Psalm 104
Der 104. Psalm (nach Zählung des griechischen Septuaginta-Psalters und der Vulgata der 103. Psalm) ist ein poetischer, im Original hebräischer Text aus dem biblischen Buch der Psalmen.
Gattung und Gliederung
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Hermann Gunkel, der BegrĂźnder der Form- und Gattungskritik, kategorisierte Psalm 104 als âHymnus eines Einzelnen,â[1] was auf breite Zustimmung stieĂ, da der Psalm die drei Merkmale aufweist, die ein Hymnus nach Gunkels klassischer Definition haben sollte: 1. Aufforderung zum Lob, 2. Hauptteil (Corpus Hymni), der JHWHs lobwĂźrdige Eigenschaften und Taten beschreibt, 3. Abgesang, in dem der Dichter sein eigenes Singen und Musizieren erwähnt.[2]
Odil Hannes Steck schlug 1982 folgende Gliederung dieses Hymnus vor:
- Hymnuseinleitung: Vers 1a âLobe, meine Seele, JHWH!â
- Hauptteil des Hymnus:
- Verse 1bâ2a â Majestät JHWHs
- JHWH als SchĂśpfer in den drei kosmologischen Räumen: 1. dem Ăźberirdischen Luftraum (Verse 2bâ4), 2. Festland und 3. Meer, zunächst die Scheidung beider (Verse 5â9), dann das Festland ausfĂźhrlich (Verse 10â23) und das Meer in knapper Form (Verse 25â26) je fĂźr sich
- Verse 27â30 âin gewichtiger SchluĂstellungâ als Abschnitt, der JHWH âals den Spender des Lebens preist, seines Daseins, seiner Frist und seiner Versorgung mit Nahrung.â[3]
- Verse 31â32 â Majestät JHWHs
- Vierteiliger Abgesang: Verse 33â35
Diese âmagistrale Analyseâ[4] Stecks Ăźbernimmt Frank-Lothar Hossfeld fĂźr seinen endtextorientierten Kommentar (2008) und bietet fĂźr Psalm 104 ein vierteiliges Aufbauschema:
- I Verse 1â4: ErĂśffnung
- II Verse 5â26: Die Erde als Lebenshaus
- III Verse 27â30: âTheologische Reflexion: Abhängigkeit der GeschĂśpfe vom SchĂśpferâ,[5] dem Spender des Lebensatems und der Nahrung
- IV Verse 31â35: Abschluss
Literar- und Redaktionskritik
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Klaus Dieter Seybold schied 1984 den Schlussteil von Psalm 104 als sekundär aus. Die Verse 31â35 seien eine lockere Abfolge von Unterschriften, die von verschiedenen Händen, mutmaĂlich in der Reihenfolge, in der sie sich jetzt finden, an den eigentlichen Psalmschluss in Vers 30 angefĂźgt worden seien und somit die lebhafte Diskussion Ăźber diesen Psalm bei seinen frĂźhen Lesern erkennen lassen.[6]
Hermann Spieckermann nahm 1989 einen Grundtext des Psalms und drei Fortschreibungen an:[7]
- Grundform: Verse 1aβâ4. 10â11. 14â18. 20â24aÎą. 24b. 27â29a. 30. 33.
- Erste Fortschreibung: Verse 5â7. 9. 12â13. 19. 24aβ. 25â26. 29b. 31â32. 34â35a.
- Zweite Fortschreibung: Verse 8 und 35bÎą
- Dritte Fortschreibung: Vers 35bβ (das Halleluja).
Matthias KĂśckert (2000) sieht ein dreistufiges Wachstum des Psalms. Die älteste Schicht, eine Partizipialreihe, sei im 7. Jhd. v. Chr. oder später durch eine âDu-Schichtâ erweitert worden. Hinzu kam in nachexilischer Zeit eine Ergänzung durch einen Verfasser, der an der uranfänglichen gĂśttlichen GrĂźndungsakt der SchĂśpfung interessiert war, und zuletzt noch kleine Eingriffe von Redaktoren bei der Aufnahme des Textes in das Buch der Psalmen.
