Geheime Melodie
Geheime Melodie (englischer Originaltitel: The Mission Song) ist ein Spionageroman des britischen Schriftstellers John le CarrĂ© aus dem Jahr 2006. Die deutsche Ăbersetzung von Sabine Roth und Regina Rawlinson erschien im selben Jahr. Vor dem Hintergrund der Kongokriege zeigt der Roman am Beispiel einer internationalen Konferenz die Verstrickungen von politischen und Wirtschaftsinteressen in die MachtverhĂ€ltnisse der Demokratischen Republik Kongo auf. Ein britischer Dolmetscher mit kongolesischen Wurzeln steht plötzlich vor der Aufgabe, einen Krieg zu verhindern.
Inhalt
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Aus Bruno Salvador, genannt âSalvoâ, dem Sohn eines katholischen irischen Missionars und einer kongolesischen HĂ€uptlingstochter, ist nach einer Kindheit in afrikanischen Waisenheimen ein ĂŒberaus angepasster und patriotischer britischer BĂŒrger geworden. Seine Ehefrau Penelope stammt aus der englischen Oberschicht, doch die Liebe zwischen beiden ist lĂ€ngst erkaltet. Sie macht ihrem Chefredakteur Fergus Thorne, genannt âThorne the Hornâ, schöne Augen, und er tröstet sich mit einer aus dem Kongo stammenden Krankenschwester namens Hannah. Beruflich ist Salvo ein vielgefragter Dolmetscher, dessen SpezialitĂ€t die zahlreichen Sprachen des östlichen Kongo sind. Hin und wieder hat auch der britische Geheimdienst schon auf seine FĂ€higkeiten zurĂŒckgegriffen. So bedeutet es keine groĂe Ăberwindung fĂŒr Salvo, als ihn Mr. Anderson aus dem Verteidigungsministerium fĂŒr einen mehrere Tage wĂ€hrenden Spezialauftrag rekrutiert.
Organisiert von einem namenlosen Syndikat internationaler Wirtschaftsunternehmen unter FĂŒhrung Lord Brinkley of the Sands findet auf einer der nördlichen britischen Inseln ein geheimes Treffen statt, bei dem die Zukunft des Kongos beraten wird. HoffnungstrĂ€ger fĂŒr eine friedliche Zukunft ist der âMwangazaâ (âLichtbringerâ), ein Professor fĂŒr kongolesische Geschichte mit der charismatischen Ausstrahlung eines Einsteins, der FĂŒhrer des âPfades der Mitteâ. Mittels eines Aufstandes in Kivu soll er noch vor den Wahlen inthronisiert werden, um StabilitĂ€t und Wohlstand im Land zu schaffen. FĂŒr diesen Plan erhofft man sich die Zustimmung dreier geladener GĂ€ste: der MilizenfĂŒhrer DieudonnĂ© der Banyamulenge und Franco der Mai-Mai, sowie des kongolesischen GeschĂ€ftsmanns Luc, dem halb Goma gehört, und der krankheitshalber von seinem Sohn HonorĂ© Amour-Joyeuse, kurz âHajâ, vertreten wird, einem Absolventen der Pariser Sorbonne.
Salvos Aufgabe ist zweigeteilt: VordergrĂŒndig arbeitet er als Dolmetscher wĂ€hrend der Konferenz, hinter den Kulissen belauscht er die privaten GesprĂ€che der Teilnehmer und gibt die gewonnenen Informationen an seinen FĂŒhrungsoffizier Colonel Maxie und den auĂerhalb jeder Hierarchie stehenden Berater Philip weiter. Trotz verstörender Details ĂŒber die geplante kriegerische Auseinandersetzung, bleibt er patriotisch und vertraut auf einen guten Ausgang. Einzig Haj scheint das Gelingen der Konferenz torpedieren zu wollen. Er hinterfragt die Absichten des Mwangaza, spricht dessen Absprachen mit den âProfitgeiernâ in Kinshasa ebenso an wie die ausgehandelten Abbaurechte des Syndikats an Gold, Diamanten und dem heiĂbegehrten Coltan. Sein Gegenmodell zu einem verlustreichen Krieg in Kivu, von dem nur das Wirtschaftssyndikat, nicht jedoch die einheimische Bevölkerung profitieren werde, besteht in der Aussöhnung mit Ruanda und einer gemeinsamen Wirtschaftsföderation.
