von 1987 bis 1995 als Vorstandsvorsitzender der Daimler-Benz AG.

Edzard Reuter (links) mit Gregor Gysi (2013)
Das Grab von Edzard Reuter und seiner Ehefrau Helga auf dem Waldfriedhof Zehlendorf in Berlin

Edzard Reuter war der zweite Sohn von Ernst Reuter, einem bekannten Sozialdemokraten und von 1948 bis zu seinem Tod 1953 Regierender BĂŒrgermeister von West-Berlin. Die Mutter Hanna Reuter, geborene Kleinert, war SekretĂ€rin bei der Parteizeitung VorwĂ€rts und starb 1974. Nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten ging die Familie ins Exil nach Ankara und Edzard Reuter verbrachte seine Kindheit von 1935 bis 1946 in der TĂŒrkei, wo er beispielsweise Eduard Zuckmayer kennenlernte.[1] Ab 1946 war er Mitglied der SPD.

Nach der RĂŒckkehr nach Deutschland begann er im Jahr 1947 ein Studium der Mathematik und Theoretischen Physik an der Berliner UniversitĂ€t (heute Humboldt-UniversitĂ€t) und spĂ€ter an der UniversitĂ€t Göttingen. 1949 wechselte er das Fach und studierte bis 1952 Rechtswissenschaft an der neu gegrĂŒndeten Freien UniversitĂ€t Berlin. Von 1954 bis 1956 hatte er eine Assistentenstelle an der UniversitĂ€t, 1955 legte er die Große juristische StaatsprĂŒfung ab. Nachdem er sich erfolglos bei Daimler-Benz beworben hatte, war er von 1957 bis 1962 in Berlin Prokurist der UFA und danach von 1962 bis 1963 Mitglied der GeschĂ€ftsleitung der MĂŒnchener Bertelsmann Fernsehproduktion.

Im Jahr 1964 verschaffte ihm Hanns Martin Schleyer eine Anstellung in der Zentrale von Daimler-Benz in Stuttgart-UntertĂŒrkheim, wo er spĂ€ter in den Vorstand aufstieg – ab 1973 als stellvertretendes Vorstandsmitglied und ab 1976 als ordentliches Mitglied. Im Juli 1987 wurde er auf Betreiben von Alfred Herrhausen Nachfolger von Werner Breitschwerdt als Vorstandsvorsitzender der Daimler-Benz AG. Bei seinem Amtsantritt bekannte er sich zu einer „offenen“ Unternehmenskultur und nannte als seine Maxime, dass „wir uns gleichrangig gegenĂŒber den Kapitalgebern, gegenĂŒber der Belegschaft und gegenĂŒber der Umwelt verantwortlich fĂŒhlen und danach handeln“.

In der Ära Reuter wurde eine neue Konzernzentrale in Stuttgart-Möhringen fĂŒr etwa 300 Millionen Euro errichtet. Reuter liebte die neue Zentrale, seine Nachfolger verachteten sie. JĂŒrgen Schrempp nannte das campusartige Bauwerk „Bullshit Castle“. Dieter Zetsche ordnete kurz nach seinem Amtsantritt gar den Auszug des Vorstands und den Verkauf der Liegenschaft an, nachdem DaimlerChrysler im Rahmen einer PrĂŒfung seines Immobilienbestandes die GebĂ€ude als „nicht betriebsnotwendig“ eingestuft hatte.[2]

Er war Aufsichtsratsvorsitzender der Berliner Bank AG, stellvertretender Vorsitzender und PrĂ€sidiumsmitglied des Aufsichtsrats der Salzgitter AG, Aufsichtsratsmitglied von AEG-Telefunken, von VIAG (Vereinigte Industrieunternehmungen AG in Berlin und Bonn) und der Motoren- und Turbinen-Union MĂŒnchen GmbH sowie Beiratsmitglied von Mercedes-Benz do Brasil S.A. (bei Dieter Zetsche) und Verwaltungsratsmitglied der Edesa S.A. (Economic Development for Equatorial and Southern Africa) in Luxemburg.