Integration ins Buch der Psalmen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Aufbauend auf Spieckermanns und KĂśckerts Annahme eines Grundpsalms mit Fortschreibungen, erklärt Hossfeld die oft beobachtete Bezogenheit der Psalmen 103 und 104 aufeinander so: Aus exilischer Zeit stammen sowohl der Grundpsalm 103 (Verse 1â14) als auch der Grundpsalm 104. Beide stimmen Ăźberein in den Konzepten von JHWH als Spender guter Gaben und Lebenserneuerer sowie der (Mit-)GeschĂśpflichkeit des Menschen. Es habe sich fĂźr eine wohl nachexilische Redaktion nahegelegt, diese beiden Grundpsalmen âin einer Art Diptychonâ zusammenzustellen. Dann erweiterte die Redaktion Psalm 103 und entfaltete dort das vom Anfang des Psalms 104 angeregte Motiv von JHWH als Herrscher mit himmlischem Hofstaat; umgekehrt trug die Redaktion das Motiv des Staubes aus Ps 103,14 LUT in Ps 104,29 LUT ein. Die Verklammerung beider Psalmen wird durch die Ăźbereinstimmenden Rahmenverse beider Psalmen (Selbstaufforderung zum Lob JHWHs) betont.[8]
Ăbereinstimmend mit Spieckermann, nimmt Hossfeld darĂźber hinaus eine zweite nachexilische Redaktion an, die sich ebenso wie die beiden nachfolgenden Geschichtspsalmen 105 und 106 deutlich auf die SchĂśpfungsgeschichte der Priesterschrift bezieht. Daraus ergibt sich nach Hossfeld ein âJanusgesichtâ von Psalm 104: als Grundpsalm feiert er JHWH als Bewahrer und Lenker der SchĂśpfung; durch die zweite nachexilische Redaktion kommt der Bezug auf den uranfänglichen gĂśttlichen GrĂźndungsakt der SchĂśpfung hinzu â das ältere Diptychon der Psalmen 103 und 104 werde âaufgesprengtâ, und die beiden Psalmen je unterschiedlichen Dreiergruppen (101â102â103 und 104â105â106) zugeteilt.[9]
Psalm 104 und der GroĂe Sonnenhymnus
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Seit James H. Breasted 1905 die Ăhnlichkeit des groĂen Aton-Hymnus aus Amarna mit Psalm 104 erkannt hatte,[10] wird das Verhältnis beider Texte zueinander diskutiert. Hier eine Ăbersicht der auffälligsten Parallelen beider Hymnen; bis auf den Ausruf âWie viele sind deine Werke!â stimmt auch die Reihenfolge der Motive Ăźberein:[11]
| GroĂer Aton-Hymnus (Zeile) | Psalm 104 (Vers) | |
|---|---|---|
| LĂśwen kommen nachts aus ihren HĂśhlen, um Beute zu jagen | 33 | 21â22 |
| Die Sonne geht auf, Menschen beginnen mit ihrer Arbeit | 42â45 | 23 |
| âWie viele sind deine Werke!â | 76 | 24aÎą |
| Schiffe und Meerestiere | 46â58 | 24â26 |
| Die Gottheit spendet allen Lebewesen ihre Nahrung | 85â86 | 27 |
| Leben und Tod stehen in direkter Beziehung zur Gottheit | 126â127 | 29â30a |
Wegen des zeitlichen Abstands ist nur eine literarische Abhängigkeit des hebräischen Hymnus vom ägyptischen Hymnus mĂśglich, nicht umgekehrt. Allerdings setzte sich Echnatons Religionsreform nicht durch. Zeugnisse seiner Aton-Verehrung wurden nach seinem Tod wieder getilgt und blieben nur als Inschriften in Grabanlagen erhalten. Es ist also schwer vorstellbar, wie der hebräische Dichter Jahrhunderte später Kenntnis von diesem Aton-Hymnus erhalten konnte. Sirje Reichmann plädiert fĂźr literarische Abhängigkeit und skizziert zwei mĂśgliche Ăberlieferungswege. Beide setzen voraus, dass der GroĂe Aton-Hymnus oder AuszĂźge daraus zur Zeit Echnatons in einem Papyrus-Archiv in Amarna vorhanden war und dort im Kult und im religiĂśsen Unterricht Verwendung fand; beide haben die Schwierigkeit, dass eine vorexilische Entstehung von Psalm 104 angenommen wird und nicht klar ist, wie dieser Psalm die ZerstĂśrung Jerusalems (und des dortigen Tempelarchivs) durch die Neubabylonier 587/586 v. Chr. Ăźberstanden haben kann.