In der nĂ€chsten Verhandlungspause wird Salvo Ohrenzeuge, wie Haj von Felix Tabizi alias âTabbyâ, dem SekretĂ€r des Mwangaza, gefoltert wird, um seine HintermĂ€nner zu erfahren. TatsĂ€chlich stellt sich heraus, dass auch Haj nur als Marionette eines niederlĂ€ndisch-amerikanischen Konsortiums fungiert, das unter der Vormacht Ruandas den Kongo auszubeuten hofft. Mit drei Millionen Dollar, die Philip bei Lord Brinkley persönlich beantragen muss, wird schlieĂlich auch Haj gekauft, und dem gemeinsamen Pakt steht nichts mehr im Weg. Nur Salvo ist verstört von dem Gehörten und nimmt heimlich die AbhörbĂ€nder an sich, bevor die Delegation, mĂŒde und erleichtert nach der erfolgreichen Ăbereinkunft, nach London zurĂŒckfliegt.
Mit seiner Geliebten Hannah bespricht er, wie er dem geplanten Putsch und der Ausbeutung des Kongos zuvorkommen kann. WĂ€hrend Hannah sich an Baptiste, den Londoner Vertreter des Pfades der Mitte wenden will, vertraut Salvo einzig Lord Brinkley, einem Adeligen von so untadeligem Ruf, dass nichts anderes vorstellbar ist, als dass er vom Syndikat hintergangen wird. Doch Baptiste ist offensichtlich bestochen, und Lord Brinkley verleugnet dreist jegliche Kenntnis von den VorgĂ€ngen auf der Insel. Salvo weiĂ sich keinen anderen Rat mehr, als sein gesammeltes Wissen niederzuschreiben und in einem Jâaccuse-Brief an Mr. Anderson zu ĂŒbergeben, doch auch der scheinbar so ehrenhafte Beamte enttĂ€uscht ihn und will nur die Beweismittel an sich bringen. Hannah begreift schlieĂlich, dass Haj dem abhörenden Salvo mit seinem unbegreiflichen Gesang nach der Folterung eine Botschaft zukommen lassen wollte, und sie sendet die Tonbandbeweise an den Kongolesen.
Am nĂ€chsten Tag erfahren sie aus den Nachrichten, dass ein Putsch in Kivu vereitelt worden ist. Unter den Gefangenen befindet sich der Mwangaza und Maxie. Die britische Regierung streitet jede Beteiligung an den VorgĂ€ngen ab. Allerdings wird Hannah postwendend in den Kongo abgeschoben, weil sie sich in England illegal politisch betĂ€tigt habe. Salvo hingegen erkennt man die britische Staatsangehörigkeit ab, die wegen des Verschweigens seines Vaters aus Angst vor Sanktionen der katholischen Kirche betrĂŒgerisch erschlichen worden sei. In Auslieferungshaft kann es Salvo kaum erwarten, die einstige britische Heimat zu verlassen, um wieder mit Hannah vereint zu sein. Er erhĂ€lt einen Brief Hajs, in dem ihm dieser UnterstĂŒtzung im Kongo zusagt, obwohl die TonbĂ€nder nicht notwendig gewesen wĂ€ren, seinen Vater von den finsteren Absichten des Mwangaza zu ĂŒberzeugen und zu GegenmaĂnahmen zu bewegen. Die drei Millionen Bestechungsgeld hat er an wohltĂ€tige Organisationen gespendet.