Reuter lebte in Stuttgart-Schönberg.[3] Im Oktober 2024 starb er im Alter von 96 Jahren in Stuttgart. Seine Ehefrau Helga Reuter (* 16. August 1937; † 17. November 2024) starb drei Wochen nach ihm.[4] Sein Grab auf dem Waldfriedhof Zehlendorf ist als Ehrengrab der Stadt Berlin gewidmet.

Diversifizierung bei Daimler

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„Daimler City“: Unter Reuters FĂŒhrung wurde Ende der 1980er Jahre in Möhringen eine neue Konzernzentrale errichtet. (2007)

Reuter wollte aus dem Automobilunternehmen Daimler-Benz einen „integrierten Technologiekonzern“ schaffen.[5] Dazu wurden 1985 unter anderem die Anteile der MAN an der Motoren- und Turbinen-Union und das Luft- und Raumfahrtunternehmen Dornier erworben. Es folgte die Übernahme des zu der Zeit bereits verlustbringenden Elektrokonzerns AEG und der Erwerb der Mehrheit an Messerschmitt-Bölkow-Blohm. Verschiedene Teile dieser Firmen wurden zur DASA zusammengefasst; die Reste der AEG wurden 1996 von seinem Nachfolger JĂŒrgen Schrempp endgĂŒltig liquidiert. 1992 folgte unter maßgebender Beteiligung von JĂŒrgen Schrempp eine Beteiligung an dem Flugzeughersteller Fokker.

Der gesamte Verlust dieses Konzernumbaus von Daimler-Benz durch KĂ€ufe, Betriebsverluste bei den neuen Gesellschaften und Wertberichtigungen summierte sich auf rund 36 Milliarden DM, was Ekkehard Wenger als „grĂ¶ĂŸte Kapitalvernichtung, die es jemals in Deutschland zu Friedenszeiten gegeben hat“ kommentierte.[6] Der Autoexperte Andreas Stockinger sah das vor dem Hintergrund der AbhĂ€ngigkeit Daimlers vom chinesischen Markt anders und hielt Reuters Konzept fĂŒr eine „aufregende, ganz, ganz groß gedachte Vision“.[7] Im Mai 1995 ĂŒbergab Reuter an seinen Nachfolger JĂŒrgen Schrempp, der den Kurs des Konzerns Ă€nderte.[8]

Gesellschaftliches Engagement

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Im August 1994 brachte sich Reuter in einem Spiegel-Interview selbst ins GesprĂ€ch fĂŒr den Posten als Regierender BĂŒrgermeister von Berlin.[9] Die Berliner Parteien griffen dies jedoch nicht auf.

Vor allem wegen seines Engagements fĂŒr den Ausbau des Potsdamer Platzes wurde Reuter 1998 zum EhrenbĂŒrger von Berlin ernannt.

Er war Ehrenvorsitzender des Aufsichtsrats der Bankgesellschaft Berlin und im Vorstand mehrerer kultureller und wissenschaftlicher Förderkreise und Stiftungen, u. a. der Helga und Edzard Reuter-Stiftung zur Förderung der VölkerverstÀndigung[10] und im Kuratorium der Carlo-Schmid-Stiftung sowie der Stiftung Ernst-Reuter-Archiv (bis Mai 2023 Vorsitzender des Kuratoriums).

Seit 2000 war Reuter Teilhaber des Schweizer Technologieunternehmens u-blox, das Schaltkreise fĂŒr GPS-Systeme herstellt.[11] Von 2001 bis 2008 gehörte er als PrĂ€sident (VR-P) dem Verwaltungsrat der u-blox Holding AG an.[12]

Reuter war Mitglied des Kuratoriums der Reportageschule Reutlingen[13] und des Kuratoriums der Hilfsorganisation CARE Deutschland.[14]

Reuter war Beiratsvorsitzender der Kontext: Wochenzeitung.[14]