- Variante 1: Während der Amarna-Zeit gelangt dieser Text ßber die hÜfische Korrespondenz in die Stadtstaaten der syro-phÜnizischen Kßste und in ein dortiges Archiv, wo er weiter tradiert wird. VerzÜgert gelangt er aus diesem Archiv zur Kenntnis des vor dem Babylonischen Exil lebenden Psalmdichters.
- Variante 2: Diplomaten und schreibkundige Handelsreisende aus Syrien-Palästina besuchen zur Regierungszeit Echnatons Amarna und bringen eine Abschrift des Textes in ihre Heimatstadt, wo er in einem Archiv aufbewahrt wird. Auch nach dieser Variante erfolgt die Rezeption durch den Psalmdichter zeitverzÜgert.[12]
Annette KrĂźger sieht dagegen keine literarische Abhängigkeit des Psalms 104 vom GroĂen Aton-Hymnus. Der Autor, der wohl im Umkreis des nachexilischen (Zweiten) Jerusalemer Tempels zu denken ist, zeige vielmehr groĂe Gelehrsamkeit und Kenntnis mesopotamischer, ägyptischer und mĂśglicherweise auch ugaritischer Literatur. Die vielfältigen Motive und Traditionen der Nachbarkulturen verbinde er zu einer eigenen Dichtung, die deutlich âpalästinisches Geprägeâ trage.[13] Ein Beispiel ist die typisch levantinische Trias WeinâĂlâBrot anstelle der sowohl in Ăgypten als auch in Mesopotamien gängigen Trias NahrungâKleidungâSalbĂśl.[14]
Rezeption
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Antike Ăbersetzungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Im Septuaginta-Psalter hat Psalm 103 (= Psalm 104 im hebräischen Psalter und in modernen Ăbersetzungen) die Ăberschrift âBezogen auf David;â einige Manuskripte vermerken, dieser Psalm sei âohne Ăberschrift bei den Hebräern.â Vers 1cd lautet in der antiken griechischen Ăbersetzung: âHerr, mein Gott, du wurdest sehr groĂ gemacht (Passiv); mit Lobpreis und Wohlgestalt hast du dich bekleidet.â[15] Die Wiedergabe von hebräisch ××Öš× hĂ´d âHoheitâ durch altgriechisch áźÎžÎżÎźÎżÎťĎγΡĎΚν exomolĂłgesin âLobpreisâ begegnet im Septuaginta-Psalter mehrfach. Davon abgesehen, hatte der antike Ăbersetzer ins Griechische bei diesem Psalm mit dem ungewĂśhnlichen hebräischen Vokabular (mehrere Hapaxlegomena) zu kämpfen und erriet mehrfach eine Bedeutung unbekannter WĂśrter:
- Vers 3b: âder die Wolke zu seinem Zugang macht.â
- Vers 12: âBei ihnen werden die VĂśgel des Himmels wohnen, mitten aus dem Felsen werden sie (ihre) Stimme erschallen lassen.â
- Vers 16a. 17: âDie Bäume des Feldes werden gesättigt werden ⌠dort werden Sperlinge nisten, und das Haus des Reihers fĂźhrt sie an.â
- Vers 26: âDort ziehen Schiffe umher, dieser Drache, den du geformt hast, um ihn zu verspotten.â[16]
In der lateinischen Psalter-Tradition tritt eine von Hieronymus revidierte TochterĂźbersetzung der Septuaginta (Psalterium Gallicanum, eigentlich: Liber Psalmorum iuxta LXX emendatus) neben eine von Hieronymus angefertigte NeuĂźbersetzung aus dem Hebräischen (Psalterium Hebraicum, Liber Psalmorum iuxta Hebraeos). Letztere war aber nicht fĂźr die Verwendung in der Liturgie gedacht, sondern fĂźr die Hand der Gelehrten. Die folgende Tabelle zeigt, wie die Ergänzungen und sinnverändernden Ăbersetzungen des Septuaginta-Psalters in den beiden Versionen des lateinischen Psalters behandelt werden.[17]
| Vers | Psalterium Gallicanum | Psalterium Hebraicum |
|---|---|---|