Hintergrund
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Wenige Monate nach Erscheinen des VorgĂ€ngerromans Absolute Freunde, als le CarrĂ© nach einem neuen Thema fĂŒr einen Roman Ausschau hielt, machte im MĂ€rz 2004 ein Vorfall vom afrikanischen Kontinent Schlagzeilen: In Harare, der Hauptstadt Simbabwes, wurde eine Gruppe schwer bewaffneter Söldner unter der Leitung Simon Manns festgenommen, weil sie einen Putsch gegen den Diktator von Ăquatorialguinea Teodoro Obiang Nguema Mbasogo planten. Als Gegenleistung waren den Finanziers der Söldner Rechte zur Ălförderung versprochen worden. Besonderes Aufsehen erregte in der britischen Ăffentlichkeit die Beteiligung von Mark Thatcher, dem Sohn der ehemaligen Premierministerin Margaret Thatcher.[1]
Nach Der ewige GĂ€rtner war le CarrĂ© sehr angetan von der Idee, einen zweiten Roman mit Bezug zu Afrika zu schreiben, insbesondere ĂŒber die Ausbeutung der afrikanischen BodenschĂ€tze durch weiĂe Eindringlinge. Er versetzte das Thema eines Putsches durch gedungene Söldner aus wirtschaftlichem Gewinnstreben in den Kongo, einen Staat zwischen BodenschĂ€tzen, Gewalt und Korruption, der schon durch Joseph Conrads Herz der Finsternis literarisch verewigt worden war (Le CarrĂ© verwies auf den Klassiker in einem Epigraph). Obwohl die Handlung ausschlieĂlich auf britischem Boden stattfindet, wollte le CarrĂ© sie durch lebendige EindrĂŒcke aus dem Kongo anreichern. Da er das Land nicht aus erster Hand kannte, verpflichtete er die Journalistin Michela Wrong als Beraterin. Im April 2006, als die Arbeit am Buch bereits dem Ende zuging, bereiste le CarrĂ© gemeinsam mit Wrong und Jason Stearns doch noch das Land.[1]
WĂ€hrend le CarrĂ© mit einer korrekten Darstellung der kongolesischen Warlords rang, fiel ihm die Figur des Ich-ErzĂ€hlers, des Dolmetschers Salvo, wesentlich leichter. Aufgrund seiner flieĂenden Deutschkenntnisse hatte er in seiner Zeit im diplomatischen Dienst selbst oft als Dolmetscher gedient. An der TĂ€tigkeit faszinierte ihn, dass sie eine BrĂŒcke zwischen den Kulturen schlĂ€gt. Neben dem beruflichen Hintergrund verlieh le CarrĂ© Salvo auch, wie vielen seiner Protagonisten, Elemente seiner eigenen Biografie: Beide wuchsen ohne Mutter und mit abwesendem Vater auf, beide waren in ihrer Kindheit von Geistlichen umgeben, beide besuchten Internate. Nach Veröffentlichung des Romans beschrieb le CarrĂ© Salvo als âeinen Mischling, der zwischen den Welten gefangen ist, darum kĂ€mpft, das Richtige zu tun, ein wenig begriffsstutzig bezĂŒglich vieler Dinge, ĂŒberstĂŒrzt in der Liebe, voller Verlangen zu dienen, aber wem zu dienen? Ich kann nicht so tun, als wĂ€re er nicht wie jemand, den ich ziemlich gut kannte, als ich jung war: ich selbst.â[2]
Ausgaben
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- John le Carré: The Mission Song. Hodder & Stoughton, London 2006, ISBN 0-340-92196-X.
- John le Carré: Geheime Melodie. Aus dem Englischen von Sabine Roth und Regina Rawlinson. List, Berlin 2006, ISBN 3-471-79547-2.
- John le Carré: Geheime Melodie. Lesung von Claude-Oliver Rudolph. Delta Music, Frechen 2007, ISBN 978-3-86538-638-0.
Rezensionen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Ulrich Baron: Der Mann, den es nicht gibt. In: Die Welt vom 28. Oktober 2006.
- Anne Chaplet: Schmutzige Tricks um politische Macht. In: Focus vom 30. Januar 2007.
- Sabine Hamm: Multinationale Gier. In: Deutschlandfunk vom 20. November 2006.
- Johannes Kaiser: Skrupelloser Kampf um Rohstoffe. In: Deutschlandradio Kultur vom 16. November 2006.
- Matthias Matussek: ErzÀhlen auf Leben und Tod. In: Der Spiegel vom 11. September 2006.
- Lothar MĂŒller: Keine Reise nach Afrika. In: SĂŒddeutsche Zeitung vom 2. November 2006.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Rezensionsnotizen zu Geheime Melodie bei Perlentaucher
- John le CarrĂ©: âGegen die Wirklichkeit verblasst jede Fiktionâ. In: Stern vom 23. September 2006.
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- 1 2 Adam Sisman: John le CarrĂ©. The Biography. Bloomsbury, London 2015, ISBN 978-1-4088-4944-6, Kapitel 24: âMr Angryâ.
- â âa hybrid, caught between worlds, struggling to do the right thing, a bit thick about a lot of things, rash in love, wanting to serve, but serve whom? I canât pretend he isnât like someone I used to know fairly well when I was young: me.â Zitiert nach: Adam Sisman: John le CarrĂ©. The Biography. Bloomsbury, London 2015, ISBN 978-1-4088-4944-6, Kapitel 24: âMr Angryâ.