Reuter und seine Frau besaßen eine umfangreiche Sammlung zeitgenössischer Kunst und verfĂŒgten, dass die Werke nach ihrem Tod versteigert werden sollten, um den Erlös in eine Stiftung einzubringen, die sich der VölkerverstĂ€ndigung und dem internationalen Austausch widmet.[15]

Schriften (Auswahl)

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  • Schein und Wirklichkeit. Erinnerungen. Siedler, Berlin 1998; Goldmann, MĂŒnchen 1999, ISBN 3-442-75571-9.
  • Der schmale Grat des Lebens. Begegnungen und Begebnisse. Hohenheim, 2007; ISBN 978-3-89850-159-0.
  • Stunde der Heuchler. Wie Manager und Politiker uns zum Narren halten. Econ, Berlin 2010, ISBN 978-3-430-20090-5.
  • Egorepublik Deutschland. Wie uns die TotengrĂ€ber Europas in den Abgrund reißen. Campus, Frankfurt am Main 2013, ISBN 978-3-593-39904-1.
  • Eingemischt. Zwischenrufe eines Ă€lteren Herrn. Klöpfer & Meyer, TĂŒbingen 2015, ISBN 978-3-86351-515-7.
Commons: Edzard Reuter – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

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  1. ↑ Barbara Trottnow: Eduard Zuckmayer – Ein Musiker in der TĂŒrkei. Dokumentarfilm. Auf: YouTube, 2:41 Min., abgerufen am 15. Juli 2017
  2. ↑ Immobiliendeal: DaimlerChrysler verkauft Stuttgarter Konzernzentrale. In: Der Spiegel. 27. Oktober 2006, ISSN 2195-1349 (spiegel.de [abgerufen am 30. Oktober 2024]).
  3. ↑ Ex-Daimler-Chef Edzard Reuter: Schatten der Vergangenheit. In: stuttgarter-zeitung.de. (stuttgarter-zeitung.de [abgerufen am 1. September 2017]).
  4. ↑ Pressemitteilung zum Tod von Helga Reuter, reuter-stiftung.de, 18. November 2024
  5. ↑ Detlef Apel: Strukturwandel im Daimler-Benz-Konzern. Carl von Ossietzky UniversitĂ€t Oldenburg, Oldenburg 1997, ISBN 3-931974-37-5, S. 35 ff.
  6. ↑ Schock fĂŒr die AktionĂ€re. In: Der Spiegel. Nr. 31, 1995, S. 28–29 (online).
  7. ↑ Alfred Schmit: Ex-Daimler-Chef Edzard Reuter ist tot – Sozialdemokrat mit kostspieligen Visionen. In: SWR. 29. Oktober 2024, abgerufen am 29. Oktober 2024.
  8. ↑ Hans-Otto Eglau: Der letzte Vorhang. In: Die Zeit, Nr. 8/1996, S. 19
  9. ↑ „Ich bin ansprechbar“. In: Der Spiegel. Nr. 35, 1994 (online).
  10. ↑ Website der Helga und Edzard Reuter-Stiftung (Memento vom 27. September 2013 im Internet Archive)
  11. ↑ Organisationsdiagramm von u-blox (Memento vom 28. Mai 2008 im Internet Archive)
  12. ↑ Einladung zur Generalversammlung der u-blox Holding AG 2008 (Memento vom 20. April 2015 im Internet Archive; PDF) abgerufen am 29. Oktober 2024
  13. ↑ Die Reportageschule. Die Reportageschule, abgerufen am 21. November 2019.
  14. 1 2 Verein / Vorstand / Beirat der KONTEXT: Wochenzeitung. KONTEXT Verein fĂŒr ganzheitlichen Journalismus e. V., 30. Oktober 2024, abgerufen am 4. November 2024.
  15. ↑ Bettina Wohlfarth: Edzard Reuters Kunstsammlung wird versteigert. In: FAZ. 4. Mai 2025, abgerufen am 5. Mai 2025.
  16. ↑ Der Titel bezieht sich auf ein Spottgedicht tĂŒrkischer Kinder ĂŒber den deutschen Jungen mit der Zeile „Edzard mit den blonden Haaren und den Storchenbeinen“.