| 1 | âFĂźr David selbst. Preise den Herrn, meine Seele! Herr, mein Gott, du bist sehr gepriesen worden. In Lobpreis und Schmuck hast du dich gekleidet.â |
âPreise den Herrn, meine Seele! Herr, mein Gott, du bist sehr gepriesen worden. In Ruhm und Schmuck bist du gekleidet.â |
| 3b | â⌠der du die Wolke zu deinem Aufstieg machst âŚâ | â⌠der du die Wolke zu deinem Gefährt machst âŚâ |
| 12 | âDarĂźber werden die VĂśgel des Himmels wohnen, mitten aus den Felsen werden sie ihre Stimme ertĂśnen lassen.â |
âĂber ihnen werden die VĂśgel des Himmels verweilen, mitten aus den Wäldern (de medio nemorum) werden sie ihre Stimme ertĂśnen lassen.â |
| 16a. 17 | âDie Bäume der Ebene werden gesättigt werden ⌠Dort werden die Sperlinge nisten, das Haus des Klippstorches [wird dort sein], er ist ihr FĂźhrer (erodii domus dux es eorum).â |
âDie Bäume des Herrn werden gesättigt werden ⌠Dort werden die VĂśgel nisten, fĂźr die Gabelweihe ist die Tanne ihre Behausung (milvo abies domus eius).â |
| 26 | âDort werden Schiffe vorĂźberfahren; dieser Meeresdrache, den du geschaffen hast, um mit ihm dein Spiel zu treiben.â |
âDort fahren Schiffe vorĂźber; diesen Leviathan hast du geschaffen, damit er mit ihm sein Spiel treibe.â |
Psalmvertonungen
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Im kirchlichen Liedgut spiegelt sich der Psalm in:
- Wie lieblich ist der Maien, Martin Behm (1606) EG 501
- Auf Seele, Gott zu loben, Martha MĂźller-Zitzke (1947) EG 602 (Regionalteil der Evangelischen Landeskirche WĂźrttemberg) sowie im EG-Ergänzungsheft der Badischen Landeskirche Wo wir dich loben, wachsen neue Lieder â plus Nr. 106[18] und im Gesangbuch der Evangelisch-methodistischen Kirche Nr. 64.
- Benedic anima mea, Domino (Kv zum Magnificat, greg, Stundengebet: Vesper), GL 631,5
Motetten:
- Benedic Anima mea Domino, Heinrich Isaac (1450â1517)
- Benedic anima Domino Claudin de Sermisy (1490â1562)
Forschungsgeschichte
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Hermann Gunkel (1929)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In seinem als klassisch geltenden Kommentar aus dem Jahr 1929 bezeichnete Hermann Gunkel Psalm 104 knapp als Hymnus eines Einzelnen und verwies zur Erläuterung auf seine Einleitung in die Psalmen; zum Sitz im Leben nahm Gunkel dort an, solche Hymnen seien von einem Einzelsänger beim Dankopfer im Jerusalemer Tempel angestimmt worden, schlieĂlich aber âder rein private Ausdruck persĂśnlicher FrĂśmmigkeit und eine fromme KunstĂźbung geworden,â schlieĂlich sei das Hymnensingen eine âĂbung des jĂźdischen Hausesâ geworden.[19]
In seiner Kommentierung gliederte Gunkel Psalm 104 folgendermaĂen:
- Vers 1â2a: EinfĂźhrung und allgemeine Schilderung der Majestät JHWHs, der in ein Lichtkleid gehĂźllt ist. Damit ist das Thema des Hymnus gesetzt. Nun folgt die AusfĂźhrung.
- Vers 2bâ23: Erster Teil, worin der Dichter im Partizipialstil (in deutscher Ăbersetzung: Relativsätze) die einzelnen SchĂśpfungswerke JHWHs aufzählt.[20]
- Vers 2bâ4: SchĂśpfung des Himmels. âHier heiĂt es, daĂ Gott die Balken seines Baues in das Wasser gelegt hat, ein Bild, das dem Pfahlbau entlehnt zu sein scheint, und worĂźber sich der Hebräer verwundert: das ewig Feststehende ruht auf dem Schwankenden!â[21]
- Vers 5â9: JHWH hat die Urflut Ăźberwunden und die Erde fest gegrĂźndet.
- Vers 10â18: Gottes Teilung der Welt zwischen Erde und Wasser. Der Psalmist denkt Ăźber den Zweck dieser Dinge nach. âDie Anordnung des Einzelnen, der der Dichter von nun an folgt, ist keine nĂźchtern-genaue, sondern gibt lose aneinander gereihten, leicht hingeworfenen, liebenswĂźrdigen Bildern Raum, wobei er aber seinen Grundgedanken, daĂ aus alledem die Herrlichkeit Gottes hervorgeht, nicht aus den Augen verliert.â[22]
- Vers 10â12: Ăber Quellen und Bäche.
- Vers 13â18: Ăber den Regen vom Himmel, der die Erde fruchtbar macht.
- Vers 19â23: Schilderung der Gestirne mit ihrer regelmäĂigen Bewegung am Himmel und dem Wechsel von Nacht und Tag.
- Vers 24â30: Zweiter Teil: Partizipien fehlen. Allgemeinere Betrachtungen, die auf alle Lebewesen zutreffen.
- Vers 24â26: Der Psalmist zieht die Summe: Staunen Ăźber die Vielfalt der GeschĂśpfe, die in Weisheit geschaffen sind.
- Vers 27â30: Der Dichter schildert âGottes Gewalt Ăźber seine GeschĂśpfe in Leben und Tod. Er kommt, so wĂźrden wir sagen, von der SchĂśpfung auf die Erhaltung der Welt.â[23]
- Vers 31â35: Dritter Teil: âhandelt von der Zukunft und ergieĂt sich in gehäuften WĂźnschenâ:[24]
- Vers 31f: ⌠fßr den Gott
- Vers 33f: ⌠fßr sich selbst
- Vers 35: ⌠gegen die Gottlosen, die von der Erde verschwinden sollen. Ein solcher Wunsch hat nach Gunkel seinen Platz eigentlich im Klagelied, kann aber gelegentlich wie hier auch einen Hymnus beschlieĂen. âZuallerletzt aber kehrt der Dichter zu sich selbst und zu dem Anfange zurĂźck: âlobe, meine Seele, Jahve!ââ[25]
Seinem religionsgeschichtlichen Schwerpunkt entsprechend, nannte Gunkel zu fast jedem Vers Vergleichsmaterial aus den Nachbarkulturen Israels, aus den europäischen Volksmärchen und aus den Anschauungen der zeitgenĂśssischen Araber. Auf die BezĂźge zur SchĂśpfungsgeschichte der Priesterschrift und zum GroĂen Aton-Hymnus ging Gunkel gesondert ein. Die SchĂśpfungsgeschichte kannte der Dichter demnach â ob als literarische Vorlage oder als mĂźndliche Ăberlieferung, bleibt unentschieden; jedenfalls gehe er âin voller Freiheitâ mit diesem Stoff um. In der âdichterischen Haltungâ stehe Psalm 104 babylonischen und ägyptischen Naturschilderungen aber näher, und hier besonders dem GroĂen Aton-Hymnus. Dieser sei auch in den Einzelheiten âziemlich ähnlich und durch irgendwelche Vermittlungen, vielleicht Ăźber PhĂśnizien, sein Vorbild.â Gunkel betonte aber die Unterschiede: âder ägyptische Gott ist die âTagessonneâ selber, der hebräische hat die Sonne geschaffen; der ägyptische ist in die Natur verflochten, der hebräische steht Ăźber und auĂer ihr.â[26] Gunkel hielt eine Entstehung von Psalm 104 in nachexilischer Zeit fĂźr ânicht so selbstverständlichâ, wie das zu seiner Zeit mehrheitlich angenommen wurde, legte sich aber nicht weiter fest.[27]
Hans-Joachim Kraus (1978)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]In seinem Psalmenkommentar aus dem Jahr 1978 charakterisierte Hans-Joachim Kraus, Gunkel folgend, Psalm 104 als âHymnus eines Einzelnenâ, gekennzeichnet durch âhymnische Partizipienâ und das Metrum 3+3. Er gliederte ihn folgendermaĂen:[28]
- Verse 1â4: âLobpreis des Ăźberweltlichen Gottesâ,
- Verse 5â9: SchĂśpfung der Erde durch Ăberwindung der Urflut,
- Verse 10â12: Lebenspendendes Wasser in Quellen und FlĂźssen,
- Verse 13â18: Regen, der alles fruchtbar macht, als Geschenk JHWHs,
- Verse 19â24: JHWH als Herr Ăźber Tag und Nacht,
- Verse 25â26: Meer und Meeresbewohner,
- Verse 27â30: JHWH als Ernährer aller Lebewesen,
- Verse 31â35: Abgesang.
Kraus sah eine Abhängigkeit des Psalms von dem weit älteren Sonnenhymnus Echnatons, vermittelt dadurch, dass die âbronzezeitlichen Städte Palästinas mit dem ägyptischen Gedankengut der Amarna-Zeit gut vertraut waren.â Stoffe und Motive des Sonnenhymnus seien wohl in Liedern, welche die hĂśchste Gottheit der Kanaanäer besangen, tradiert worden; âIsrael hätte dann diese Stoffe und Motive resorbiert,â ebenso wie Elemente der altägyptischen Listenwissenschaft und des syrisch-kanaanäischen Urflutmythos. âAlle diese fremden Elemente sind durch BerĂźhrung mit den Kanaanäern Israel zugeflossen.â[29] Die Beziehungen zum SchĂśpfungsbericht der Priesterschrift reduzierten sich fĂźr Kraus auf wenige âlockere Anspielungenâ; die Entstehungszeit sei unbestimmbar, ein âvorexilisches Datum nicht ausgeschlossen.â[30]
Literatur
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]Kommentare (chronologisch)
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Hermann Gunkel: Die Psalmen, Ăźbersetzt und erklärt. 4. Auflage.[31] Vandenhoeck & Ruprecht, GĂśttingen 1929; 6. Auflage GĂśttingen 1986, S. 445â456 (Digitalisat).
- Hans-Joachim Kraus: Psalmen 60â150 (= Biblischer Kommentar Altes Testament. Band 15/2). 5., grundlegend Ăźberarbeitete und veränderte Auflage. Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 1978, S. 876â887, ISBN 3-7887-0554-X.
- Frank-Lothar Hossfeld, Erich Zenger: Psalmen. Psalm 101â150. (= Herders Theologischer Kommentar zum Alten Testament). Herder, Freiburg im Breisgau / Basel / Wien 2008, S. 67â92 (kommentiert von Hossfeld), ISBN 978-3-451-26827-4.
Monographien und Artikel
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Eckhard von Nordheim: Die Selbstbehauptung Israels in der Welt des Alten Orients: religionsgeschichtlicher Vergleich anhand von Gen 15/22/28, dem Aufenthalt Israels in Ăgypten, 2 Sam 7, 1 KĂśn 19 und Psalm 104. Vandenhoeck & Ruprecht, GĂśttingen 1992, ISBN 3-525-53749-2, doi:10.5167/uzh-151412.
- Bernd Janowski: Hymen und Gebete in Israel und in seiner Umwelt: Komparatistische Aspekte. In: Die Welt des Orients 49/1 (2019), S. 61â80.
- Matthias KĂśckert: Literargeschichtliche und religionsgeschichtliche Beobachtungen zu Psalm 104. In: Reinhard Gregor Kratz, Konrad Schmid (Hrsg.): Schriftauslegung in der Schrift. Festschrift fĂźr Odil Hannes Steck zu seinem 65. Geburtstag. De Gruyter, Berlin/New York 2000, S. 259â279.
- Annette KrĂźger: Psalm 104 und der GroĂe Amarnahymnus: Eine neue Perspektive. In: Erich Zenger (Hrsg.): The Composition of the Book of Psalms. 57. Colloquium Biblicum Lovaniense, Leuven 5.â7. August 2008. Peeters, Leuven 2008, S. 609â621.
- Annette KrĂźger: Das Lob des SchĂśpfers: Studien zu Sprache, Motivik und Theologie von Psalm 104. (= Wissenschaftliche Monographien zum Alten und Neuen Testament. Band 124). Neukirchener Verlag, Neukirchen-Vluyn 2010, ISBN 978-3-7887-2379-8.
- Sirje Reichmann: Psalm 104 und der âGroĂe Sonnenhymnus des Echnatonâ: Erwägungen zu ihrem literarischen Verhältnis. In: Michael Pietsch, Friedhelm Hartenstein (Hrsg.): Israel zwischen den Mächten. Festschrift fĂźr Stefan Timm zum 65. Geburtstag. Ugarit-Verlag, MĂźnster 2009, S. 257â288.
- Sirje Reichmann: Bei Ăbernahme Korrektur? Aufnahme und Wandlung ägyptischer Tradition im Alten Testament anhand der Beispiele Proverbia 22â24 und Psalm 104 (= Alter Orient und Altes Testament. Band 428). Ugarit-Verlag, MĂźnster 2016, ISBN 978-3-86835-175-0.
- Andreas SchĂźle: The God of Life â or: God as Life? Theology of Nature in Psalm 104. In: Hebrew Bible and Ancient Israel, Band 11 (2022), S. 329â351.
- Odil Hannes Steck: Der Wein unter den SchĂśpfungsgaben: Ăberlegungen zu Psalm 104. In: Ders., Wahrnehmungen Gottes im Alten Testament: Gesammelte Studien. Kaiser, MĂźnchen 1982, S. 240â261.
- Klaus Seybold: Psalm 104 im Spiegel seiner Unterschrift. In: Studien zur Psalmenauslegung. Kohlhammer, Stuttgart/Berlin/KĂśln 1998, S. 161â172.
Weblinks
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- Psalm 104 in der EinheitsĂźbersetzung, der Lutherbibel und weiteren Ăbersetzungen aus bibleserver.com
- Psalm 104 in der Biblia Hebraica Stuttgartensia (BHS) auf bibelwissenschaft.de
- Gemeinfreie Noten von Vertonungen zu Psalm 104 in der Choral Public Domain Library â ChoralWiki (englisch)
Einzelnachweise
[Bearbeiten | Quelltext bearbeiten]- â Hermann Gunkel: Die Psalmen, Ăźbersetzt und erklärt, 6. Auflage GĂśttingen 1986, S. 447.
- â Annette KrĂźger: Das Lob des SchĂśpfers: Studien zu Sprache, Motivik und Theologie von Psalm 104, Neukirchen-Vluyn 2010, S. 84.
- â Odil Hannes Steck: Der Wein unter den SchĂśpfungsgaben: Ăberlegungen zu Psalm 104. In: Ders., Wahrnehmungen Gottes im Alten Testament: Gesammelte Studien. Kaiser, MĂźnchen 1982, S. 248 f.
- â Frank-Lothar Hossfeld, Erich Zenger: Psalmen. Psalm 101â150, Freiburg/Basel/Wien 2008, S. 72.
- â Frank-Lothar Hossfeld, Erich Zenger: Psalmen. Psalm 101â150, Freiburg/Basel/Wien 2008, S. 75.
- â Klaus Seybold: Psalm 104 im Spiegel seiner Unterschrift. In: Theologische Zeitschrift, Band 40 (1984), S. 1â11, besonders S. 10 f.
- â Hermann Spieckermann: Heilsgegenwart: Eine Theologie der Psalmen. Vandenhoeck & Ruprecht, GĂśttingen 1989, S. 331 f. (Digitalisat)
- â Frank-Lothar Hossfeld, Erich Zenger: Psalmen. Psalm 101â150, Freiburg/Basel/Wien 2008, S. 88.
- â Frank-Lothar Hossfeld, Erich Zenger: Psalmen. Psalm 101â150, Freiburg/Basel/Wien 2008, S. 88 f.
- â James H. Breasted: A History of Egypt from the earliest times to the Persian conquest. Charles Scribnerâs Sons, New York 1905, S. 371: âThe one hundred and fourth Psalm of the Hebrews shows a notable similarity to our hymn both in the thought and the sequence, so that it seemed desirable to place the most noticeably parallel passages side by side.â (Digitalisat)
- â Sirje Reichmann: Psalm 104 und der âGroĂe Sonnenhymnus des Echnatonâ: Erwägungen zu ihrem literarischen Verhältnis, MĂźnster 2009, S. 263 f.
- â Sirje Reichmann: Bei Ăbernahme Korrektur? Aufnahme und Wandlung ägyptischer Tradition im Alten Testament anhand der Beispiele Proverbia 22â24 und Psalm 104, MĂźnster 2016, S. 183 f.
- â Annette KrĂźger: Das Lob des SchĂśpfers: Studien zu Sprache, Motivik und Theologie von Psalm 104, Neukirchen-Vluyn 2010, S. 445â448.
- â Annette KrĂźger: Das Lob des SchĂśpfers: Studien zu Sprache, Motivik und Theologie von Psalm 104, Neukirchen-Vluyn 2010, S. 440.
- â Wolfgang Kraus, Martin Karrer (Hrsg.): Septuaginta Deutsch. Das griechische Alte Testament in deutscher Ăbersetzung. Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart 2009, S. 856.
- â Jonathan Hong: Der ursprĂźngliche Septuaginta-Psalter und seine Rezensionen. Eine Untersuchung anhand der Septuaginta-Psalmen 2, 8, 33, 49 und 103. Kohlhammer, Stuttgart 2019, S. 321; Ăbersetzung: Wolfgang Kraus, Martin Karrer (Hrsg.): Septuaginta Deutsch. Das griechische Alte Testament in deutscher Ăbersetzung. Deutsche Bibelgesellschaft, Stuttgart 2009, S. 856 f.
- â Lateinischer Text und deutsche Ăbersetzung sind entnommen aus: Michael Fieger, Widu-Wolfgang Ehlers, Andreas Beriger (Hrsg.): Biblia sacra vulgata, Band 3: Psalmi - Proverbia - Ecclesiastes - Canticum canticorum - Sapientia - Iesus Sirach. Lateinisch - deutsch. De Gruyter, Berlin/Boston 2018, S. 534â543.
- â Wo wir dich loben, wachsen neue Lieder â plus, MĂźnchen 2018, Strube Verlag VS 4049, ISBN 978-3-89912-211-4, Nr. 106
- â Hermann Gunkel: Einleitung in die Psalmen: Die Gattungen der religiĂśsen Lyrik Israels. Hrsg. von Joachim Begrich. 1. Auflage Vandenhoeck & Ruprecht, GĂśttingen 1933; 3. Auflage GĂśttingen 1986, S. 66 f. (Digitalisat)
- â Hermann Gunkel: Die Psalmen, Ăźbersetzt und erklärt, 6. Auflage GĂśttingen 1986, S. 447 und 451.
- â Hermann Gunkel: Die Psalmen, Ăźbersetzt und erklärt, 6. Auflage GĂśttingen 1986, S. 448.
- â Hermann Gunkel: Die Psalmen, Ăźbersetzt und erklärt, 6. Auflage GĂśttingen 1986, S. 449.
- â Hermann Gunkel: Die Psalmen, Ăźbersetzt und erklärt, 6. Auflage GĂśttingen 1986, S. 451.
- â Hermann Gunkel: Die Psalmen, Ăźbersetzt und erklärt, 6. Auflage GĂśttingen 1986, S. 452. Zum SchluĂteil des Hymnus verwies Ginkel auf seine Einleitung in die Psalmen, S. 57 f. (Digitalisat)
- â Hermann Gunkel: Die Psalmen, Ăźbersetzt und erklärt, 6. Auflage GĂśttingen 1986, S. 452.
- â Hermann Gunkel: Die Psalmen, Ăźbersetzt und erklärt, 6. Auflage GĂśttingen 1986, S. 453.
- â Hermann Gunkel: Die Psalmen, Ăźbersetzt und erklärt, 6. Auflage GĂśttingen 1986, S. 454, mit Verweis auf die Einleitung in die Psalmen, S. 416â420 (zur Geschichte der Gattung).
- â Hans-Joachim Kraus: Psalmen 60â150, Neukirchen-Vluyn 1978, S. 879 f.
- â Hans-Joachim Kraus: Psalmen 60â150, Neukirchen-Vluyn 1978, S. 880.
- â Hans-Joachim Kraus: Psalmen 60â150, Neukirchen-Vluyn 1978, S. 881.
- â Die ersten drei Auflagen des Kommentars verfasste Friedrich Baethgen. Die 4. Auflage ist somit Gunkels ältester Psalmenkommentar.